Nr. 05/2017 vom 02.02.2017

Demokratie by Doing

Seit über hundert Jahren spricht die Schweizer Politik über die erleichterte Einbürgerung der zweiten Generation. Heute gilt: Wer den Schweizer Pass will, muss «integriert» sein. Es gab auch schon die umgekehrte Idee.

Von Rohit Jain

Um 1900 hatte die Einwanderung im Zuge der Industrialisierung stark zugenommen – und bereitete Sorgen. Der St. Galler Nationalrat Theodor Curti beklagte, dass «in den Grenzstädten die ausländische Bevölkerung die einheimische zu überflügeln» drohe. Er forderte deshalb, «in der Schweiz geborene Kinder von Ausländern zu naturalisieren». Ja, genau: Er forderte das «jus soli», die automatische Einbürgerung der hier Geborenen, damals auch «Zwangseinbürgerung» genannt.

Im republikanischen Geist der Gründerjahre hielten die Verfechter des «jus soli» eine Dreivierteldemokratie für nicht repräsentativ. Ausserdem machten sie sich Sorgen, dass die Militärdienstpflicht die Schweizer benachteilige, die Armenfürsorge hingegen die Ausländer. Die Einbürgerung würde die Ausländer schnell in die gelebte Demokratie einführen, und diese würden die Loyalität zu den Vaterländern verlieren, hofften sie. Das Credo lautete: zuerst Einbürgerung, dann Assimilation! Schweizer werden hiess Demokrat werden, und das bedeutete Learning by Doing.

Doch nach wenigen Jahren hatte dieser republikanisch gefärbte «Überfremdungsdiskurs» die Sprache der erzkonservativen Rechten und der Eugenik aufgesogen. 1913 sinnierte der liberale Staatsrechtsprofessor Walther Burckhardt: «Man wird es vielleicht später als einen Fehler einsehen, nicht mehr Gewicht auf die Erhaltung unserer Rasse gelegt zu haben.» In diesem Geist wurde eines der strengsten Einwanderungsregimes Europas aufgebaut. Die Einbürgerungsfristen wurden von einem Jahr (um 1900) auf fünfzehn Jahre (vor dem Zweiten Weltkrieg) erhöht. Es ist das System, das wir heute kennen und das für viele als natürlich und richtig gilt – und das dazu beiträgt, dass der AusländerInnenanteil nie unter fünfzehn Prozent sinkt. Die zweite Generation ist seither die «Blackbox» geblieben, die voller Sorge, Technokratie und Paranoia überwacht wird. Die Initiative zur erleichterten Einbürgerung der zweiten Generation von 2004 wurde etwa aufgrund einer medialen Kampagne gegen «Kosovoraser» abgelehnt. Damals war im Paket das «jus soli» für die dritte Generation, nun geht es nur noch um ihre erleichterte Einbürgerung. Was passiert, wenn es wieder nicht klappt?

Es kann nicht darum gehen, die liberale Gründerschweiz als migrationspolitisches Paradies hinzustellen. Die republikanische Verfassung schloss Frauen und Juden aus, und in den Kantonen herrschte die rassistische Logik der Zeit. Der Blick zurück macht jedoch deutlich: Das heutige Denken in Assimilation und Generationen ist nicht natürlich gegeben. Es gibt alternative Traditionen – auch in der Schweiz.

Rohit Jain (38) ist Sozialanthropologe an der Universität Zürich.

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