Nr. 06/2017 vom 09.02.2017

Bürgerkrieg mit Countdown

Bald zwei Jahre dauert der Konflikt auf der Arabischen Halbinsel bereits. Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht – auch, weil Länder wie die USA und Deutschland ein Interesse an seinem Fortbestehen haben.

Von Afrah Nasser

Alle zehn Minuten stirbt im Jemen ein Kind wegen Mangelernährung oder fehlender medizinischer Unterstützung. Bei einem Luftangriff zerstörtes Spital in Harad. Foto: Asmaa Waguih, Polaris / laif

Der Krieg im Jemen wird oft als vergessener Krieg beschrieben. Und wenn man sich doch daran erinnert, passiert dies selten aus einer ganzheitlichen Perspektive, die den gesamten Konflikt mit einbezieht. So werden automatisch mangelhafte Schlüsse gezogen. Denn meistens liegt das Hauptaugenmerk auf der Geopolitik, auf der Frage, wie der Jemen zum Schauplatz eines Stellvertreterkriegs zwischen Saudi-Arabien und dem Iran wurde.

Die jemenitische Innenpolitik lässt man dabei ausser Acht, obwohl die interne Dynamik zwischen den verschiedenen politischen Akteuren zu einem grossen Teil die treibende Kraft hinter dem Krieg darstellt. Dabei dominieren gerade Überlebenspolitik und gegenseitige Kontrolle die lokale Politlandschaft – und beeinflussen damit die geopolitische Beziehung zwischen dem Jemen und den anderen involvierten Ländern. Zwei Jahre dauert der Krieg bereits. Doch der Friedensprozess wird gerade dadurch erschwert, dass die «internationale Gemeinschaft» der Innenpolitik des Landes so wenig Beachtung schenkt.

Hoffnungsvoller Aufstand

Entwickelt hat sich der Krieg in drei Phasen: Als Folge des Aufstands von 2011 begann er als Konflikt zwischen dem damaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh und seinen GegnerInnen, insbesondere denen, die halfen, ihn zu stürzen. Mitte des Jahres 2014 trat der Krieg in die zweite Phase ein: als Konflikt zwischen der Allianz von Saleh und den Huthi-RebellInnen auf der einen und Salehs Nachfolger, Übergangspräsident Abed Rabbo Mansur Hadi, auf der anderen Seite. Im März 2015 begann die dritte – bis heute anhaltende – Phase, als Saudi-Arabien den Huthis den Krieg erklärte.

Der Ursprung des Konflikts liegt also im Jahr 2011, als sich die jemenitische Jugend den Aufständen des Arabischen Frühlings anschloss. Ich erinnere mich lebhaft, wie die Menschen nach und nach die Strasse eroberten, angefangen an der Pforte meiner Universität in der Hauptstadt Sanaa. Später wurde der Ort in «Taghyirplatz» umbenannt – Platz des Wandels. Die Jugend forderte den Sturz von Präsident Saleh. Dessen 32-jährige Herrschaft zu beenden, war immer der Traum meiner Generation gewesen. Wir hätten uns jedoch niemals vorstellen können, dass er einmal wahr werden würde – auch wenn wir natürlich wussten, dass die Absetzung des Präsidenten der erste Schritt sein würde, um Salehs Machtapparat zum Bröckeln zu bringen.

Die Proteste gingen über Monate weiter. Zahlreiche Oppositionelle schlossen sich den Aufständischen an, und ehemals Verbündete wandten sich gegen Saleh – darunter auch Ali Mohsen al-Ahmar, ein hoher Militär und Salehs Halbbruder. Der stärkste Schlag gegen Saleh fand statt, als die einflussreichen Stämme und politischen Führungsfiguren die Seiten wechselten. Vielleicht ärgerte sich Saleh fast mehr darüber, dass seine Verbündeten den Spiess umdrehten, als dass die Bevölkerung gegen ihn auf die Strasse ging.

Während die Proteste immer weiter anwuchsen, begann Saleh in seinen Reden, vor einem Putsch oder einem Bürgerkrieg zu warnen. «Denjenigen, die durch einen Putsch die Macht erringen wollen, denen sei gesagt, dass eines ausser Frage steht: Das Heimatland wird nicht stabil genug sein, es wird einen Bürgerkrieg geben, einen blutigen Krieg. Dies sollten sie bedenken», drohte er im März 2011.

Wandel ohne Gerechtigkeit

Die Armee ging daraufhin noch repressiver gegen die Protestierenden vor, das Töten wurde zur Norm. Um dem Blutvergiessen ein Ende zu bereiten, veranlasste der Golfrat, der sechs der sieben Staaten der Arabischen Halbinsel umfasst, im April 2011 ein Abkommen zur «geregelten Machtübernahme». Nach langwierigen Verhandlungen trat Saleh Ende 2011 schliesslich ab. Damit begann der nie ausgesprochene Countdown zum Bürgerkrieg, vor dem Saleh gewarnt hatte.

Das Abkommen des Golfrats garantierte Saleh und Hunderten Angehörigen seines Stammes Straffreiheit. Für uns RevolutionärInnen bestand darin das grosse Scheitern des gesamten Aufstands. Wie kann es sein, dass ein Diktator mit Garantien abtritt? Wie will man einen demokratischen Prozess erreichen, wenn Gerechtigkeit gar nicht erst angestrebt wird? So durchlief der Jemen einen politischen Wandel, ohne Gerechtigkeit anzustreben. Offenbar kann der Golfrat unmöglich eine echte Demokratie im Jemen unterstützen – vermutlich, weil dies die Monarchien in den Golfstaaten bedrohen würde.

Luftangriffe auf Hochzeiten

Unter anderem sah das Abkommen die Bildung einer Nationalversammlung vor. Die sogenannte Nationale Dialog-Konferenz diente dann in den Jahren 2013 und 2014 als Forum für die Klärung der wichtigsten politischen Herausforderungen des Landes. Irgendwann kam es zu Streitigkeiten, vor allem, weil die seit längerem aktiven Huthi-RebellInnen das neue föderale Regierungssystem ablehnten und stattdessen eine schiitisch geprägte religiös-politische Gemeinschaft etablieren wollten. Zugleich strebte Saleh nach Rache. Die RebellInnen und der gestürzte Präsident versuchten, jeden politischen Prozess zu blockieren, später entstand daraus eine Allianz.

Auch wenn die Motive unterschiedlich waren, führte dieser Zusammenschluss zur Eskalation. Die Allianz ging militärisch gegen die GegnerInnen vor und torpedierte die politischen Errungenschaften. Mitte 2014 fielen die RebellInnen in Sanaa ein, das Militär übernahm die Hauptstadt und stürmte den Palast des Übergangspräsidenten. Abed Rabbo Mansur Hadi floh nach Saudi-Arabien, wo er um das militärische Einschreiten der Golfstaaten ersuchte. Im März 2015 entstand unter der Leitung von Saudi-Arabien eine Militärkoalition aus elf arabischen Ländern, die kurz darauf begann, den Jemen zu bombardieren.

Entstanden ist eine der grössten Krisen der Welt: 86 Prozent der Bevölkerung fehlt es an humanitärer Hilfe. Mindestens 10 000 Menschen sind getötet worden – nicht zuletzt, weil jeder dritte Luftangriff Orte wie Spitäler, Schulen oder Plätze, auf denen Hochzeitsgesellschaften feierten, betraf. Die Bevölkerung bezahlt in diesem Krieg einen hohen Preis. Die humanitären Kosten des Kriegs bedeuten auch, dass praktisch eine ganze Generation ausgelöscht wird: Alle zehn Minuten stirbt ein Kind wegen Mangelernährung oder fehlender medizinischer Unterstützung.

Derweil die Fronten komplexer verlaufen, rückt die Erlösung in immer weitere Ferne. Mehrfach sind die Friedensverhandlungen bereits gescheitert. Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht – nicht zuletzt, weil auf den Aufstand die Konterrevolution der Saleh-Huthi-Allianz folgte. Entscheidender für das Scheitern ist jedoch etwas anderes: In den vergangenen Jahren ist im Jemen ein florierender Markt für Waffenhandel und Söldnergeschäfte entstanden.

Britannien, die USA, Deutschland und andere Länder sind wichtige Waffenlieferanten für Saudi-Arabien – sie liefern Drohnen, Bomben, Raketen und Geschosse. SoldatInnen aus Ländern wie Kolumbien oder dem Sudan kämpfen im Jemenkrieg – rekrutiert von Mitgliedern der Militärkoalition. Weil so viele Parteien profitieren, haben alle ein riesiges Interesse daran, dass der Krieg weitergeht.

Nächste Woche jährt sich im Jemen der Aufstand von 2011 zum sechsten Mal. Viele werden dies zum Anlass nehmen, über die Errungenschaften und Fehler nachzudenken. Derweil versuche ich zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. «Revolutionen sind die einzigen politischen Ereignisse, die uns direkt und unausweichlich mit einem Neubeginn konfrontieren», hat die deutsch-amerikanische Theoretikerin Hannah Arendt einmal gesagt. Dasselbe sollten wir zum Jubiläum des Aufstands tun: uns mit dem Neubeginn konfrontieren.

Afrah Nasser ist eine preisgekrönte jemenitische Journalistin und Bloggerin. Sie lebt seit 2011 in Schweden.

Aus dem Englischen von Merièm Strupler.

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