Nr. 09/2017 vom 02.03.2017

Wie ist das Leben in einer Notunterkunft?

Viele Menschen, die in Zürcher Notunterkünften leben, sind von Eingrenzung betroffen: Sie dürfen die Gemeinde, in der die Notunterkunft liegt, nicht verlassen. So wird ein soziales Leben weitgehend verunmöglicht, meint Badreddine Riahi, der in der Notunterkunft Kemptthal lebt.

Von Olivier Würgler (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Badreddine Riahi: «Viele bei uns in der Unterkunft schlafen einen Grossteil der Zeit. Das Leben auf engstem Raum schafft zudem viele Konflikte.»

Herr Riahi, Sie sind noch in einem laufenden Asylverfahren. Normalerweise erhalten nur abgewiesene Asylbewerber Nothilfe. Warum müssen Sie von der Nothilfe leben?
Badreddine Riahi: Mein erstes Asylgesuch wurde abgelehnt. Nun habe ich ein zweites gestellt. Im ersten Asylverfahren bekommt man noch Sozialhilfe. Früher erhielt man diese auch noch während eines erneuten Verfahrens. Doch seit der Verschärfung des Asylgesetzes vor einigen Jahren gibt es nur noch Nothilfe. Das heisst 8.50 Franken pro Tag.

Sie leben bereits seit zwei Jahren in einer Notunterkunft. Wie ist das Leben dort?
Ich habe in zwei verschiedenen Not-unterkünften gelebt. Die Lebensverhältnisse waren an beiden Orten schwierig. Zuerst war ich in der Notunterkunft Rohr in Glattbrugg beim Zürcher Flughafengefängnis. Die Unterkunft besteht aus Metallcontainern, die in der Anflugschneise des Zürcher Flughafens stehen. Wenn ein Flugzeug startete oder landete, zitterte der ganze Container. In der Luft lag stets ein beissender Kerosingestank. Nun lebe ich in der Notunterkunft Kemptthal. Die befindet sich zwischen der Autobahn und einer Zuglinie, ein ziemlich trostloser Ort.

Für Menschen, die im Kanton Zürich von der Nothilfe leben, hat es im letzten Jahr einige Verschärfungen gegeben. Wie nehmen Sie diese wahr?
Von der wohl schlimmsten Verschärfung, der Eingrenzung, bin ich nicht betroffen – zum Glück.

Ein soziales Leben ausserhalb der Notunterkunft wird dadurch praktisch verunmöglicht. Es ist eine Art von Hausarrest. Die Menschen fühlen sich eingesperrt. Ein Mann, der eingegrenzt ist, hat sich bei uns in der Notunterkunft beim Kochen heftig mit einem Messer geschnitten. Er ist mit dem Zug ins Kantonsspital Winterthur gefahren, weil es das nächste Krankenhaus ist. Auf dem Heimweg wurde er im Zug von zivilen Fahndern der Polizei kontrolliert und verhaftet, weil er gegen die Eingrenzung verstossen hatte. Er verbrachte drei Tage in Haft. Solche Ereignisse hinterlassen bei den Betroffenen eine grosse Unsicherheit. Was sollen sie machen, wenn sie sich verletzen? Ebenfalls ein Problem ist, dass es in Kemptthal keine vernünftigen Einkaufsmöglichkeiten gibt.

Eine weitere neue Regel sind die Präsenzkontrollen, die zweimal täglich stattfinden. Morgens und abends müssen wir Anwesenheitslisten unterschreiben. Nur so bekommen wir die Nothilfe von 8.50 Franken pro Tag. Ich empfinde die Präsenzkontrollen als schikanös.

Was machen die eingegrenzten Menschen den ganzen Tag?
Es gibt keine sinnvollen Beschäftigungsmöglichkeiten für sie in Kemptthal. Es hat nicht einmal einen Sportplatz. Zu den Deutschkursen, wie die an der Autonomen Schule in Zürich, an der ich moderiere, dürfen die Menschen seit den Eingrenzungen nicht mehr fahren. Eine Tagesstruktur zu schaffen, wird dadurch fast unmöglich. Die Leute, die von der Eingrenzung betroffen sind, werden mit der Zeit völlig abgestumpft und träge. Viele bei uns in der Unterkunft schlafen einen Grossteil der Zeit. Das Leben auf engstem Raum schafft zudem viele Konflikte.

Wie erleben Sie die Betreuer in den Notunterkünften?
Es ist sehr unterschiedlich. Ein grosses Problem ist, dass die Betreuer überhaupt keine soziale Ausbildung haben. Sie verdienen sehr schlecht und sind selber vielfach in einer prekären Situation. Viele sprechen nur schlecht Deutsch. Es konnte uns beispielsweise niemand erklären, warum nun Präsenzkontrollen eingeführt worden sind. Die Firma ORS Service AG, die für die Betreuung in den Unterkünften zuständig ist, scheint kein Interesse an Qualität zu haben.

Wie meinen Sie das?
Ich weiss aus persönlichen Gesprächen, dass auch die Betreuer sehr schlecht verdienen. Es wird überall gespart. Die Unterkunft in Kemptthal ist eine vollkommene Bruchbude. Rund siebzig Menschen leben dort auf engstem Raum zusammen. Für siebzig Menschen hat es drei Toiletten und drei Duschen. Oft sind sie kaputt.

Hat sich Ihr Bild von der Schweiz in den letzten Jahren verändert?
Bezüglich Menschenrechte und Demokratie war die Schweiz für uns in Tunesien immer ein Vorbild. Abgewiesene Asylbewerber werden hier jedoch wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Mit den Zwangsmassnahmen wurde eine Art Apartheid geschaffen. Daher hat sich mein Bild der Schweiz sicherlich verändert.

Dennoch habe ich gerade in den letzten Jahren sehr schöne Seiten der Schweiz kennengelernt. Es gibt sehr mutige, solidarische Menschen, die sich für unsere Rechte einsetzen. Trotz der ständigen Schikanen der Zürcher Sicherheitsdirektion habe ich mich in der Schweiz nie alleine gefühlt. Ausgrenzung und Diskriminierung gibt es in jedem Land, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Es gibt jedoch immer Menschen, die dagegen Widerstand leisten. Diese Menschen geben einem viel Kraft.

Badreddine Riahi (43) stammt aus Tunesien. Er musste aus seiner Heimat flüchten, weil er dort wegen seines Engagements für einen säkularen Staat von Salafisten bedroht wurde.

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