Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

Wieso sagen Sie «moderieren» und nicht «unterrichten»?

Die Autonome Schule Zürich (ASZ) verfolge ein Bildungskonzept, das Hierarchien so weit wie möglich vermeide, findet Badreddine Riahi. Jeden Mittwoch moderiert er dort einen Anfängerkurs in Deutsch.

Von Olivier Würgler (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Badreddine Riahi: «Bei uns an der Autonomen Schule Zürich gibt es die Unterteilung in Schüler und Lehrer nicht. Wir sprechen uns untereinander als Kollegen und Kolleginnen an.»

WOZ: Herr Riahi, wie sind Sie auf die Autonome Schule Zürich aufmerksam geworden?
Badreddine Riahi: Das war letztes Jahr. Ein Mann, der mit mir in der Notunterkunft lebt, fragte mich, ob es in Zürich die Möglichkeit gebe, kostenlose Deutschkurse zu besuchen. Daraufhin habe ich im Internet recherchiert und bin auf die ASZ gestossen.

Das Konzept hat mich gleich angesprochen. Ich hatte schon länger das Bedürfnis, mich freiwillig zu engagieren. Also bin ich ins Büro der ASZ gegangen und habe mich vorgestellt. Ich habe erzählt, dass ich Asylsuchender sei und Interesse hätte mitzuhelfen. Man hat mir dann vorgeschlagen, dass ich gleich den Kurs «Deutsch als Fremdsprache für Anfänger» übernehmen könne. Zehn Tage später konnte ich loslegen. Seitdem moderiere ich den Kurs an der ASZ jeden Mittwochnachmittag zusammen mit zwei Kolleginnen.

Wieso sagen Sie «moderieren» und nicht «unterrichten»?
Viele eher konservative Schulkonzepte bestehen auf klaren Hierarchien. Auf der einen Seite steht der allwissende Lehrer, auf der anderen Seite die Schüler, die gehorchen müssen. Dieses autoritäre Verhältnis wollen wir an der ASZ nicht. Deswegen gibt es bei uns diese Unterteilung in Schüler und Lehrer nicht. Wir sprechen uns untereinander als Kollegen und Kolleginnen an.

Ist es zwangsläufig autoritär, von Lehrern und Schülern zu sprechen?
Nein, nur weil man in Lehrer und Schüler unterteilt, ist das nicht unbedingt autoritär. Ich denke aber, dass Schulkonzepte, bei denen der Lehrer als absolute Autorität vorne an der Tafel steht und von oben herab unterrichtet, überholt sind. Gerade in vielen europäischen Ländern hat in den letzten Jahrzehnten erfreulicherweise eine positive Entwicklung stattgefunden. Die schwarze Pädagogik wurde zu weiten Teilen überwunden.

Was ist schwarze Pädagogik?
Darunter versteht man konservative Erziehungsmethoden. Sie beinhalten Gewalt und Einschüchterung der Schüler und Schülerinnen als Unterrichtsmittel. Ich habe das in Tunesien in der Schule selber noch erlebt. Inzwischen hat sich jedoch auch dort die Situation verbessert. Soviel ich weiss, sind mittlerweile auch in Tunesien körperliche Strafen verboten.

Wie viele Menschen sind in der Deutschklasse, in der Sie moderieren?
Wir sind jeweils zwischen 55 und 60 Personen. Der Kurs findet im grössten Raum der Autonomen Schule statt. Er wird von Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, aus Asien, Lateinamerika, Italien und Frankreich und noch vielen mehr, besucht. Die Zusammensetzung des Kurses ist im wahrsten Sinne kosmopolitisch.

Was für Angebote gibt es neben den Deutschkursen sonst an der ASZ?
Die Angebote sind vielseitig. Es gibt Deutschkurse auf unterschiedlichen Stufen. Zudem haben wir auch einen Computerraum, in dem die Grundlagen von unterschiedlichen Computerprogrammen unterrichtet werden. Es gibt eine Filmgruppe, Yogakurse und noch vieles mehr. Neben Deutsch werden auch noch weitere Sprachen unterrichtet wie zum Beispiel Türkisch, Arabisch oder Englisch.

Könnte ich an der ASZ vorbeikommen und Arabisch lernen?
Ja sicher. Sie können vorbeikommen und einen Einführungskurs in Arabisch machen. Er wäre, wie das gesamte Angebot an der ASZ, kostenlos. Viele Leute denken, dass an der ASZ nur Asylsuchende und Sans-Papiers Deutschkurse besuchen. Das ist falsch, das Angebot ist offen für alle. Sie müssten sich nur im Büro anmelden.

Besuchen Sie selber auch Kurse in der ASZ?
Nein, ich konzentriere mich zurzeit auf das Moderieren. Neben der ASZ moderiere ich noch beim Solinetz Deutschkurse in der Kirche Fluntern. Ich arbeite auch in einer Gruppe mit, die Flüchtlinge in rechtlichen Fragen berät. Ich begleite als Übersetzer Asylsuchende zu ihren Anwälten. An diesem Samstag werde ich zudem an der Veranstaltung «Wo Unrecht zu Recht wird» übersetzen. Diese wird von der ASZ mitorganisiert.

Um was geht es bei dieser Veranstaltung?
Es geht uns darum, die Menschen dafür zu sensibilisieren, wie die Zwangsmassnahmen auf die Menschen in den Notunterkünften wirken. An der Organisation sind ganz unterschiedliche Gruppen beteiligt, es gibt Kunstaktionen und Workshops.

Die Organisatoren versuchen, an diesem Tag Sonderbewilligungen für die eingegrenzten Personen zu bekommen, damit auch sie an der Veranstaltung teilnehmen können. Wissen Sie schon, ob das klappt?
Es gibt eine Gruppe bei uns, die sich zurzeit darum kümmert, eine kollektive Bewilligung einzuholen. Nur wenn die Menschen, die von der Eingrenzung betroffen sind, selber vor Ort zu Wort kommen, kann ein authentisches Bild der Lage gezeichnet werden, in der sie sich befinden. Ich weiss zurzeit nicht, wie der Stand der Dinge ist. Doch die Einschätzungen sind, soviel ich weiss, eher pessimistisch.

Am Samstag, 18. März 2017, findet in der ASZ sowie im Maxim-Theater die Veranstaltung «Wo Unrecht zu Recht wird. Ein Samstag gegen die Bunker- und Eingrenzungspolitik» statt. Riahi wird vom Deutschen ins Arabische übersetzen. www.wo-unrecht-zu-recht-wird.ch

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