Nr. 09/2017 vom 02.03.2017

Physisch spürbar

Von Silvia SüessMail an AutorIn

«Fleisch» ist nicht nur der Titel des neuen Buchs der Autorin und Kulturjournalistin Simone Meier (Newsportal «Watson», früher «Tages-Anzeiger»), es ist auch das Lieblingswort der Protagonistin Anna: «‹Fleisch› lag so weich im Mund, so anschmiegsam, so innig, als würde sich ein ganz dünn geschnittenes Stück rohes Rind zärtlich auf ihre Zunge legen.»

Anna ist Mitte vierzig, lebt in der Stadt, verteilt Fördergelder an Theaterschaffende, hat einen schwulen Freund, mit dem sie gerne Fleisch isst, und einen heterosexuellen Begleitfreund, mit dem sie schlechten Sex hat: Max. Max ist Lehrer in der Provinz und ein alter Schulfreund von Anna. Gleich zu Beginn des Buchs beendet er die Beziehung – was Anna völlig gleichgültig lässt – und findet sein vermeintliches Glück in einer «kleinen runden Fee». Er darf sie Charlie nennen, und gegen Bezahlung nimmt sie ihn nach Hause und bearbeitet kräftig seinen Schwanz. Jeden Samstag.

In der WG mit Charlie wohnt Lilly. Sie kümmert sich um ihren viel jüngeren Bruder, der Bilder malt mit Blut aus seinen geritzten Armen und Kot – was Lilly ziemlich überfordert. Ausserdem serviert sie in Annas Stammlokal, und diese verliebt sich in die «Grashalm-Kellnerin», wie sie Lilly in Gedanken nennt.

Abwechselnd erzählt Simone Meier aus den Perspektiven von Anna, Max und Lilly und verwebt gekonnt die drei Erzählstränge ineinander. Präzise und fast schon physisch spürbar beschreibt sie die Umstände und Milieus, in denen sich die drei bewegen: die Kulturschickeria in der Stadt, die versiffte WG mit den VeganpunknachbarInnen und das isolierte Leben in der Provinz. Dabei spitzt sie Klischees zu, um sie dann überraschend wieder zu brechen.

Stark ist Meier auch in der Figurenzeichnung: Ihre ProtagonistInnen sind keine holzschnittartigen Figuren, sondern vielschichtige Persönlichkeiten, die auf ihrer verzweifelten Suche nach Liebe und Geborgenheit überraschende Wendungen vollziehen. All das macht «Fleisch» zu einer höchst vergnüglichen Lektüre, bei der man viel lachen kann – was in der aktuellen Schweizer Literatur sonst doch eher selten der Fall ist.

Buchvernissage: Mo, 6. März 2017, 20 Uhr, im Kaufleuten Zürich. Weitere Lesung am Mi, 8. März 2017, 20.30 Uhr, an der «Nacht der Frau» im Loeb in Bern.

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