Nr. 09/2019 vom 28.02.2019

Das Einfamilienhaus als Albtraum

Ein Roman wie eine Serie: Simone Meier nimmt in «Kuss» eine junge Liebe auseinander und verstrickt zahlreiche Figuren in mitunter imaginierte Beziehungen.

Von Nadia Brügger

Sie reisst die Tapete von der Wand wie die Haut vom Gesicht: Am Schluss baut Gerda, die Hauptfigur von «Kuss», ihr Haus und das bequeme Beziehungsleben ab. Foto: J.A. Fischer, Alamy

Man sollte ja nicht immer mit den Männern beginnen, aber in Simone Meiers neuem Roman «Kuss» versammeln sich ein paar auffallend antike Exemplare. Sie nennen die Frauen, mit denen sie in einer Verbindung stehen, bestenfalls «Kleines» oder «Babe» und vergleichen deren Gesichter gerne mit Vögeln: «Wieso sah er andauernd Vögel, wenn er ihr Gesicht betrachtete? Weil sich sein Ausdruck mit der Geschwindigkeit von Flügelschlägen veränderte.» Das Bild des (gefangenen) Vogels findet sich durchgängig im Roman und wird – hauptsächlich von männlichen Figuren – den Frauen zur Seite gestellt. Gefangen, so scheint es, sind aber mehr oder weniger sämtliche Figuren in Meiers drittem Roman.

Fusion von Haus und Frau

Gerda und Yann sind vor kurzem in ein Einfamilienhaus am Stadtrand gezogen. Gerda hat ihre Stelle in einer Werbeagentur verloren, weshalb sie ihre Tage damit zubringt, das Haus herzurichten. Für beide scheint der Gedanke unangenehm, dass sich Gerda in dieser Rolle sogar wohlfühlen könnte, weshalb sie anderen gegenüber von einer temporären Auszeit sprechen.

Oft sitzen Gerda und Yann vor dem Fernseher und schauen Leuten bei schweren Lebensentscheidungen zu. Dabei mutieren sie selbst zu zwei Figuren eines grossen Figurenkabinetts im Stil einer Soap: Zahlreiche Figuren treten in «Kuss» in ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht. Während sie sich gegenseitig nicht immer kennen, sind sie uns LeserInnen alle bekannt. So kommt es, dass man sich in guter Serienmanier Lieblingsfiguren auswählt, sich über sie nervt und teilweise etwas schämt, sodass man die Seiten gar eifrig umblättert. In schnellem Tempo verstricken sich die Figuren in ihre ganz eigenen Geschichten. Der Roman spielt damit, «guilty pleasure» zu sein, und kokettiert mit der Anlehnung an einen Groschenroman – um dann innerhalb dieser Rahmung überraschende Themen aufzugreifen: Sexarbeit zum Beispiel oder die Belästigungen, denen sich die Journalistin Valerie nach jedem öffentlichen Auftritt ausgesetzt sieht.

Während Yann und Gerda nach aussen die Einfamilienhausidylle aufrechtzuerhalten versuchen, beginnt diese tatsächlich zu bröckeln: Eines Tages entdeckt Yann Äderchen an einer Wand in der Küche, die ihn beunruhigen. Gerda tut es als eine Augenschwäche ab, hat sich in Wirklichkeit aber mit dem Haus verschworen. Auf einem Spaziergang fand sie eine blutige Plastikspritze, mit deren Hilfe sie der Wand Leben einhaucht: Sie spritzt ihr Kräutersud und produziert damit eine farnartige Zeichnung. Der buchstäbliche Abbau des gemeinsamen Einfamilienhauses und bequemen Beziehungslebens nimmt seinen Lauf: Wenn Gerda zum Schluss ihre Stirn gegen die Wand schlägt und fetzenweise Tapetenschichten von der Wand reisst, dann fühlt sich das so an, als würde sie sich «die Haut von den Fingern oder vom Gesicht pulen». Die Fusion von Haus und Frau hat ihre Vollendung gefunden. Das Motiv der Wand, die der Selbstverwirklichung einer Frau im Weg steht und die man mit dem eigenen Kopf zerstören möchte, kennt man nicht zuletzt aus den Werken von Marlen Haushofer oder Ingeborg Bachmann.

Sehnsucht nach Küssen

Auf dem gemeinsamen Leidensweg der ProtagonistInnen des Romans treffen wir Yanns Schwester Yvonne, die ein ausschweifendes Sexualleben führt. Gerda hofft, dass sie ihr Typ wäre, von ihr begehrt würde. Wir begegnen einem der vielen alten berühmten Männer sowie der «dirty old woman» und Journalistin Valerie, die die Nachbarin des Paares ist und eher ungewollt Yann um den Finger wickelt. Zum Teil sind es Figuren, die man bereits aus Meiers letztem Roman «Fleisch» kennt. Sie alle rahmen mit ihren eigenen Schwierigkeiten die titelgebende und doch schwer zu benennende Sehnsucht nach Küssen ein – die nicht vom Partner stammen: Gerda entwickelt Yanns Arbeitskollegen Alex gegenüber eine Art Obsession, die zum «Herzinfekt» führt und sie nur noch vom Abschied von ihrem gewohnten Leben träumen lässt. Als Yann zu einer Konferenz fährt, Gerda absichtlich im Quartier von Alex herumstreicht und dort auch genregerecht von ihm aufgefunden und zu sich nach Hause eingeladen wird, kommt doch alles anders als geplant.

Eine leise Enttäuschung darüber, dass Frauen in der Fiktion oft die Möglichkeit zur Untreue vorenthalten wird, während Männer sie beliebig ausüben dürfen, wird durch die zahlreichen Imaginationen aufgefangen, die das «innere Biest» in Gerda entfacht: Es sind überhaupt die Kopfspiele in diesem Roman, die die ProtagonistInnen zu den irrwitzigsten Taten motivieren.

Simone Meier hat kürzlich als Mitautorin des Projekts #DIEKANON dazu beigetragen, dass Frauen aus Wissenschaft, Kunst, Politik und Literatur in der Weltgeschichte sichtbarer werden. Auch in «Kuss» gibt Meier den Frauen und ihren Beziehungen untereinander viel Raum. Wem der ernüchternde Schluss missfällt, kann sich auch einfach vorstellen, wie sich Gerda und Yvonne nichtkollegial bei der Hand nehmen und zusammen einer ungewissen, aber doch rosigen Zukunft entgegenreiten.

Buchvernissage in: Zürich, Kaufleuten, Dienstag, 5. März 2019, 20 Uhr.

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