Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

Mit dem Güterzug durch ein Minenfeld

Der Lohn der Angst: Im Spielfilm «The Train of Salt and Sugar» machen sich Händlerinnen auf eine lebensgefährliche Bahnreise durch das Kriegsgebiet von Moçambique.

Von Catherine Silberschmidt

Zeit spielt hier keine Rolle, Uhren sind nutzlos: Die Händlerinnen auf dem Weg nach Malawi. Still: Trigon-Film

Das rostige Ungetüm ist ein Relikt aus kolonialen Zeiten, als in Moçambique noch eine florierende Plantagenwirtschaft betrieben wurde. Bewacht von der Armee, ist der Güterzug unterwegs ins angrenzende Malawi, wo die mitfahrenden Frauen Salz gegen Zucker tauschen wollen. Für die Händlerinnen ist es eine Reise voller Gefahren, denn sie führt durch die nördlichen Provinzen, die vom Bürgerkrieg besonders betroffen sind.

Sabotageakte, Minenfelder und das Klima machen die Fahrt zu einem lebensbedrohlichen Abenteuer. Dazu kommt der missliche Zustand der Infrastruktur – es funktioniert nicht einmal die Funkverbindung zu den wichtigsten Bahnstationen. Mit an Bord ist deshalb eine Schar Bahnarbeiter mit einem ganzen Arsenal von Reparaturmaterial. Als der mitgeführte Schienenvorrat angesichts der von unzähligen Minen zerstörten Strecke zu Ende geht, werden kurzerhand Schienen der bereits befahrenen Strecke ab- und wieder eingebaut.

900 000 Tote

Die Bahnfahrt, die Regisseur Licínio Azevedo in seinem Spielfilm «The Train of Salt and Sugar» inszeniert, beruht auf historischen Tatsachen. Die Handlung geht auf einen Reisebericht zurück, den Azevedo in den achtziger Jahren aufgezeichnet hatte, auf einer Zugfahrt von Nampula, nahe der moçambiquanischen Küste, durch die nördlichen Provinzen bis nach Malawi. Damals herrschte Bürgerkrieg zwischen der siegreichen, von der Sowjetunion ausgerüsteten Moçambiquanischen Befreiungsfront (Frelimo) und dem vom Westen unterstützten Nationalen Widerstand Moçambiques (Renamo). «The Train of Salt and Sugar» spielt vor dem Hintergrund einer zusammengebrochenen Versorgung inmitten dieses Bürgerkriegs, der gegen 900 000 Tote forderte. Gedreht hat Azevedo im friedlichen Süden, denn im Zentrum des Landes ist die politische Lage trotz Friedensabkommen auch heute noch explosiv, weil die Renamo weiterhin an ihren Autonomiebestrebungen festhält.

Der gebürtige Brasilianer Licínio Azevedo gilt als bedeutendster Filmautor von Moçambique. In den siebziger Jahren hatte er während der Militärdiktatur in Brasilien seinen Job als Journalist bei einer Tageszeitung verloren, danach verbrachte er mehrere Jahre in Guinea-Bissau und Angola, bevor er sich in Moçambique niederliess, wo er noch heute lebt und arbeitet. Wenige Jahre nach der 1975 erlangten Unabhängigkeit des Landes hatte er dort mit seinem Landsmann Ruy Guerra, dem neben Glauber Rocha und Nelson Pereira dos Santos bedeutendsten Vertreter des brasilianischen Cinema Novo, ein nationales Filminstitut aufgebaut, an dem zeitweilig auch Jean-Luc Godard und Jean Rouch beteiligt waren. Dieses realisierte und verbreitete Filme im Dienst der revolutionären Befreiung vom kolonialen Erbe Portugals – eine anspruchsvolle Aufgabe angesichts der grossen ethnischen, sprachlichen und religiösen Vielfalt des Landes. Bis heute spricht kaum die Hälfte der Bevölkerung Portugiesisch, obwohl dies die Amtssprache ist.

Tage und Nächte voller Schrecken

«The Train of Salt and Sugar» ist der zweite Spielfilm, in dem sich Azevedo mit der Geschichte des jungen afrikanischen Staates befasst. In «Virgem Margarida» (2012) thematisierte er die Umerziehung von ehemaligen Prostituierten unter der Ägide der Frelimo, und wie dort geht es nun auch in «The Train of Salt and Sugar» um Fragen der revolutionären Moral und der damit verbundenen Utopie einer egalitären Gesellschaft. Azevedo zeigt, dass eine unerbittlich strenge revolutionäre Disziplin die Menschen kaum zu bessern vermag – zu heterogen und archaisch sind deren existenzielle Voraussetzungen. Besonderes Augenmerk richtet er dabei auf die Männer, die ihre militärische Machtposition ausnützen, um Frauen zu demütigen und zu vergewaltigen.

Der Güterzug fährt vor allem nachts, um dem im Busch lauernden Feind weniger Angriffsfläche zu bieten. So pflügt sich dieses Ungetüm durch die Dunkelheit, erst im Morgengrauen werden die Umrisse der Savannenlandschaft mit hohen Tafelbergen im Hintergrund erkennbar. Vereinzelte Fabrikschlote und durchlöcherte Ruinen kolonialer Villen säumen den beschwerlichen Weg.

Die langen Tage und Nächte der Protagonistinnen sind geprägt von Angst und Schrecken – und von der Hoffnung, endlich anzukommen. Wer stirbt, wird nach christlichem oder nach islamischem Brauch beigesetzt. Zeit spielt hier keine Rolle, Uhren sind nutzlos. Ein uniformierter Bahnhofsvorstand knabbert genüsslich an einem Maiskolben, als er mangels Funk vom einfahrenden Zug überrascht wird. Der Kommandant der Schutztruppe hat animistische Fähigkeiten: Er kann sich auch mal in einen Löwen oder einen Affen verwandeln, um den Feind auszuspähen, und als er auf einer Erkundungstour umgebracht wird, aufersteht er problemlos.

«The Train of Salt and Sugar» spiegelt allegorisch heutige afrikanische Zustände. Besonders schön modelliert sind die kunstvoll ins Licht gesetzten Gesichter der schutzbedürftigen Passagierinnen, die Figuren selber bleiben schemenhaft, ohne Psychologie. Und es ist gerade dieser Verzicht auf vordergründigen Realismus, der diesem faszinierenden Film seine Aktualität verleiht.

Ab 23. März 2017 im Kino.

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