Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Die früheren Kolonialherren sind zurück

Immer mehr PortugiesInnen wandern nach Moçambique aus. Nicht immer sind sie dort willkommen. Viele EinwohnerInnen fürchten um ihren Arbeitsplatz und ärgern sich über das Benehmen der Wirtschaftsflüchtlinge.

Von Philipp Hedemann, Maputo

«Ich bräuchte nicht mit einem Portugiesen nach Hause zu kommen. Manche spielen sich auf wie die alten Kolonialherren, und meine Eltern haben die schreckliche Kolonialzeit noch erlebt», sagt Nelly Jacob Nuambe. Die 25-jährige Modedesignerin ist nicht die Einzige, die sich über die Umkehrung der Geschichte aufregt: Während früher MoçambiquanerInnen bei den ehemaligen Kolonialherren Arbeit suchten, strömen jetzt Tausende PortugiesInnen aus dem krisengebeutelten Südwesten Europas in den boomenden Südosten Afrikas.

«Illegale Portugiesen ausgewiesen», berichteten moçambiquanische Zeitungen in diesem Jahr und zeigten auf der Titelseite die Fotos der Wirtschaftsflüchtlinge, die sich auf der Suche nach Arbeit unerlaubt in der ehemaligen Kolonie aufhielten. Viele MoçambiquanerInnen konnten eine gewisse Schadenfreude nicht verheimlichen. Wie oft waren solche Artikel in portugiesischen Zeitungen erschienen? Dort und damals waren die Gesichter schwarz, hier und jetzt sind sie weiss. Seither hat sich vieles verändert.

In Portugal ist die Arbeitslosigkeit in den letzten zwei Jahren auf 15,4 Prozent gestiegen, unter den Jugendlichen hat sogar mehr als jedeR dritte keine Arbeit. 800 000 UniversitätsabsolventInnen finden keine Arbeit, andere arbeiten als TaxifahrerIn oder in einem Callcenter. Trotz eines Rettungspakets in der Höhe von 78 Milliarden Euro ist die Wirtschaft laut der EU-Statistikbehörde Eurostat im zweiten Quartal 2012 um 1,2 Prozent geschrumpft. In Moçambique hingegen ist die Wirtschaft in den letzten Jahren durchschnittlich um 6 Prozent gewachsen.

Der sechzehnjährige Krieg

Nach der Nelkenrevolution und dem Sturz des diktatorischen Regimes in Portugal haben die ehemaligen Kolonialherren 1975 Moçambique Hals über Kopf verlassen. Kurz darauf brach ein Bürgerkrieg aus, in dem rund 900 000 Menschen starben. Grosse Teile der Infrastruktur fielen den sechzehnjährigen Kämpfen zum Opfer, die meisten Schulen schlossen, und die Wirtschaft brach komplett zusammen.

Moçambique wurde von der globalen Entwicklung weiter abgehängt, doch Portugal und der Westen interessierten sich kaum für das riesige Land zwischen Südafrika und Tansania. Das änderte sich erst, als man vor wenigen Jahren Kohle und Gas fand, was einen Rohstoff- und Bauboom auslöste. Doch im Küstenstaat gibt es kaum qualifiziertes Personal, um die natürlichen Ressourcen zu Geld zu machen. Rund achtzig Prozent der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig. Vor allem Ingenieure aus der alten Kolonialmacht wittern ihre Chance.

«Die Leute brauchen uns, um ihr Land voranzubringen, und wir brauchen gut bezahlte Jobs, die es bei uns zu Hause kaum noch gibt. Es ist eine Win-win-Situation. Wir sprechen alle die gleiche Sprache. Die Portugiesen sind hier sehr willkommen, weil wir uns früher im Gegensatz zu anderen Kolonialherren gut benommen haben», sagt Baugeologe Vasco Gomes, den eine grosse portugiesische Baufirma in die alte Kolonie geschickt hat. Eigen- und Fremdwahrnehmung unterscheiden sich hier erstaunlich. MoçambiquanerInnen, die über 45 Jahre alt sind, können sich noch gut daran erinnern, dass viele Strassen und Stadtteile für die weissen Kolonialherren reserviert waren und Schwarze nur Zutritt hatten, wenn sie dort arbeiteten. Mittlerweile gehen die Mitglieder der dünnen moçambiquanischen Mittelschicht in Maputo zwar in dieselben Restaurants wie die PortugiesInnen, allerdings sitzen sie nur selten am selben Tisch.

Auch als Wirtschaftsflüchtlinge sind die PortugiesInnen im Vergleich zu den meisten MoçambiquanerInnen unglaublich reich. Während sie in Restaurants in der Hauptstadt für ein Abendessen oft mehr als einen durchschnittlichen moçambiquanischen Monatslohn ausgeben, schauen ihnen BettlerInnen auf den Bürgersteigen hungrig zu. 55 Prozent der Bevölkerung leben in absoluter Armut und müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Weil die Preise für Lebensmittel, Benzin und Miete in den letzten Jahren – auch durch die Ankunft der PortugiesInnen – dramatisch anstiegen, kam es in der Hauptstadt bereits vor zwei Jahren zu schweren Unruhen.

Auf dem Land ist die Situation oft noch dramatischer. Die Bauern bestellen ihre winzigen Felder mit Hacken oder spannen einen Ochsen vor den Pflug. Der Ertrag reicht kaum, um die eigene Familie zu ernähren. Viele Kinder müssen bei der harten Feldarbeit mithelfen, Feuerholz suchen oder Wasser holen. Manche Jungen und Mädchen haben unbehandelte Pilzerkrankungen auf dem Kopf, beim Sprechen rasselt es bei vielen in der Lunge. Weil viele Familien keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, leiden vor allem die Kinder ständig an Durchfall. Dass sie ihr Geschäft meist im Freien verrichten, führt zu einem Teufelskreis aus Durchfall und verunreinigtem Trinkwasser. Die medizinische Versorgung ist katastrophal, die Lebenserwartung liegt gerade mal bei 52 Jahren. Die wenigsten Dörfer sind an das Stromnetz angeschlossen.

Damit auch MoçambiquanerInnen am Rohstoffboom teilhaben können, bemüht sich die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die Ausbildung zu verbessern. Einer, der davon profitiert, ist der 21-jährige Santos Manhinque. Er besucht in Maputo ein von der GIZ unterstütztes technisches Berufsbildungszentrum und hofft, später einen der begehrten Jobs in der Rohstoffindustrie zu ergattern. «Solange wir noch nicht die notwendige Ausbildung haben, müssen wir mit Vorschriften verhindern, dass die Portugiesen und andere Ausländer uns alle guten Jobs wegschnappen», sagt der Moçambiquaner, der sich zum Elektriker ausbilden lässt.

Moçambiquanische PolitikerInnen haben die Angst vor den ArbeitsmigrantInnen verstanden und reagiert. «Unsere strengen Gesetze erlauben es nur, Ausländer einzustellen, wenn keine gleich qualifizierten Moçambiquaner zur Verfügung stehen. Zudem darf höchstens ein Zehntel der Belegschaft aus dem Ausland stammen», sagt die für die Berufsausbildung zuständige stellvertretende Bildungsministerin Leda Hugo. «Allerdings», räumt sie ein, «kann kein Entwicklungsland der Welt, in dem plötzlich viele Rohstoffe entdeckt werden, den Boom ausschliesslich mit nationalen Kräften bewältigen.»

In Anbetracht von Rezession und Arbeitslosigkeit in der Heimat erscheint vor allem jungen arbeitslosen PortugiesInnen die ehemalige Kolonie wie das gelobte Land. Täglich kommen neue Wirtschaftsflüchtlinge im 8500 Kilometer entfernten Staat an. Systematisch erfasst werden sie dort nicht, aber nach Schätzungen leben mittlerweile über 120 000 PortugiesInnen in Moçambique. Nach offiziellen portugiesischen Zahlen haben alleine im letzten Jahr über 150 000 der rund elf Millionen PortugiesInnen ihre Heimat verlassen, auch etwa in die ehemaligen Kolonien Brasilien und Angola. Die meisten gingen aus Mangel an Alternativen.

João Sa ist einer von ihnen. «Ich hatte die Wahl. Drohende Arbeitslosigkeit in Portugal oder ein sicherer Job in Moçambique. Die Entscheidung ist mir nicht schwergefallen. In Portugal würde man bei der momentanen Lage ja depressiv werden», sagt der 26 Jahre alte Bauingenieur, der erst vor drei Wochen seinen Job bei einer portugiesischen Baufirma in Maputo antrat und sich trotz der Vorbehalte vieler MoçambiquanerInnen willkommen fühlt.

Viele Illusionen, wenig Ahnung

«Viele alte Portugiesen wissen, dass ihr Land in Moçambique Schuld auf sich geladen hat, und benehmen sich entsprechend demütig. Zahllosen jungen Portugiesen fehlt dieses Bewusstsein. Es ist deshalb nicht immer einfach mit ihnen», sagt der siebzigjährige Oscar Monteiro, der als Mitglied der noch heute regierenden moçambiquanischen Befreiungsfront Frelimo gegen die portugiesische Besatzung kämpfte und später mehrere Ministerposten bekleidete. Der Mann, der oft lange nachdenkt, bevor er spricht, ist den PortugiesInnen nicht prinzipiell feindlich gesinnt. Er feuert bei der Weltmeisterschaft sogar das portugiesische Team an.

Monteiro kann sich jedoch auch daran erinnern, wie Portugiesen ihn in Moçambique vor der Unabhängigkeit mit Steinen bewarfen. «Wir sind ein sehr stolzes Volk. Wir lassen uns von den Portugiesen nicht mehr von oben herab behandeln», sagt er, spricht im nächsten Satz jedoch eine Einladung an den ehemaligen Feind aus: «Architekten, die wegen der Krise in Portugal trotz ihrer Qualifikation nur einen Kopierjob machen, und andere gut ausgebildete Experten, die uns helfen, unser Land aufzubauen, sind herzlich willkommen.»

Doch es sind nicht nur Hochqualifizierte, die jetzt massenhaft nach Moçambique drängen. In Portugal verbreiten sich die Geschichten der AuswanderInnen, die es in der ehemaligen Kolonie geschafft haben und sich ein Haus mit Pool und Blick auf den Indischen Ozean leisten können, schneller als die Geschichten derjenigen, die in Moçambique keinen Job finden und sich in der teuren Hauptstadt kaum eine Einzimmerwohnung leisten können. Deshalb kommen immer häufiger auch Geringqualifizierte. Ihre Träume platzen spätestens, wenn das Touristenvisum abläuft und sie noch keine Anstellung gefunden haben.

«Diese Neuankömmlinge haben viele Illusionen und wenig Ahnung. Sie wundern sich, wenn viele Restaurants hier teurer sind als in Lissabon. Sie sind enttäuscht, wenn man hier nicht mit offenen Armen auf sie wartet und ihnen einen Traumjob anbietet. Manche von ihnen benehmen sich wie die Axt im Walde und schaden unserem Ruf», sagt ein Portugiese, der bereits seit sieben Jahren in der ehemaligen Kolonie wohnt. Er ist mit einer Moçambiquanerin verheiratet und führt ein gut gehendes Geschäft.

Seinen Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen. Er befürchtet, dass seine Landsleute ihn sonst mit Bewerbungen überhäufen.

Rohstoffboom

Ein Weg aus der Armut?

Noch ist Moçambique mit seinen 23,5 Millionen EinwohnerInnen das viertärmste Land der Welt. Rund 1,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind HIV-positiv, jede Frau bringt im Schnitt 5,4 Kinder zur Welt, 45,9 Prozent der Bevölkerung sind unter 14, nur 3 Prozent über 65 Jahre alt. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei geschätzten 960 Franken (Schweiz: 40 000  Franken), mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in absoluter Armut.

Doch all das soll sich bald ändern. Denn Moçambique ist reich an Rohstoffen. Vor der 2470 Kilometer langen Küste zwischen Tansania und Südafrika wurden gewaltige Gasvorkommen gefunden, im Landesinneren hat man unter anderem Kohle entdeckt. Nach Schätzungen des Bergbauministeriums stecken private InvestorInnen allein in diesem Jahr rund eine Milliarde US-Dollar in den Bergbau.

Der Rohstoffboom wird Milliarden in die Kassen des Staates spülen und könnte das Land, das fast 500 Jahre von Portugal ausgebeutet wurde, aus der Armut führen. Doch KritikerInnen befürchten, dass Gas und Kohle zum Rohstofffluch werden könnten. Die meisten Milliardendeals zwischen der moçambiquanischen Regierung und ausländischen Rohstoffkonzernen sind geheim. Es besteht die Gefahr, dass einige wenige sich die Taschen füllen, während bei den meisten nichts ankommt.

Von Philipp Hedemann

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