Nr. 41/2019 vom 10.10.2019

Ein bisschen Frieden, der dritte Versuch

Die Gewalt in dem südostafrikanischen Land könnte dank eines neuen Deals ein Ende haben. Darauf setzt auch der Schriftsteller Ungulani Ba Ka Khosa.

Von Markus Spörndli, Nairobi

Für einmal gute News aus Afrika, unglaublich gute sogar. «Schweizer Diplomat beendet jahrzehntelangen Krieg in Afrika», so titelte der «Tages-Anzeiger» im August. Eine arg zugespitzte Schlagzeile, aber zumindest stimmt daran, dass Botschafter Mirko Manzoni in Moçambique bei einem Friedensabkommen vermittelt hat.

Ob dieses bereits dritte Abkommen den internen Konflikt in dem südostafrikanischen Land tatsächlich beenden wird, ist allerdings ungewiss. Die Übereinkunft könnte sogar zu einer neuen Gewaltwelle führen, schreibt die Konfliktforscherin Corinna Jentzsch in der Zeitschrift «Public Affairs»: Der Deal ermögliche, dass am 15. Oktober die Wahlen abgehalten werden können – aber garantiere nicht, dass diese frei und fair ablaufen. Die Oppositionspartei Renamo könnte die von der Regierungspartei Frelimo dominierten Institutionen für ihre Niederlage verantwortlich machen. Der bewaffnete Flügel von Renamo, so Jentzsch, würde dann wohl zu seiner alten Strategie zurückkehren: der Gewalt.

Subversive Metapher

Also was nun: ewiger Friede oder ewige Gewalt? Für solche Extremszenarien hat Ungulani Ba Ka Khosa nur ein Lachen übrig. Der 62-Jährige ist ein bedeutender Schriftsteller Moçambiques. Sein erster Roman «Ualalapi», der 1987 erschien, aber erst dreissig Jahre später aus dem Portugiesischen ins Englische übertragen wurde, gilt als eines der wichtigsten Bücher Afrikas. Der historische Roman ist an jeder Sekundarschule im Land Pflichtstoff.

«Es ist erstaunlich, die Schüler erkennen mich, sie umarmen mich und machen Selfies mit mir, als wäre ich ein Fussballstar», sagt Khosa in Nairobi beim Macondo-Literaturfestival, das kürzlich portugiesisch- und englischsprachige AutorInnen Afrikas zusammenbrachte. «Die Schüler verstehen, dass das Buch zwar vom letzten vorkolonialen Herrscher handelt, dass es aber eigentlich eine Metapher für die heutige Politik ist.»

Eine subversive Angelegenheit: Sowohl König Ngungunhane, der bis Ende des 19. Jahrhunderts gegen die portugiesische Kolonisierung Widerstand leistete, als auch die Frelimo, die Moçambiquanische Befreiungsfront, die 1975 die Unabhängigkeit erkämpfte und bis heute an der Macht ist, sind Ikonen der Landesgeschichte. In Khosas Geschichten drängt hingegen die tyrannische Seite der Helden in den Vordergrund.

Ungulani Ba Ka Khosa, Schriftsteller

Warum machte die Frelimo ein Buch zum Schulstoff, das gegen ihr autoritäres Regime anerzählt? «Politiker lesen ja keine Bücher, und falls doch, verstehen sie wohl keine Metaphern», meint Khosa, der bis zur Veröffentlichung seines Debütromans Geschichtslehrer war. Die Meinungsäusserungsfreiheit sei sowieso nie gross eingeschränkt worden. «Zumindest für Leute wie mich, die nicht an die Macht drängen.»

Als Khosa volljährig wurde, erlangte sein Land die Unabhängigkeit. Kurz darauf begann schon der interne Konflikt, der auch zu einem Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg wurde und mehr als eine Million Tote forderte. 1992 einigten sich Frelimo und Renamo auf das erste Friedensabkommen: Moçambique erhielt eine neue Verfassung – anstelle des sozialistischen Einparteienregimes trat eine pluralistische Demokratie. Faktisch aber blieb der politische Raum für die Opposition so eng, dass sie bei Wahlen weiterhin chancenlos war. Daraufhin griff die Renamo wieder auf die Strategie der Gewalt zurück – und erhielt Konzessionen von der Frelimo.

Deals mit Credit Suisse

Dann, kurz vor den Wahlen von 2014, das zweite Abkommen. Wieder bezichtigte die Renamo die Regierungspartei der Wahlfälschung, wieder flammte die Gewalt auf. Derweil stürzte die Frelimo das Land in eine Wirtschafts- und Schuldenkrise: Korrupte Minister der sozialistischen Regierungspartei hatten im Kapitalmarkt – insbesondere mit korrupten MitarbeiterInnen der Schweizer Grossbank Credit Suisse – illegale Kredite im Umfang von zwei Milliarden Franken ausgehandelt. «Viele junge Leute finden keinen Job mehr», sagt Ungulani Ba Ka Khosa. «Sie haben sich von der Politik abgewendet und suchen nach individuellen Lösungen für ihre Probleme.»

Jetzt der dritte Deal. Während der Verhandlungen starb der langjährige Chef der Renamo, Afonso Dhlakama. Sein Nachfolger Ossufo Momade brachte das Abkommen ins Trockene, er wird aber von Teilen des bewaffneten Flügels nicht anerkannt. Wieder sind Verfassungsänderungen Teil des Vertrags: Am 15. Oktober kommt es in den zehn Provinzen erstmals zu Gouverneurswahlen; sie sollen dem Land einen föderalistischen Geist einhauchen.

Also, Herr Khosa, welche Chancen hat das jüngste Friedensabkommen?

«Es kommt wohl wieder auf den Ausgang der Wahlen an. Gemäss den Prognosen müsste die Frelimo einige Parlamentssitze und auch ein paar Provinzwahlen verlieren. Wenn das geschieht und keine offensichtliche Wahlfälschung stattfindet, wird das Abkommen halten. Schliesslich wollen alle Frieden. Selbst die Renamo-Kämpfer wollen nach Hause und die durch den Deal versprochenen Begünstigungen in Anspruch nehmen.» Dies würde auch die Zivilgesellschaft stärken, glaubt Khosa. «Und dann schöpft auch die Jugend wieder Hoffnung.»

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