Nr. 15/2017 vom 13.04.2017

Der Bestatter ruht jetzt

Etrit Hasler mit einem Nachruf auf einen (zum Glück noch) lebendigen Wrestler

Von Etrit Hasler

Bevor Marc William Calaway, besser bekannt als US-Wrestler «The Undertaker» (der Bestatter), am 2. April aus dem Ring stieg, kam es zum vielleicht emotionalsten Moment seiner Sportkarriere: Nachdem er den (fast halbstündigen) Hauptkampf des Abends verloren hatte, zog Calaway wieder sein vollständiges Kostüm an, und zu den Klängen seiner Einlaufmusik «Rest in Peace» (eine «Coverversion» des Trauermarsches von Chopin) zog er in der Mitte des Rings seine Erkennungszeichen aus – seinen langen Mantel, seine Lederhandschuhe, seinen Filzhut – und stapelte sie fein säuberlich aufeinander. Das Zeichen war klar: Hier wird der Undertaker zu Grabe getragen.

Es war das Ende einer legendären Karriere: Calaway, ein ehemaliger College-Basketballspieler, stolperte Mitte der achtziger Jahre ins Business, in den populärsten Zeiten des Wrestlings, als Figuren wie Hulk Hogan, der Ultimate Warrior oder der «Macho Man» Randy Savage globale Superstars waren. Calaway kam 1990 zur grössten Wrestlingliga WWE (damals WWF), und sein «Gimmick», als Totengräber aufzutreten, schlug ein wie eine Bombe. Der Undertaker gab praktisch keine Interviews (dies überliess er seinem «dämonischen» Manager Paul Bearer), er faltete seinen Gegnern am Boden die Hände über der Brust zusammen und rollte dabei seine Augen nach oben, bis nur noch das Weisse zu sehen war; er flog mit Fledermausflügeln in den Ring und erfand Themenkämpfe wie den «Casket Match» oder den «Buried Alive Match».

Obwohl er als «Heel» (Bösewicht) begann, wurde der Undertaker schnell zu einer der populärsten Figuren der Liga. Er gewann den Meistertitel bereits ein Jahr nach seinem Debüt gegen den Übervater des Business, Hulk Hogan – ein Match, der als Fackelübergabe zwischen den Generationen gilt. In den Jahren danach schrieb ihm die Liga eine Siegesserie auf den Leib, die (in vollem Bewusstsein, dass es sich um arrangierte Matches handelte) von Sportjournalisten als eine der grössten Siegesserien in der Geschichte des Sports bezeichnet wurde – bei der Veranstaltungsreihe Wrestlemania von 1991 bis 2010.

Calaway war von seiner Rolle nicht zu trennen – ein Wechsel zu einer anderen Liga scheiterte daran, dass die Rechte an der Figur des Undertakers nicht bei ihm, sondern bei der Liga lagen. Und als er sich zu Beginn des neuen Jahrtausends als «American Badass» neu erfand (eine Art rebellischer Biker), führte dies zwar dazu, dass er teils zum Totlachen lustige Interviews geben konnte (unter anderem eines mit dem TV-Comedian Jimmy Kimmel, das in einer Kissenschlacht endete); an Popularität konnte dieser – wahrscheinlich authentischere – Calaway aber nicht mit seinem Alter Ego konkurrieren, und so trat er ab 2004 wieder ganz «Back in Black» an.

Auch wenn seine Popularität danach nicht mehr an jene in seinen Glanzjahren herankam, blieb der Undertaker eine der Vorzeigefiguren der WWE, obwohl ihn Verletzungen zu immer häufigeren Auszeiten zwangen – im Vorfeld seines letzten Matches wurde gemunkelt, er müsse seine Hüfte ersetzen, was für einen Wrestler im Alter von 52 Jahren wohl das Ende der Karriere bedeuten würde. Calaway selber sagte in Bezug auf sein Alter immer: «Meine schlimmste Vorstellung ist, dass eines Tages ein Vater bei einem meiner Matches sagt: ‹Du hättest ihn sehen sollen, als er noch Kämpfe gewann.›»

Diesen Moment hat er nun anscheinend verhindert. Auch wenn im Wrestling (wie in Comicbüchern) das Ende einer Karriere meist eher eine Drehtür ist, liess Calaway mit seinem letzten Auftritt wenig Zweifel. Nach seinem «Striptease» im Ring kletterte Calaway zwischen den Seilen hindurch und küsste seine Ehefrau – eine Geste, die dem Publikum klar suggerierte: Der Mann, den ihr jetzt seht, ist Marc Calaway. Der Undertaker ist im Ring geblieben. Um es mit dem Satz zu sagen, den er in seiner Karriere am häufigsten sagte: «Rest in Peace». Du hast es dir verdient.

Etrit Hasler war grosser Wrestlingfan in den neunziger Jahren und möchte endlich mal klarstellen, dass er schon lange vor «Matrix» lange schwarze Mäntel trug – als Hommage an den Undertaker.

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