Nr. 17/2017 vom 27.04.2017

Die analogen Risiken der digitalen Waffen

Von Markus Spörndli

Die Eskalationsspirale dreht sich. Nordkorea und die USA werden in diesen Tagen von militärischen Oberbefehlshabern beherrscht, die die Provokation lieben – und die ihr innenpolitisches Überleben mit einer aggressiven Aussenpolitik zu sichern versuchen. Im Schatten von verbalem Schlagabtausch, militärischen Grossübungen, Raketen- und Atomwaffentests spielt sich aber auch noch anderes ab. Ein Cyberkrieg zum Beispiel, wie Recherchen der «New York Times» im März ergaben.

Dabei könnte man zum Schluss kommen, dass die digitalen US-Angriffe, die wahrscheinlich einige der auffallend vielen nordkoreanischen Raketenfehlstarts auslösten, eine ziemlich geschickte Art der Kriegsführung seien: Malware, Laser und Signalstörungen können so eingesetzt werden, dass Massenvernichtungswaffen gar nicht erst zum Einsatz kommen oder dass sie ihr Ziel verfehlen – und das erst noch ohne Blutvergiessen.

Doch Cyberwaffen sind nicht nur deshalb keine Wunderwaffe, weil immer noch genügend nordkoreanische Starts und Zündungen gelingen. Sondern insbesondere auch, weil die Cyberkriegsführung langfristig zu gravierenden globalen Risiken führt.

Ein digitaler Angriff ist zuerst einmal unsichtbar – nicht nur für den Gegner, sondern auch im Völkerrecht. Er ist ein Zwitter zwischen Geheimdiensttätigkeit und militärischer Kriegsführung, dessen Grenzen und Legitimation nirgends festgeschrieben sind. Mit jedem neuen Cyberangriff wird eine Regulierung schwieriger. Und damit können sich auch weitere Regierungen eingeladen fühlen, auf zwischenstaatliche Zwiste mit fiesen Computerviren zu reagieren.

So entsteht nach und nach ein höchst undurchsichtiger Konflikt jeder gegen jeden: ein digitaler Weltkrieg mit weitreichendem Eskalationspotenzial.

Ostasiens US-Alliierte, insbesondere Südkorea und Japan, ziehen bereits jetzt mit der (noch) nordkoreafreundlichen chinesischen Führung an einem Strick, um eine weitere kriegerische Eskalation zu verhindern. Eine langfristige Lösung, mit der alle leben können, kann allerdings nur mit der Wiederaufnahme von Verhandlungen zustande kommen.

Das hat das Beispiel Iran gezeigt: Nach einer Reihe von Cyberangriffen und Sanktionen war es das internationale Abkommen, das Donald Trump gern als den «schlechtesten Deal aller Zeiten» bezeichnet, das verhinderte, dass der Iran zu einer Atommacht wurde. Dass das nordkoreanische Atomprogramm heute so weit entwickelt ist, ist auch eine Folge davon, dass der damalige US-Präsident George W. Bush 2002 die laufenden Verhandlungen abbrach. Nach diesem strategischen Fehler ist ein neuer Deal mit Nordkorea viel schwieriger geworden. Aber eine bessere Alternative gibt es nicht.

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