Nr. 18/2017 vom 04.05.2017

Die Alten sind die Avantgarde

Vergangenen Samstag demonstrierten in den USA Hunderttausende gegen die Klimapolitik der US-Regierung. Im kalifornischen Oakland wird die Bewegung von vielen RentnerInnen getragen.

Von Daniel Stern, Oakland

Der 73-jährige Bill Pinkham trägt eine gelbe Weste, die ihn als Helfer des heutigen Klimamarschs in Oakland kennzeichnet. Mit seinem Sonnenhut und einer Wasserflasche am Gurt hat er sich gegen die Sonne gewappnet, die für diese Jahreszeit aussergewöhnlich stark auf die DemonstrantInnen niederbrennt. Auf seinem schwarzen T-Shirt steht «Somebody should do something». Rund 5000 Menschen haben sich in einem Park am kleinen Stadtsee Lake Merritt versammelt. Freiwillige sitzen auf aufgebockten Fahrrädern, treten in die Pedale und treiben so einen Generator an, der Strom für die Soundanlage auf der Rednerbühne liefert.

Es ist der 100. Tag seit Donald Trumps Amtseinsetzung. Seither ist wohl kein Tag vergangen, an dem nicht irgendwo im Land gegen seine Politik demonstriert wurde. Die riesigen Frauenmärsche gleich am Tag nach der Inauguration machten den Anfang, es folgten die Kundgebungen und Besetzungen vor und in den Flughäfen, als Trump seinen (inzwischen von den Gerichten gestoppten) «Muslim Ban» verkündet hatte. Vergangene Woche waren die WissenschaftlerInnen an der Reihe, die für die Unabhängigkeit der Forschung und eine faktenbasierte Politik demonstrierten. Sehr aktiv sind auch ImmigrantInnen, die die ausländerfeindliche Politik der Regierung Trump bekämpfen.

Kein «Märchen der Chinesen»

Die unterschiedlichen AktivistInnengruppen betonen dezidiert die Gemeinsamkeiten der breiten Oppositionsbewegung. An der Klimakundgebung in Oakland wird zu Streiks und Demonstrationen am 1. Mai aufgerufen, der diesmal im Zeichen des Kampfs für die Rechte der ImmigrantInnen steht. Daran nehmen Umweltorganisationen wie Greenpeace oder der Sierra Club erstmals teil.

Klimamärsche finden an diesem Samstag im ganzen Land statt. In der Hauptstadt Washington nehmen laut Schätzung der OrganisatorInnen 200 000 Personen teil, darunter zahlreiche Prominente. Waren frühere Klimamärsche darauf ausgerichtet, die Obama-Regierung zu einer noch couragierteren Klimapolitik zu drängen, geht es jetzt darum, ein Rollback durch die Trump-Regierung zu verhindern. Der neue US-Präsident hält bekanntlich den Klimawandel für «ein Märchen der Chinesen». Eine Website der Umweltagentur EPA, die bislang die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel illustrierte, ist inzwischen vom Netz genommen worden. Man wolle die Seite der neuen Ausrichtung der Regierung anpassen, hiess es aus EPA-Kreisen.

Dass es Trump mit seiner Ignoranz gegenüber der Klimafrage ernst meint, beweist etwa ein Präsidialdekret, auf dessen Grundlage die umstrittene Dakota Access Pipeline fertiggestellt und der Bau der Keystone XL vorangetrieben werden kann. Letztere auch von vielen FarmerInnen abgelehnte Pipeline soll aus Teersand gewonnenes Rohöl von Kanada nach Texas befördern. Ein weiteres Trump-Dekret hat Obamas Umweltauflagen für Kohlekraftwerke rückgängig gemacht. Und just einen Tag vor den landesweiten Klimamärschen hat Trump ein weiteres Dekret unterzeichnet, das zahlreiche Öl- und Gasförderverbote vor den Küsten im Atlantik, im Pazifik und in der Arktis aufhebt. Trump will so «den Reichtum des Landes fördern und viele neue, tolle Jobs schaffen».

Wie in Washington ist auch die Demonstration in Oakland von vielen selbstgemalten Schildern geprägt. «Es gibt keine Erde B», heisst es da etwa oder: «Öl ist so was von aus den achtziger Jahren». Es fällt auf, dass die TeilnehmerInnen überwiegend weisser Hautfarbe sind. Dabei ist ein Drittel der Bevölkerung Oaklands afroamerikanisch. Martha Hawthorne, eine pensionierte Krankenpflegerin, die sich als Freiwillige in der Dienstleistungsgewerkschaft SEUI mit Klimafragen beschäftigt, sieht schichtspezifische Gründe dafür: «Leute mit geringen Einkommen, darunter viele Schwarze, können sich nicht um Klimafragen kümmern, sie müssen Geld verdienen.»

Was an der Kundgebung noch auffällt: Sehr viele ältere Menschen sind gekommen. Die 71-jährige Clair Brown arbeitet als Freiwillige hinter einem Stand der Organisation 350.org, die in der Klimabewegung der USA eine zentrale Rolle spielt. Den hohen Altersdurchschnitt der TeilnehmerInnen erklärt Brown damit, dass die Pensionierten einfach mehr Zeit für politische Aktivitäten hätten. Als Professorin für Ökonomie an der Universität Berkeley hat Brown soeben ein Buch mit dem Titel «Buddhist Economics» herausgegeben, in dem sie ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell skizziert.

Viele der älteren TeilnehmerInnen verorten sich in der aufständischen Tradition der Region. Wie etwa Bill Pinkham, der Mann in der gelben Weste: Schon als Student habe er im nahen Berkeley gegen den Vietnamkrieg demonstriert. In den letzten Jahren war der Schreiner, der einen Master in Philosophie besitzt, an der Gründung mehrerer Umweltgruppen beteiligt. Besonders besorgt mache ihn die Eisschmelze in der Arktis, die zu Rückkoppelungen und einem noch schnelleren Anstieg des Meeresspiegels führe als bisher angenommen, wie eine neue Studie belege.

Sonderfall Kalifornien

Die Kundgebung im Park dauert fünf Stunden. Es spielen Musikgruppen, PoetInnen treten auf, Reden werden gehalten. Grossen Applaus erntet Barbara Lee, die Kongressabgeordnete dieser Gegend. Sie gilt als eine der progressivsten PolitikerInnen in Washington. Lee weist auf die vielen Asthmafälle hier im Osten der San Francisco Bay hin, wo fünf Ölraffinerien stehen und mehrere Autobahnen hindurchführen. Im Hafen von Oakland planen private Betreiber zudem den Bau eines neuen Terminals zum Verladen von Kohle aus Utah auf Frachtschiffe, die die Ware nach Indien transportieren. Diesem Irrsinn gilt der Slogan «No coal in Oakland» auf vielen T-Shirts.

Viele der Forderungen der KlimaaktivistInnen geniessen den Goodwill der Regierungen der nahen Städte und Kaliforniens. Kaum ein US-Bundesstaat bekommt die Auswirkungen des Klimawandels stärker zu spüren. Grosse Teile Kaliforniens litten in den vergangenen fünf Jahren unter einer Dürre. Sechzig Prozent des Trinkwassers Kaliforniens fallen in Form von Schnee in der Sierra Nevada. Dieser Schnee bildete bis anhin eine Art Wasserspeicher für das ganze Jahr. Mit zunehmend wärmeren Wintern fallen künftig grosse Teile dieses Schneereservoirs weg. Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown wird denn auch nicht müde, die Klimapolitik von Donald Trump zu kritisieren. AktivistInnen bezichtigen Brown allerdings der leeren Worte: Zu oft gehe er letztlich Kompromisse mit den Konzernen ein.

Der geplante Höhepunkt der Veranstaltung in Oakland wäre eine Menschenkette um den Lake Merritt gewesen. Doch zu viele Leute sind der brütenden Hitze bereits entflohen und nach Hause gefahren. Die Verbliebenen müssen sich deshalb mit einem Spaziergang rund um den See begnügen, angeführt von einer TrommlerInnengruppe. Derweil beginnt Bill Pinkham bereits damit, den Abfall auf der Wiese des Parks zusammenzutragen. Auch das sollte schliesslich jemand tun.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Die Alten sind die Avantgarde aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr