Nr. 18/2017 vom 04.05.2017

Die Bombe

Ruedi Widmer über die Gruppe Rorschach

Von Ruedi Widmer

Es war ein kalter Herbsttag im Jahr 2018, als die Bombe platzte. Sie war so stark, dass die Leute im Tram darüber sprachen.

Einer Gruppe Journalisten einer extrem potenten neuen Schweizer Onlinezeitung war ein Recherchecoup gelungen, der nur alle paar Schaltjahre vorkommt. Sie enthüllten: «Die SVP ist nicht echt.»

Hinter der SVP standen nicht Christoph Blocher und Walter Frey, sondern ein Konsortium mit dem Decknamen Rorschach aus der Schweizer Wirtschaft, den Parteien FDP, CVP und SP und einer Handvoll Psychologen und Wissenschaftlerinnen. Der Name stammte vom Treffpunkt der Geheimverhandlungen.

Die SVP war eine Reagenzglaspartei, gegründet, um eine nationalsozialistische Partei in der Schweiz zu verhindern.

Die Journalisten gelangten in den Besitz geheimer Dokumente, die aufzeigen, wie Christoph Blocher 1983 vom damaligen Vorort, der heutigen Economiesuisse, angefragt wurde, ob er bereit sei, die unbedeutende SVP (deren Zürcher Sektion er damals präsidierte) zu einer Volksbewegung auszubauen, die folgende Funktionen haben sollte: die von Moskau beeinflusste Linke in Schach zu halten und am rechten Rand das Treiben von Bewegungen wie der Nationalen Aktion, der Republikaner und der Schweizer Demokraten zu neutralisieren. Die Volksbewegung sollte eine volkstümliche Ausländerfeindlichkeit kultivieren, die FDP in ihrer neoliberalen Rolle bestärken und die Arbeiterbewegung in die Hände der Bürgerlichen treiben.

Der SP war das Projekt zwar nie geheuer, aber sie dachte, eine neoliberal argumentierende ausländerfeindliche Partei eher politisch parieren zu können als eine sozial argumentierende ausländerfeindliche. Für den bürgerlichen Teil der Gruppe Rorschach war die SP Garant dafür, leninistische Bewegungen innerhalb der Linken klein zu halten.

Christoph Blocher wiederum genoss seine ihm zugeteilte Rolle, und er verkörperte sie perfekt. Andere hätten nie die gleiche Kraft besessen. So wurden anfänglich sogar Stars wie Kurt Felix, Bernhard Russi oder Hausi Leutenegger als Parteiführer erwogen, allerdings ohne sie jemals anzufragen.


Gespräch mit Dr. Hans Schaufelmeister, damals neurowissenschaftlicher Leiter der Gruppe Rorschach.

Herr Schaufelmeister, schuf die Wirtschaftselite mit der SVP Frankensteins Monster?
Nein. Sie hatte die Partei bis 2014 unter Kontrolle, auch 1992 bei der EWR-Abstimmung. Die FDP wollte ja nie nach Europa, konnte aber nicht dazu stehen. Klar mussten wir höllisch aufpassen, dass es nicht aufflog. Wenn Roger Köppel grinste, waren es gefährliche Momente.

Ab welcher Stufe, von oben gesehen, war man nicht mehr eingeweiht?
Ab Stufe Yvette Estermann bei den Damen und Andreas Glarner bei den Herren.

Wusste es Mörgeli?
Klar.

Was passierte dann mit der SVP?
Die Konfusion kurz vor der Abstimmung über die Personenfreizügigkeit (PFZ) 2018 war gross. Die Journalisten hatten der Schweiz einen Bärendienst erwiesen. Die Wahrheit ist ein schlechter Berater. Die heutigen rechtsradikalen Volksparteien NSS (National-Sozial Schweiz) und die Alternative Schweiz (AS) wären ohne den Zusammenbruch der SVP undenkbar. Die SVP achtete im Abstimmungskampf darauf, dass ihr der Unfall mit den 50,3 Prozent Ja wie bei der «Masseneinwanderungsinitiative» 2014 nicht wieder passierte. Glarner, heute Präsident der AS, wurden Wirtschaftsvertreter wie Thomas Matter zur Seite gestellt, um ihn zu mässigen. Die Basis aber war inzwischen zu allem bereit. Hier ist vielleicht der Frankenstein-Vergleich angebracht. Die Anti-PFZ-Initiative wurde mit 67 Prozent Ja-Stimmen angenommen, obwohl man ein 49-Prozent-Ja-Resultat anpeilte. Die SVP war damit wie die anderen Parteien für viele unglaubwürdig geworden, und so wechselten die Wähler zu NSS und zur AS.

Über Ruedi Widmer wurde nach den Nationalratswahlen 2019 ein Cartoonverbot verhängt. Seither führt er Interviews, die etwas abrupt enden.

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