Wichtig zu wissen : Gewinnen mit Verschieben

Nr. 42 -

Ruedi Widmer blickt aus der Zukunft auf die Wahlen zurück

Das Schweizer Fernsehen (SRF) geriet in die Kritik, als es die Ausstrahlung von drei Sendungen zu politischen und (in rechtsnationalen Augen) linken Themen ohne Not auf nach den Parlamentswahlen verschob. Böse Zungen meinten, es sei vorauseilender Gehorsam gegenüber der SVP, die dem Fernsehen schon seit Jahren an den Kragen will, indem sie den Begriff «linkes Schweizer Fernsehen» etablierte.

Nun glaubten selbst die Verantwortlichen in Zürich Leutschenbach bereits, ihr Fernsehen sei zu links; schliesslich könnte «SRF» auch «Sozialistisches Radio und Fernsehen» heissen. Sie verdächtigten «Tagesschau»-Sprecher, nach dem Dienst in besetzten Häusern herumzulungern, stellten entsetzt fest, dass die sozialistische SRF-Kantine vereinheitlichte Kost anbot (Volxküche), und glaubten, die Moderatorinnen verweilten an APO-Veranstaltungen statt bei der Maniküre.

Auf jeden Fall hörten die programmatischen Verschiebungen auch nach den Wahlen nicht auf. Plötzlich wurde die «Tagesschau» auf nach 2019 verschoben. Die Zuschauer von «Landfrauenküche» gruselten sich nämlich vor den fürchterlichen linken Bildern aus Syrien. «Einstein» wurde plötzlich um vier Uhr früh ausgestrahlt, weil christliche Kreise sich über die linke Natur und Physik ärgerten. «Giacobbo/Müller» wurde ganz nach oben in ein kleines Bildschirmfenster verschoben, um Islamisten und Anhänger alternativer Satire nicht zu vergraulen. Derweil wurden Alpenpanoramen übertragen oder Live Cams aus Tresorräumen.

Auch andere Institutionen kamen auf den Geschmack, mit Verschiebungen Verdächtigungen bezüglich unhygienischen Linksseins abzuwenden. Die ebenfalls des Staatssozialismus verdächtigten SBB («Sozialistische Bundesbahnen») begannen, Zugfahrten zu verschieben, damit der letztlich einem linken und planwirtschaftlichen Denken entstammende Taktfahrplan individualistisch aufgelockert werden konnte. Die ZugpendlerInnen, denen schon lange Linkssein nachgesagt wurde, schimpften über die neuen, neoliberal verkehrenden «Überraschungs-S-Bahnen», die irgendwann irgendwohin fuhren. Auch die SP erwog, sich nach rechts zu verschieben, damit sie nicht in den vernichtenden Strudel des Man-könnte-ja-denken-dass geriet. Ein paar Staatstrojaner in Zürich waren doch schon mal ganz neoliberal.

Sogar die SVP verschob sich bis nach den Wahlen, weil Bundesrat Roger Köppels «Weltwoche» vom 8. Oktober festgestellt hatte, dass in ihren Reihen ein Haufen Sozialisten hocken, zum Beispiel Nationalrat Jürg Stahl (ZH), der Bundeszuschüsse an Jugend & Sport unterstützte, oder die SVP-Bauern Ernst Schibli (ZH), Erich von Siebenthal (BE) und Markus Hausammann (TG) mit ihrer «forschen Anspruchshaltung» bezüglich Bauernsubventionen. Parteipräsident Toni Brunner (SG) war zum Glück nicht auf der Liste. Auch Maximilian Reimann (AG) und Ulrich Giezendanner (AG), Yvette Estermann (LU), Hans Fehr (ZH) und Oskar Freysinger (VS), sogar Bundesrat Ueli Maurer, ja eigentlich alle SVPler wurden des Linksseins verdächtigt. Ausser natürlich Christoph Mörgeli, Christoph Blocher mit Tochter, Thomas Matter, Toni Brunner und Roger Köppel, die den ganzen linken Laden zusammenhielten und schliesslich so wenig dafür verantwortlich waren, was in der Volkspartei läuft, wie Martin Winterkorn bei Volkswagen.

Selbst Köppel war in den SRF-Modus geraten: Man könnte ja meinen, die SVP hiesse «Sozialistische Volkspartei».

Cartoonist in Winterthur ist Ruedi Widmer («Ruedi Widmer» extra an den Schluss verschoben, damit man nicht meint, Ruedi Widmer nähme sich zu wichtig).