Nr. 19/2017 vom 11.05.2017

Der Physiker, der von der ETH kam

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Es muss in der zweiten Jahreshälfte 2004 gewesen sein, als eines Tages im Grossraumbüro am Tisch hinter mir ein freundlicher älterer Herr sass, der konzentriert an etwas arbeitete. Weil ich an seinem ersten Arbeitstag nicht da gewesen war, stellten wir uns vor: Ruedi Nöthiger war im Online-Team für die technische Entwicklung der damaligen WOZ-Website mitverantwortlich, ich arbeitete im Aboservice; wir sassen Rücken an Rücken, und weil Ruedi ein ruhiger Mensch war, kamen wir nur selten ins Gespräch.

Bis er mich eines Tages überraschend auf einen Text ansprach, den ich 1998 geschrieben hatte. Darin hatte ich die kurze Begegnung mit einer Frau erwähnt, deren Mann 1936 wegen «mangelnder Linientreue» aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden war – ein Geschehen, das tiefe Verletzungen nach sich zog, die bis in die Gegenwart spürbar waren. Diese Frau sei seine Mutter gewesen, erzählte mir Ruedi.

So erfuhr ich, dass Ruedi in einem «traditionell» klassenkämpferischen Elternhaus aufgewachsen war. Als die Belegschaft der Waffenfabrik Oerlikon Bührle im Oktober 1940 nach drei Explosionen, bei denen viele Menschen schwer verletzt worden waren, bessere Arbeitsbedingungen forderte, trugen Emmy Bühler-Nöthiger und Willy Nöthiger den Streik massgeblich mit.

Sohn Ruedi studierte an der ETH Physik, später leitete er lange Jahre die EDV-Abteilung der ETH-Bibliothek und war dort etwa für die Einführung des elektronischen Ausleihsystems Ethics verantwortlich. Mit sechzig Jahren hatte Ruedi noch eine Ausbildung zum Webpublisher absolviert, und dieses Können wandte er nun bei der WOZ an.

Im Frühjahr 2010 erzählte Ruedi mir, dass er im vergangenen Jahr nach 41 Ehejahren seine Frau verloren habe – ein ungeheurer Verlust. Da ich zu dieser Zeit um meinen kurz zuvor verstorbenen Bruder trauerte, war unsere Situation ähnlich, und unser Gespräch tat mir gut.

Ruedi war ein politischer Mensch. Gemeinsam mit seiner Frau Margrit Nöthiger-Häne engagierte er sich in den siebziger Jahren bei den Poch, bis sich diese 1990 auflösten. 2003 trat er der SP in den Zürcher Kreisen 7/8 bei, später arbeitete er dort im Vorstand. Ausserdem engagierte er sich aktiv im Quartierverein Hottingen. Daneben unternahm er in den letzten Jahren viele Reisen, und häufig stellte er wunderschöne Fotos auf Facebook.

Am 22. April 2017 ist Ruedi Nöthiger nach kurzer, schwerer Krankheit im 74. Altersjahr gestorben.

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