Nr. 19/2017 vom 11.05.2017

Herr Undercover

Stefan Gärtner lässt in seinem Notizblock spionieren

Von Stefan Gärtner

In Deutschland ist ein Schweizer Spion enttarnt worden. Schweizer Spione, was es alles gibt! Ich meine, natürlich gibt es auch in der Schweiz sinistre Leute mit Hang zur Selbstüberschätzung, die undurchsichtigen Berufen in den Grauzonen der Legalität nachgehen – aber eigentlich heissen die doch Investmentbanker

Ein Schweizer 007 – wie lang wirds dauern, und sie melden den ersten Italiener, der Falschparkerinnen anzeigt

Hans Bündner ist Agent 0041. Bleibt in jeder Situation ruhig. Wirklich ruhig. Sehr, sehr ruhig! Hat immer ein Stück Schoggi im Mundwinkel und deshalb einen schweren Schlag Stand bei den Weibern («Jetzt sind wir schon wie lange verheiratet, und du Sau frisst immer noch wie ein Schwein!»). Fährt natürlich auch keinen Aston Martin (zu teuer), sondern Postauto Mietauto und will statt Wodka-Martini immer bloss ein stilles Wasser grosses kleines Bier

Warum sind sie bei der SVP solche James-Bond-Fans? Wenn sie von Flüchtlingsschicksalen hören, dann rührt es sie nicht, es schüttelt sie!

Gute Filme aus der Schweizer Spionagewelt: «Der Spion, der aus dem Thurgau kam» / «Nazigoldfinger» / «Liebesgrüsse aus Rapperswil» / «Ein Quantum Most» / «OltenEye» usw. Gute Bösewichte: Oskar Freysinger, Roger Köppel, Chr. Blocher («Blochfeld»), am allerbesten aber Sepp Blatter («Man lebt nur fünfmal», «Leben und sterben lassen», «0041 jagt Dr. No kein bisschen»)

Hauptrolle schwierig: Martin Suter ist zu teuer, Ruedi Widmer zu alt, und Emil schafft die Stunts nicht mehr. Bond-Girl: Beatrice Egli, Filmmusik: Heimweh feat. Stephan Eicher (mit neuer Steuer-CD!)

Apropos Bond-Girl: In diesem (Schweizer) Fall wohl eher Future-Bonds-Girl!

0041 arbeitet natürlich mit allen Tricks: Käsetinte, Loch in der (Gratis-)Zeitung («0020 Minuten»), ein SBB-Ticket erster Klasse kaufen, aber heimlich zweite fahren

Selbstverständlich verfügt 0041 über eine solide Schweizer Doppelidentität und kann sich damit jederzeit rausreden: «Ich bin nicht Stiller» (ein max. frischer Witz für WOZ-Intellektuelle)

Die Bombe am Schluss muss er aber trotzdem entschärfen – wie immer bleiben dabei bloss Augenblicke, es ist also eigentlich nicht mehr zu schaffen, denn der Countdown läuft unerbittlich: 9 h 18 min 54 sec (dazu den orig. Satz von R. Widmer: «Ah, das isch aber nicht guet jetzt»)

Was spioniert die Schweiz eigentlich noch so in Deutschland aus? Wie sie es da hinkriegen, dass nicht immer diese hässlichen Löcher in den Käse geraten; wie man mit 5000 Euro im Monat ein menschenwürdiges Leben führt; wie man wenigstens manchmal einen akzeptablen «Tatort» macht

Was könnten deutsche Spione umgekehrt in der Schweiz herausfinden? Ob es Schaffhausen wirklich gibt

(Das muss reichen. Redaktor mal wieder konspirativ zum Essen einladen!)

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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