Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Die Sprache tragen, als wäre sie eine Uniform

In ihrem ersten Roman «Chaya» erzählt die Basler Lyrikerin und Psychoanalytikerin vom Schreiben als emanzipatorischem Akt – und davon, wie sie sich als gebürtige Iranerin im Deutsch eingenistet hat.

Von Franziska Meister

«Was passiert mit einer Sprache, die wir nicht mehr sprechen, die aus uns nicht mehr heraus kann und die nicht mehr zu uns spricht?», fragt sich die junge Chaya. «Und was macht sie in uns, wenn sie nicht mehr gesprochen wird? Schrumpft sie? Zerbröckelt sie wie Knäckebrot?» Solche Fragen treiben sie um, seit sie mit vierzehn Jahren ganz allein und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen aus dem Iran in die Schweiz nach Basel gekommen ist. «Oder wirkt die Muttersprache vielleicht noch von einer geheimen Dunkelkammer aus, treibt auf uns zu und steuert ohne unser Zutun alles Neue?»

Wie ihr das Persische fremd wurde

Tatsächlich ist die Protagonistin in Kathy Zarnegins erstem Roman «Chaya» eine Getriebene, auch wenn sie vordergründig so selbstbewusst wie selbstbestimmt durchs Leben geht: Sie studiert Philosophie und kellnert nebenher, ihre Leidenschaft aber gilt der Dichtkunst. Sie will Schriftstellerin werden. «Chaya» ist ein Roman in Ich-Form, und die Übereinstimmungen zwischen Protagonistin und Autorin legen ein autobiografisches Werk nahe. Auch Zarnegin stammt aus dem Iran, kam mit vierzehn allein nach Basel zu Verwandten, hat Philosophie und Literatur studiert und bereits verschiedene Gedichtbände veröffentlicht. «Sicher, die Eckdaten sind dieselben», so Zarnegin an einer Lesung in Zürich. Eine Autobiografie sei ihr Roman trotzdem nicht. «Chaya ist eine andere Persönlichkeit, macht andere Dinge im Leben. Ich wollte das, was in meinem Leben wichtig ist, was mich beschäftigt, anhand einer fiktiven Person erzählen.»

Gemeint ist damit vor allem die Auseinandersetzung mit Sprache – um sie dreht sich alles in Zarnegins Leben. «Sprache ist stärker als ich», das gibt sie gerne zu, «sie macht etwas mit mir, und dem bin ich schon früh nachgegangen.» Deutsch zu lesen, hat Zarnegin sich selber im Iran beigebracht – doch sprechen konnte sie kein Wort, als sie in Basel ankam, «und der Dialekt war auch keine Hilfe». Zwei Jahre später, mit sechzehn, beschloss sie, die bereits als Kind Geschichten zu Papier gebracht hatte, nicht länger in persischer Sprache zu schreiben. In diesem Alter besuchte sie auch ihr Heimatland für 25 Jahre zum letzten Mal Mit Farsi verbindet sie heute nur noch ihre Familie – als offizielle Sprache von Behörden oder im Alltag in den Strassen Teherans ist ihr das Persische fremd geworden.

Auch Chaya will nur eines: sich in der deutschen Sprache einnisten. Dass sie als Philosophiestudentin souverän über diese Sprache verfügt – geschenkt. Umso schmerzhafter ist es für sie, just in ihrer sprachlichen Kompetenz immer wieder infrage gestellt und auf ihre iranischen Wurzeln zurückgeworfen zu werden. Das Einzige, was sie dazu aus ihrer Vergangenheit preisgibt, ist, wie oft Menschen mit ihr wie mit einem Kind sprechen – selbst nachdem sie ihnen im Basler Dialekt geantwortet hat. «Was sie sahen, war stärker als das, was ihre Ohren ihnen zuflüsterten.» Noch schwerer als dieser Alltagsrassismus wiegt für Chaya, dass das künstlerische Umfeld, in dem sie sich bewegt, ihr sprachliches Potenzial anzweifelt. Sie habe Deutsch nicht «organisch», als Kind, gelernt, sondern mit ihrem Verstand, ihren Grammatikkenntnissen und ihrem Willen, bescheidet ihr ein älterer Lyriker. «Das ist, auch wenn man es dir nicht ansieht und anhört, keine richtige zweite Haut, das ist eine Uniform.»

Mehr interessiert am Décolleté

Chayas «Gedichtagentur», die sie in einem kleinen Mansardenzimmer eingerichtet hat, lockt kaum Kundschaft an. Offenbar träumt niemand davon, die Worte eines Lieblingsdichters oder einer unbekannten Lyrikerin auf ein Poster aufgezogen ins Wohnzimmer zu hängen. Ihr Freund David, 26 Jahre älter als sie und in der Basler Kultur- und Künstlerszene etabliert, vermittelt sie an die reichen Eisenbergs, die ihr einen Teilzeitjob an ihrer privaten Sprachschule offerieren – nicht als Lehrerin, sondern für irgendwelche Administrativaufgaben. Und die Strippenzieher der Szene, mit denen Chaya an einer Soirée der Eisenbergs Bekanntschaft macht, sind mehr an ihrem Décolleté als an ihrem sprachlichen Esprit interessiert.

Die Ich-Erzählerin behauptet sich, indem sie aus einer Warte ironischer Distanziertheit berichtet, um ihre fortgesetzte Verletztheit zu kaschieren. «Die Liebe schlich sich nicht auf zaghaften Füssen in mein Leben», heisst es an einer Stelle. «Die Liebe presste ihre Lippen unverhofft auf meinen Mund und legte ihre Hand zwischen meine Beine, als ich naiv und nichtsahnend jemanden anlächelte.» Nur David ist anders. David, der ihrem dichterischen Ehrgeiz immer wieder neue Türen und Perspektiven öffnet – sogar die «Gedichtagentur» war seine Idee, und er wird einen Journalisten dort vorbeischicken, der mit seinem Bericht eine überraschende Wende einleitet. Ausgerechnet Davids Liebe indes gehört ihr nicht allein.

Die Praxis für die Liebe aufgegeben

Ironisch distanziert zu bleiben, gelingt da nicht immer. Chaya verlegt sich auf die schriftliche Kommunikation. In Davids Wohnung steht ein Ordner im Regal, beschriftet mit «Chaya tobt» – ein hilfloser Versuch, dem scharfzüngigen Intellekt, der sich in Chayas Briefen offenbart, Paroli zu bieten. David mutiert darin zum «Anhänger der Polyamorie», der ein «Lustunternehmen» führt, an dem jede Frau eine «Lustaktie» erwerben darf. Chayas Briefe sind eigentliche feministisch-philosophische Traktate und gehören zu den tiefsinnigsten Passagen des Buchs.

Schreiben als emanzipatorischer Akt – hier treffen sich Autorin und Protagonistin erneut. Kathy Zarnegin hat als Lyrikerin mehrere Gedichtbände veröffentlicht und präsidiert das Basler Lyrikfestival. Gleichzeitig publiziert sie auch als Psychoanalytikerin wissenschaftliche Texte, unter anderem über die Sprache der Liebe, und führt eine «Praxis für Liebeskummer». Oder besser: führte. Denn ihre Praxis hat sie für die ganz grosse Liebe aufgegeben, die sie gefunden hat – das literarische Schreiben.

Die Autorin liest in Solothurn am Fr, 26. Mai 2017, um 9 Uhr und 16 Uhr, am Sa, 27. Mai 2017, um 11 Uhr und am So, 28. Mai 2017, um 16 Uhr.

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