Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

Was die Sinne uns zutragen

Das Individuum, das gegenüber der Gesellschaft bestehen muss, ist sein Thema, die Ironie seine Schreibhaltung, das Sprachspiel seine Vorliebe: ein Porträt des Schriftstellers Rudolf Bussmann.

Von Anna Wegelin (Text) und Claude Giger (Foto)

«Der Kopf ist dabei, der Bauch, das Herz und das, was man mit ‹Geist› oder ‹Seele› bezeichnet»: Rudolf Bussmann über den Schreibprozess.

«Zuhören ist die sanfteste unter den Praktiken der Liebe», schreibt er in seinem Aphorismenband «Das 25-Stundenbuch». Zuhören, das kann der im Jahr 1947 geborene Rudolf Bussmann. Bereitwillig lässt er sich auf ein Gespräch zu Vita und Werk und zu seinem jüngsten Buch ein: «Popcorn. Texte für den kleinen Hunger». «Gemeint ist jener Hunger zwischendurch, wenn man es ohne Nahrung nicht mehr aushält», sagt der Schriftsteller.

«Ich lasse die Sprache laufen, purzeln und rollen», sagt Bussmann zur Entstehung seiner Texte, «ohne mich darum zu kümmern, worauf es hinausläuft. Aus diesem Kern, der dann weiterbearbeitet wurde, sind Gebilde entstanden wie Popcorn aus Maiskörnern.»

Am Schreibprozess sei stets eine «wohlabgewogene Mischung von Teilfunktionen beteiligt», weiss der Basler Schriftsteller mit Oltener Wurzeln: «Der Kopf ist dabei, der Bauch, das Herz und das, was man mit ‹Geist› oder ‹Seele› bezeichnet.» Für «Popcorn» habe er die Zusammensetzung dieser Mischung verändern wollen. Er vertraute ganz den Wörtern, die ja immer auch Bedeutungsträger sind: «Man muss ihnen nur geduldig zuhören.»

Die Bibel und religiöse «Heftli»

Doch zurück nach Olten, wo alles angefangen hat. Rudolf Bussmann wächst mit seiner Mutter und vier Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater stirbt, als er vier Jahre alt ist. Für seine Mutter, «eine gottesfürchtige Frau», kommt eine zweite Ehe nicht infrage. Zu Hause gibt es einzig die Bibel und ein paar religiöse Romane und «Heftli»: «Das war mein Kontakt mit Literatur.» Ein Studium ist kein Thema. «Ich war eigentlich für die Fabrik vorgesehen und sollte für die Familie Geld verdienen», erinnert sich Bussmann. Doch dann kommt es, dass er zusammen mit einem Schulkollegen, der Pfarrer werden will, im Kapuzinerkloster Olten Lateinstunden nimmt, für einen Franken dreissig die Stunde, geteilt durch zwei Schüler. Und so kann er ins Gymnasium.

Sprung ins Heute. Im Moment seien ihm von seinen verschiedenen Tätigkeiten der Schriftsteller und der Kursleiter am nächsten, sagt Bussmann. Er schreibt an einem neuen Roman, arbeitet als Dozent im Ausbildungsgang «Literarisches Schreiben» der höheren Fachschule SAL (Schule für Angewandte Linguistik) in Zürich und leitet einen Lesezirkel im Literaturhaus Basel.

Er liebe es, im Team zu arbeiten, erzählt er: Von 1982 bis 2006 gab Bussmann zusammen mit Martin Zingg die Literaturzeitschrift «drehpunkt» heraus. «Wir haben uns sehr gut ergänzt», sagt Bussmann, «weil wir beide eine möglichst breite Auswahl an Themen, Autoren und Schreibhaltungen präsentieren wollten.» In den vergangenen zwei Jahren übersetzte er gemeinsam mit der Publizistin Hoo Nam Seelmann zwei Bücher aus dem Koreanischen: «Wir sind wie ein Kopf mit vier Augen, der dafür sorgen muss, dass vom Urtext nicht zu viel verloren geht.»

Bussmann erzählt hellwach und mit einer sprühenden Energie – ganz der «feine und verlässliche Rumpelstilz und Freund», den Klaus Merz in ihm sieht, der Bussmann «seit ‹drehpunkt›-Tagen als bedächtigen Literaturförderer, Menschen und wägend gewiegten Dichter» schätzt.

Am Anfang war aber der Lehrer. Bereits in den siebziger Jahren, als Bussmann in Basel Germanistik, Romanistik und Geschichte studierte, unterrichtete er an der Handelsschule KV. Nach dem Oberlehrerabschluss wurde er fest angestellt. Dagmar Brunner, eine ehemalige Schülerin, damals Buchhandelsstiftin, heute Journalistin, beschreibt Bussmann als «ruhigen, aufmerksamen Lehrer, der zum genauen Lesen, zum eigenen Denken und Interpretieren anregte und der Lust auf und an Literatur vermittelte». Nach kaum zehn Jahren kündigte er seinen Lehrerjob: «Ich hatte eine Erschöpfungsdepression.» Und das unabhängige Arbeiten lockte.

In unmittelbarer Nähe

Bussmann hat zum Phänomen der Massen beim expressionistischen Dramatiker Georg Kaiser (1878–1945) promoviert. «Ich mochte damals das Ekstatische, Übersteigerte. Es ist in gewisser Weise ein Kontrapunkt zu meinem eigenen Schreiben, das eher sachlich-direkt ist.» Hätte ihn eine Unikarriere nicht gereizt? «Ich bin 1968 in den studentischen Aufbruch hineingeraten und habe schnell gemerkt, dass in der akademischen Laufbahn die Freiheit kaum einzulösen ist.» Auch gehöre die Vermittlung von germanistischem Fachwissen nicht zu seinen Leidenschaften.

1991 debütierte er mit dem Roman «Der Flötenspieler». Inzwischen ist sein Werk auf sieben Bücher angewachsen: drei Romane, zwei Gedichtbände, ein Band Aphorismen und einer mit Kurzprosa. Im März erscheint «Eine Brücke für das Gedicht. Zeitgenössische Gedichte, eingeführt von Rudolf Bussmann».

«Ein durchgehendes Thema in meinen Texten ist der Einzelne, der sich gegenüber der Gesellschaft behaupten muss», sagt Bussmann. Der Zukurzgekommene, die Überangepasste, die Randständigen und Willenlosen: In «Popcorn» schlüpft der Autor in alle möglichen Loser-Rollen: «Im Nachhinein merkte ich, dass ich mich stets in unmittelbarer Nähe einer Person bewege. So erheben sich die Texte nie über deren Horizont und werden nicht überheblich.» Gleichzeitig führt die Distanz zwischen Autor und Figur zu einem ironischen Unterton, eine Spezialität von Rudolf Bussmann.

Ist er als Schriftsteller eher distanziert-beobachtend gegenüber Menschen und Werten der Gesellschaft, nimmt Bussmann als Bürger eine klare politische Haltung ein: Er war Gründungsmitglied der linken Gewerkschaft Erziehung und ist im Leitungsteam der Aktion Rettet Basel, die «das Unbehagen kanalisiert, das auf dem Platz Basel eine Tageszeitung hervorgerufen hat, die ihrem Auftrag nicht mehr nachkommt, unabhängig und transparent zu berichten».

Pendler zwischen Stadt und Land

Bussmann wohnt in einer Zweizimmerwohnung an der Rheingasse in Kleinbasel. Bei schönem Wetter ist er oft Zeitung lesend am Wasser anzutreffen: «Das Rheinufer ist mein Stadtgarten.» Er habe gerne Leute um sich, aber zum Schreiben brauche er Ruhe. Im Jura hat er sie gefunden, in Courgenay hat der «écrivain» eine Mietwohnung. Wenn er dort sei, vergesse er Termine und werde unzuverlässig. «Das sind meine beiden Pole: die nach aussen gerichteten Aktivitäten in Basel und das ruhigere Leben auf dem Land. Zwischen ihnen pendelnd halte ich mich im Gleichgewicht.»

Am letzten Januarwochenende findet im Literaturhaus Basel die elfte Ausgabe des mittlerweile dreitägigen Internationalen Lyrikfestivals statt, das er als Präsident der Lyrikgruppe Basel mitorganisiert. Und im Mai werden die Solothurner Literaturtage ein Programm bringen, das er mitgestaltet hat, unter einer interimistischen Leitung, die er ein «absolut tolles» Team findet. Danach wird er sicher viel im Jura sein. «Ich brauche diesen Sommer zum Schreiben», sagt Rudolf Bussmann. Das letzte Wort hat der Schriftsteller in ihm.

Siehe auch die Besprechung von Bussmanns «Ein Duell» und «Das 25-Stunden-Buch».

Das 11. Internationale Lyrikfestival Basel findet zwischen dem 24. und dem 26. Januar 2014 im Literaturhaus Basel statt. www.lyrikfestival-basel.ch

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