Nr. 21/2017 vom 25.05.2017

Ein Netz aus Spitzeln

Von Rahel Locher

Mit den Tage anhaltenden Strassenkämpfen zwischen Linken und Rechten beschwört Danielle Baumgartner in ihrem neuen Roman «Käfigland» ein politisches Klima herauf, das an die Weimarer Republik oder an das Chile der siebziger Jahre erinnert. Nur geht es der Schweizer Autorin um keine zeitlich und geografisch weit entfernte Sache – die Auseinandersetzungen finden nämlich in Bern und anderen Schweizer Städten statt und sind in der nahen Zukunft, im Jahr 2021, angesiedelt.

Die Kämpfe sind eher Hintergrundmusik eines polarisierten Schweizer Politbetriebs: Nach einer Verfassungsänderung wird bei der Regierungsbildung auf Konflikt statt auf Konkordanz gesetzt. Die sozialdemokratische Oppositionsführerin Patricia Niederbaum möchte die Nachfolge Sebastian Brachers antreten, der an der Spitze des regierenden Mitte-rechts-Bündnisses steht, unter dem sich die Lage für ArbeiterInnen und MigrantInnen massiv verschlechtert hat. Das linke und das rechte Bündnis liegen gleichauf, bis die «linksextreme» Vergangenheit Niederbaums – sie war bei einer trotzkistischen Organisation – zum Hype wird und auch weitere Enthüllungen dem linken Bündnis das Leben schwer machen.

Was da so an die Öffentlichkeit durchsickert, stammt aus Quellen, die beim superreichen Industriellen Heinrich Tüllinger zusammenlaufen. Dieser erinnert mit seinem Netz aus Spitzeln und der geheimen Datenbank über wichtige Schweizer Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft an den «Subversivenjäger» Ernst Cincera, der in den siebziger Jahren Informationen über rund 3500 links stehende Personen sammelte und an interessierte Stellen weitergab. Wie der fiktive Tüllinger scheute auch Cincera nicht davor zurück, zum «Schutz» der Schweizer Wirtschaft und der Demokratie auf undemokratische Mittel zurückzugreifen.

Der umtriebige Tüllinger generiert im dystopischen Roman viel Spannung – insbesondere, als seine Machenschaften enthüllt zu werden drohen: Wozu sind er und sein Geheimbund fähig, wenn eine weitere Amtszeit des rechten Bündnisses auf dem Spiel steht?

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