Nr. 23/2017 vom 08.06.2017

In Zonen des Übergangs

Was ist mit Mathias Depardon passiert, der das WOZ-Poster (Seiten 20/21) fotografierte? Sein Schicksal steht stellvertretend für Angriffe auf die Pressefreiheit.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Mathias Depardon

Die Grenzschutzagentur Frontex hatte zur Nachtübung geladen. Mit zwei Jeeps waren wir auf einen Hügel nahe der griechischen Kleinstadt Orestiada gefahren, um mit einem Nachtsichtgerät über den Grenzfluss Evros zu blicken. Mit dabei waren JournalistInnen, die damals vor fünf Jahren zur europäischen Aussengrenze recherchierten. Einer von ihnen war Mathias Depardon, ein französischer Fotograf, Typ Draufgänger. Nach dieser zufälligen Begegnung hatten wir uns aus den Augen verloren, bis sein Name kürzlich wieder auftauchte, auf der Liste der inhaftierten JournalistInnen in der Türkei.

Die Nacht im Frontex-Jeep hatte etwas Bizarres. Durch die Wärmebildkameras, die Menschen als Punkte zeigte, erschien die Grenzüberwachung wie ein Spiel. Als ob hinter der Grenze nicht Menschen mit realen Bedürfnissen warteten. Die Nacht im Grenzgebiet passt aber doch gut zu Depardon, hat er sich doch in seiner Arbeit immer wieder mit Zonen des Übergangs beschäftigt. In einer Serie vom Schwarzen Meer, von der eine Aufnahme aus Abchasien auf dem Fotoposter dieser Ausgabe zu sehen ist (vgl. WOZ-Poster der WOZ Nr. 23 / 2017), geht er dem Alltag in einer Region nach, die geprägt sei «von der paradoxen Koexistenz des früheren Sozialismus und eines eifrigen Liberalismus». In einer anderen Arbeit zeigt er die Stadt Hasankeyf in Südanatolien, der mit dem Ilisu-Staudammprojekt die Überflutung droht. Auch hier richtet sich sein Blick weniger auf die antiken Stätten, deren drohende Zerstörung weltweit kritisiert wird, als vielmehr auf die BewohnerInnen der Stadt, die auf ihre ungewisse Zukunft warten.

Starke Männer, schwache Medien

Verhaftet wurde Depardon in Hasankeyf, wo er für die Zeitschrift «National Geographic» erneut auf Reportage war. Seit fünf Jahren in Istanbul wohnhaft, hatte er gemäss den Behörden keine Presseakkreditierung dabei. Seine AnwältInnen wiederum stellen sich auf den Standpunkt, dass Depardon gar nicht über eine Bewilligung habe verfügen können, weil die Behörden in diesem Jahr noch keine ausgegeben hätten. Das Schicksal des Fotografen, der in den Zonen des Übergangs unterwegs war, steht sinnbildlich für die Gefahr, der die Medien in den gegenwärtigen politischen Verwerfungen ausgesetzt sind.

Die NGO Reporter ohne Grenzen hat kürzlich konstatiert, dass die Pressefreiheit noch nie so bedroht war wie heute: Auf der jährlichen Rangliste ergibt sich für rund zwei Drittel der Staaten eine Verschlechterung. «Die Medienfreiheit wurde überall dort zurückgebunden, wo sich das Modell des autoritären starken Mannes durchsetzte», schreibt die Organisation. In Polen hat Jaroslaw Kaczynski den öffentlichen Rundfunk in Propagandainstrumente umgewandelt und unabhängige Zeitungen wirtschaftlich unter Druck gesetzt; das Land verlor sieben Ränge und liegt noch auf Platz 54. In Tansania hat John Magufuli seinen Informationsminister entlassen, weil sich dieser für die Meinungsfreiheit starkmachte; das Land fiel um zwölf Punkte auf den 83. Platz zurück. Wie dramatisch die Entwicklung unter Recep Tayyip Erdogan ist, zeigt sich am 155. Platz der Türkei: Das Land rutschte ins Lager der autoritären Regimes. Auf dem 180. und letzten Platz liegt Nordkorea.

Aufmerksamkeit für alle

Doch nicht nur die Entwicklungen in Unrechtsregimes bereiten Reporter ohne Grenzen Sorgen, auch in Demokratien besteht die Gefahr einer negativen Wende, insbesondere wegen «Überwachungsobsession und Verletzung des Quellenschutzes». Auch der politische und ökonomische Druck auf die Presse nimmt zu. So musste Finnland (dritter Platz) seine Position als Spitzenreiter abgeben, weil sich Premierminister Juha Sipilä in das Programm des öffentlichen Rundfunks eingemischt hatte. Aufgrund der Medienkonzentration werden Interessenkonflikte auch in der Schweiz (siebter Platz) befürchtet.

Depardon sitzt seit einem Monat in Haft. Zwar versprach Erdogan am Nato-Gipfel dem neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron, seinen Fall rasch zu überprüfen, doch bewegt hat sich bisher nichts. In der Türkei sind derzeit 155 JournalistInnen inhaftiert. Man mag kritisieren, dass ausländischen JournalistInnen wie Depardon oder «Welt»-Korrespondent Deniz Yücel eine besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Viel eher aber kann das Interesse an diesen GrenzgängerInnen bewirken, dass auch die Situation der türkischen und kurdischen KollegInnen nicht vergessen geht.

Nachtrag vom 15. Juni 2017

Mathias Depardon ist frei

«Mit meiner Verhaftung hat die türkische Regierung ein starkes Signal senden wollen, dass ausländische wie inländische JournalistInnen nicht aus dem Südosten der Türkei berichten sollten.» Das sagte der Fotograf Mathias Depardon, nachdem er am Freitag aus der Haft entlassen worden und in Paris gelandet war. Depardon war am 8. Mai in Hasankeyf festgenommen worden, wo er für die Zeitschrift «National Geographic» die Entwicklung in der Region angesichts des umstrittenen Ilisu-Staudammprojekts dokumentierte. Der für seine Verhaftung angegebene Grund war der immergleiche Vorwurf, den die türkische Justiz gegen kritische JournalistInnen erhebt: «Terrorpropaganda» für die kurdische Arbeiterpartei AKP.

In der Haft sei er grundsätzlich gut behandelt worden, berichtete Depardon in einem Interview mit dem Radiosender France Inter. Schwer auszuhalten gewesen sei die Ungewissheit, wie lange er noch in Haft bleiben müsse. Um den Prozess zu beschleunigen, trat Depardon eine Woche lang in den Hungerstreik. «Sicher habe ich ein wenig gepokert: Es war nicht absehbar, ob ich mit dem Hungerstreik meine Freilassung beschleunige oder die türkischen Behörden ihn als Affront empfinden würden.» Unterstützt wurde er von seinen beiden Mithäftlingen aus Pakistan, die ebenfalls in den Hungerstreik traten.

Mathias Depardon wies im Gespräch darauf hin, dass er nur ein Einzelfall unter mehr als 150 JournalistInnen sei, die nach der Ausrufung des Ausnahmezustands nach dem gescheiterten Militärputsch im Sommer letzten Jahres inhaftiert wurden. Als ausländischer Journalist war ihm besondere Aufmerksamkeit zuteilgeworden. Auf höchster Ebene hatte sich der neue französische Präsident Emmanuel Macron für eine sofortige Freilassung starkgemacht.

Ob er nun Präsidentenfotograf werde, wollte France Inter von Depardon wissen, der Posten für einen Hoffotografen sei ja noch frei. Trotz der diplomatischen Unterstützung möchte Depardon offenbar lieber staatskritischer Fotograf bleiben: «Oh nein», sagte er, «ich werde meine Dienste nicht anbieten.»

Kaspar Surber

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