Nr. 24/2017 vom 15.06.2017

«Die Musik muss leuchten und zu dir sprechen»

Der Cellist Oliver Coates pendelt zwischen den Konzertwelten: Er spielt in klassischen Orchestern wie mit Radiohead oder Mica Levi. Eine Begegnung an der Bad Bonn Kilbi.

Von Benedikt Sartorius

«Du musst nichts über die Stücke wissen»: Cellist Oliver Coates. Foto: Gaëlle Beri

Es ist Mitternacht, und den BesucherInnen der Bad Bonn Kilbi in Düdingen steht der Sinn nach Party. Doch nun ist da einer auf der Bühne, der mit seinem Bogen übers Cello streicht und am Laptop schraubt, bis ein wohliger Drone durch das Festivalzelt weht. Visuals erscheinen, die designt sind wie ein Videogame aus der «Second Life»-Ära: Dort, auf der Leinwand, hetzt sich ein unsichtbares Menschlein durch ein menschenleeres und dystopisches London, besucht Kunstgalerien, springt in den nächsten Zug der «Sky Line» und scheint nie anzukommen. Kurz darauf verschwinden die Celloklänge, ein Beat setzt ein, der aus einem vergangenen Ravezeitalter irgendwie in die Gegenwart herübergefunden hat. Es ist kein kickender und anstachelnder Beat, sondern einer, der hinskizziert wirkt und der zu nichts verpflichtet: Nicht zur Party, nicht zum Tanzen, aber wenn man will, kann natürlich zu dieser Musik prima getanzt werden. Denn: Die Energie, die stimmt.

Ein paar Stunden vor diesem Auftritt sitzt Oliver Coates im Medienbus des Festivals. Draussen blitzt es, und es regnet in Strömen aus dem tiefschwarzen Gewitterhimmel über dem Freiburgerland. Von der Hauptbühne weht der Lauten-und-Drums-Free-Folk von Xylouris White herein. Für das griechisch-australische Duo eröffnete der freundliche und hellwache Londoner noch vor wenigen Tagen einen Konzertabend, «so that’s strange», dieses zufällige Wiedertreffen. Im Juli spielt der Cellist zwei Konzerte im Vorprogramm von Radiohead. Später im Jahr stehen klassische Konzerte an. Und dazwischen immer wieder Ausflüge in den Club, genauer: in seine Spielart von Clubmusik. «Ich ging früher nur selten in Clubs», sagt er, und wenn, dann bloss zur Zerstreuung, «auf die stupide Art». Aber er hörte sich elektronische Musik genau an, beispielsweise die Alben von Aphex Twin, für die er eine Obsession entwickelt hat.

Mit Kopf und Körper hören

In den Jahren seiner klassischen Ausbildung an der Royal Academy of Music, in einer Zeit des Übens und Spielens unter hohem Druck, war an einfache Unterhaltung kaum zu denken. Erst nach dem Studium folgte die Wiederentdeckung der populären Musik. Ist da also auch Nostalgie nach der eigenen Jugend im Spiel, wenn er nun selber garage- und houseinformierte Musik produziert? Coates verneint: «Jahrelang spielte ich vor einem sitzenden Publikum, das nur mit dem Kopf bei der Sache war. Ich wollte etwas gestalten, das physischer und energetischer ist als die Musik, die im klassischen Konzertsaal gespielt wird.»

So entstand das Album «Upstepping», das letztes Jahr erschienen ist. Das Cello, das er erstmals als Sechsjähriger in einem Haus von Freunden sah und von dem er seither nicht mehr losgekommen ist, gibt auch auf diesem Schlafzimmer-Dance-Album, wie es Coates selber nennt, den Ton an: als Melodie-, vor allem aber als abstrakte und vielfach manipulierte Geräuschquelle, die zur Eigentümlichkeit dieses Albums führt. «Ich wollte, dass es gut klingt in meinem Kopf», sagt Coates. «Es ist eine schöne Überraschung, dass ich diese Tracks nun auf grossen Sound Systems spielen kann.»

Wie schon Arthur Russell

In diesem Zugang zur Dance Music liegt auch die immer wieder betonte Verwandtschaft zwischen Coates und dem kultisch verehrten Cellisten, Discotrackproduzenten und Komponisten Arthur Russell. Trifft denn dieser Vergleich zu? «Ich brauchte lange Zeit, bis ich einen Zugang zu Russells Werk hatte», sagt Coates. Aber jüngst führte das London Contemporary Orchestra, in dem Coates Mitglied ist und das auch auf dem letzten Radiohead-Album prominent zu hören ist, auf seinen Wunsch hin Russels Stück «Tower of Meaning» auf. Ein Meisterwerk, so Coates, das nicht Klassik, nicht Pop, sondern Musik für jedes Publikum sei.

Ein Stück auch, das das Potenzial hätte, ähnlich bedeutsam wie die viel gespielten Werke von Steve Reich oder Philip Glass zu werden – wenn es überhaupt aufgeführt würde. Man spürt hier Coates’ Unzufriedenheit mit dem klassischen, konservativen, sehr weissen und männlichen Repertoire, das in den klassischen Konzertsälen noch immer gegeben wird. Doch wären Cross-over-Angelegenheiten denn besser? Nicht unbedingt. Es gehe ihm schon um Beziehungen zwischen den Welten, aber es sei auch gut, wenn Musik genau unterschieden werden könne. Wichtig sei nur eines: «Die Musik muss leuchten und zu dir sprechen.» Kontext und Mythologisierung? Unwichtig – «du musst nichts über die Stücke wissen».

Was für Verbindungspunkte Coates meint, ist auf «Remain Calm» nachzuvollziehen, dem Album, das er mit der Stuntpopmusikerin und Komponistin Mica Levi alias Micachu in einem Tag eingespielt hat. Der Austausch zwischen den beiden ist seit Jahren rege, und ihre seltsame Kammermusik aus Cello und CD-DJ-Manipulationen schwebt zwischen Konzertsaal und experimentellem Club. Wie sehr Coates die Stücke von Mica Levi schätzt, ist am Schluss des Konzerts in Düdingen zu hören: Als die Beats wegdimmen und das Videogame-Menschlein ein Haus im Sternenhimmel erreicht hat, spielt er mit seinem Cello die Alien-Liebesmelodie «Love» aus Levis Filmscore zu «Under the Skin». Die Partysuchenden sind da schon längst weitergezogen. Der Rest bleibt leuchtend zurück.

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