Nr. 24/2017 vom 15.06.2017

Wenn einer auf den Mond zeigt

Als Radiohead vor zwanzig Jahren «Ok Computer» veröffentlichten, hielten es die wenigsten KritikerInnen für ein Meisterwerk. Dabei hatte die Band um Thom Yorke in monatelanger Abgeschiedenheit die Rockmusik auf eine Art erneuert, die bis heute nachwirkt.

Von Markus Schneider

Pomp, Kalkül und Gewinsel in einem modernen, befreiten Sausen und Brausen: Radiohead mit Thom Yorke (rechts), 1994, drei Jahre vor «OK Computer». Foto: Kevin Cummins, Getty

Unumstritten war das Ding nicht: «Ihr Art-Rock kennt mehr Soundeffekte als Pink Floyds Schnarchorgie ‹Dark Side of the Moon›», schrieb US-Starkritiker Robert Christgau 1997 über Radioheads «OK Computer». «Aber er hat weniger Drive und ist genauso öde», schloss er seinen Kurzverriss.

Die Analyse – Progrock, effektverliebt, Konzeptalbum, Pink Floyd – haben damals viele geteilt. Aber die meisten ergaben sich, wie Simon Reynolds, ein anderer skeptischer Grosskritiker, am Ende zähneknirschend den «bezaubernden Texturen» dieser stilistischen Tour de Force. Der kritische Durchbruch war dem britischen Quintett ja schon mit dem Vorgänger «The Bends» zwei Jahre zuvor gelungen. Doch anders als beim mittlerweile etwas überschatteten Frühwerk wächst der Ruhm von «OK Computer» seither stetig. Heute, zwanzig Jahre später, könnte man fast den Eindruck bekommen, die damalige Einschätzung der LeserInnenschaft des britischen Hochglanzmusikmagazins «Q» habe sich bewahrheitet, und «OK Computer» sei wirklich «das wichtigste Album des 20. Jahrhunderts».

Zumindest, da lag Christgau mit dem Pink-Floyd-Vergleich richtig, handelt es sich bei «OK Computer» wohl um den letzten amtlichen Albumblockbuster, bevor uns Napster ins Reich der heruntergeladenen Tracks kickte.

Der Rock im Abseits

Zum 20. Geburtstag von «OK Computer» sind längst die originalen Wertungen von Magazinen wie dem «Rolling Stone» auf die jeweils volle Punktzahl hochkorrigiert. «Pitchfork», das wohl einflussreichste Poporgan, hat dem Album eine Strecke aus mehreren grossen Essays und einigen Funfacts gewidmet, dazu zwölf visuelle Künstler angeheuert, um einzelne Songs zu interpretieren. Ein Computernerd hat wiederum die Autobahn decodiert, die der technoiden Covergrafik zugrunde liegt.

Die Band um Mastermind Thom Yorke scheint die öffentliche Meinung zu teilen und bringt zunächst ein Tripelvinyl mit drei Session-Outtakes und acht B-Seiten; und in ein paar Wochen erscheint noch eine CD-Box mit einem ganzen Buch voll Artwork und solchen Sachen.

Das Album stach auch deswegen so hervor, weil Rock damals nicht gerade vorteilhaft aussah, der Postrock von Pavements in den USA oder Radioheads Britpopkollegen von Blur, Oasis oder The Verve mit ihrem Kinks-Revival: vor allem angesichts des futuristischen Hip-Hop von Missy Elliott, des Autorentechnos von Aphex Twin oder des Auf-die-Glocke-Clubvitalismus der Daft Punk. Die hippere Jugend der Zeit zappelte schon fast ein Jahrzehnt lang ausgemergelt, hysterisch und nackt in den Technokellern der westlichen Städte herum oder plünderte begeistert Vintagesynthies und Morricone-Soundtracks.

«OK Computer» nimmt die technologische Entwicklung immerhin zur Kenntnis (und Ennio Morricone kannten sie auch, wie «Exit Music», ihre Nummer für Baz Luhrmanns «Romeo and Julia», zeigt). «OK Computer» klingt zwar weniger nach einer innigen Umarmung des Geräts als nach einem geschäftsmässigen Achselzucken. Aber clevererweise hört sich das Album nach tief erlittenem Kulturpessimismus an und beschwört zugleich atemlos die neue Ordnung – in einer Zeit, in der man mit Handtelefonen nur telefonieren konnte und die private Digitalwelt sich wie pedalbetrieben bewegte.

Vermutlich trägt wiederum der zumal musikalische Verzicht auf allzu technoiden Klang dazu bei, dass sich der Sound gut gehalten hat. An der Oberfläche hören sich die meisten Tracks nach Rock an. Zu oft empfindet man den Stolz des manuellen Arbeiters, der sich an ein kompliziertes Gerät gewagt hat, ein bisschen peinlich. Produzent Nigel Godrich, der sonst schon mit Clubmusik arbeitete, und die Band hingegen nahmen die Elektronik einfach als neues Instrument; zur Nachhaltigkeit des Albums gehört, dass man die eigentliche Raffinesse und Feinheit in den Songwirbeln und auch den wilden Gitarrensounds von Jonny Greenwood erst nach und nach mitbekommt.

Miles Davis’ «Bitches Brew», erklärte Yorke, sei ein starker Einfluss gewesen, aber neben rhythmischer Komplexität erkennt man auch die psychedelisch-synthetische Motorik des Krautrock, die späten Studio-Beatles, als einzige Vertreter des Britpopkanons, und Grunge.

Man meint rückblickend, schon die Lässigkeit zu ahnen, mit der die Generation Youtube historische Hierarchien in der Eroberung des Archivs ignorieren würde – statt zu zitieren, schmilzt die Band, die Godrich als sechstes Mitglied adoptierte, die Zeiten einfach ein. Richtig losgelassen, im künstlerischen Sinn, haben sie allerdings erst in den vollends freihändigen Sounds und Atmosphären von «Kid A» und «Amnesiac».

Vage soziale Unbehaustheit

Die nicht nur von Robert Christgau gebrandmarkte Rückschau auf Pink Floyd bricht natürlich mit dem Punkethos. Zweifellos kalkuliert: Wo durch die elektronische Revolution im Pop gerade DIY 2.0 in den StudentInnenschlafzimmern eingeläutet wurde, frönten Radiohead dem Produktionsfetisch, flohen aufs Land, tüftelten monatelange an ihren Layern. Nebenbei erinnert auch die Integration von Designer Stanley Donwood seit 1994 an die Zeiten, als Roger Dean für Yes oder die Grafiker von Hipgnosis für Pink Floyd gleichsam als Corporate Designer wirkten.

Aber Thom Yorkes helle Hysterie verdankt sich natürlich auch der «Angst» des US-Grunge, des letzten grossen Rockstils und Soundtracks zum Ende des Kalten Kriegs. «Creep», 1992 Radioheads erster Hit, war eine Art Britgrunge, und die kränkelnden Gitarren und schmierigen Grooves – exemplarisch in «Electioneering» – ziehen sich auch durch dieses Album. Inhaltlich hat die Beunruhigung aber nichts mit dem Slackergefühl zu tun, sozial abgehängt zu sein. Unter der dräuenden Noir-Düsternis, die an Stimmungen wie in den Büchern von Philip K. Dick erinnert, leidet Yorke an vager sozialer Unbehaustheit, also an anonymen Glücksschaffnern und «kleinen Gucci-Piggies» wie im Comicvideo zu «Paranoid Android». Ganz sicher ist Thom Yorkes Space anders als bei den Afrofuturisten der späten Neunziger kein Ort, an dem man eine neue Supa-Dupa-Identität für sich finden kann.

So unhumorig, wie es immer heisst, sind die dystopischen Trips der Band aber vielleicht nicht. Das suitenförmige «Paranoid Android» und das spacige Geheul von «The Tourist» erinnern an Douglas Adams’ nicht so todernsten «Anhalter», und das psychedelisch möhrende «Subterranean Homesick Alien» spielt natürlich auf Bob Dylans surrealistischen Rant an. Und das tolle, aber wimmernde «Karma Police» scheint inspiriert von Jonathan Lethems unterhaltsamem Sci-fi-Noir von 1994, «Gun, with Occasional Music», dessen Gesellschaft für moralische Verfehlungen Punktabzüge auf Karmakarten gibt, bis man – statt im Gefängnis – im Kühlschrank landet.

Das Okay und seine Wirkung

Schon wahr: Die Band breitet hier ohne Scheu Pathos, Kitsch und Selbstüberhöhung aus. Sie sind damit auch irgendwie schuld an Coldplay und Elbow mit ihrem Emo-Quatsch – wenn ein Weiser auf den Mond zeigt, schaut der Depp auf den Finger. Die Technik hatte aber auch eine bewusstseinsverändernde Wirkung: Es war das Okay zum Computer, das wie bei Radiohead kurz darauf die Flaming Lips zu ihrem gar nicht so anders gelagerten Meisterwerk «Soft Bulletin» führte. Und während es mit den Strokes und White Stripes ein kurzes Aufbäumen archaischer Rockreduktion gab, so überlebte das Genre doch vor allem in den bis in die Dancefloors gebrochenen Varianten von Indiehipstern wie Animal Collective, Dirty Projectors oder gerade letztes Jahr Bon Iver mit dem grossartigen «22, a Million». Es ist dabei kein Zufall, dass zu den Fans des Albums auch das Popgenie Kanye West gehört, der wiederum Thom Yorke für ein Genie hält: Musik bedeutet für beide, Regeln und Grenzen zu ignorieren.

Radioheads Pomp, Kalkül, Gewinsel fügen sich in ein insgesamt sehr modernes, befreites Sausen und Brausen – noch die leisen Passagen beben gleichsam vor der Erwartung des Sturms. Man geniesst gerade die Unschärfe, die Dichte und die Uferlosigkeit. Langweilig ist hier auch nach zwanzig Jahren nichts. Natürlich haben sie auch sehr viel mehr Effekte als Pink Floyd. Was an der nerdigen Detailarbeit von «OK Computer» so überzeugt, ist eine sehr zeitgenössische Unschärfe – und ein ganz altmodischer Kontrollwahn, der sie treibt.

Was bedeutet dir «ok Computer»?

Alles war neu

Ich entdeckte Radiohead mit vierzehnbeim Stöbern im Jecklin. Es war die Single «My Iron Lung» von «The Bends», dem Vorgänger zu «OK Computer». Ab dem ersten Ton durchfuhr mich ein Gefühl wie Liebe auf den ersten Blick, der Klang zwischen den Kopfhörern öffnete sämtliche Sensoren in mir auf einmal, ich hielt den Atem an. Etwa zeitgleich entdeckte ich das Kiffen und wechselte die Schule. Von nun an nahm ich jeden Morgen den Zug von Oerlikon nach Stadelhofen, bewaffnet mit meinem Discman, der tagein, tagaus «Hail to the Thief» abspielte.

Ich hatte noch nicht die richtigen Freunde gefunden, um etwas zu erleben, so verbrachte ich meine Freizeit damit, benebelt durch Zürich zu wandern, ging ins Kunsthaus, um zu zeichnen, oder in den Jecklin, um neue Musik zu entdecken, schrieb und dichtete in mein Tagebuch. Die Kopfhörer waren meine Schutzzone, um die Welt auf Distanz zu halten. Alles war neu, und Radiohead war der perfekte Soundtrack, um mich dem Staunen zu ergeben.

Ich hatte damals zweimal physische Reaktionen zu ihrer Musik. Einmal mussten wir im Musikunterricht unser Lieblingslied abspielen. Zu der Zeit war «Airbag» top of my list. Als die Cellolinie laut über die Schulanlage erklang, sackten meine Knie ein, mir wurde schwindlig. Das andere Mal war zu «Kid A», bis heute mein Lieblingsalbum, ich hörte es jeden Abend zum Einschlafen. Eines Nachts sah ich dabei weissen Rauch in meinem Zimmer aufsteigen, bei «Motion Picture Soundtrack». Als der Song zu Ende war, war der Rauch wieder weg. Das war ziemlich überirdisch, und ich konnte es nicht einordnen. Wie so vieles in dieser traumähnlichen Lebensphase.

«My Iron Lung» wurde Teil des Repertoires meiner ersten Band Lorry. Wir spielten an Partys und in Jugendhäusern. Ich schrieb ersten eigenen Songs und fand endlich eine Handvoll Freunde, mit denen man was erleben konnte. Die Kopfhörer wurden weniger wichtig, Nachtleben und Jungs ersetzten das Tagebuchschreiben. Gegen Ende meiner Schulzeit spielten Radiohead in Avenches. Der Gig wurde fast abgebrochen, weil das Feedback von Thom Yorkes Mikrofon so stark war, und er verbreitete negative Vibes. Mein Fanherz begann langsamer zu schlagen, das Konzert war eine sanfte Landung; ich kam aus dem Staunen heraus, ungewollt und irreversibel. Die Ära des Tagträumens hatte schleichend einem realeren Leben Platz gemacht. Seither ist mir keine Musik mehr so eingefahren wie damals, ausser ich habe sie selber gespielt.

Evelinn Trouble (27) brachte zuletzt das Album «Arrowhead» heraus und wurde im April mit dem Förderpreis des Kantons Zürich ausgezeichnet.

Die Sache mit Nigel

Gespaltene Gefühle habe ich «OK Computer» gegenüber. Vielleicht weil das Album so makellos daherkommt, dass jedes Aber eine Majestätsbeleidigung bedeutet. Hinzu kommt das Problem mit den PopakademiestudentInnen, die im ersten Studienjahr die Akkorde von «OK Computer» analysieren wollen. Ihre Zahl ist so gross, dass sie dich als Musiker beim Hören von Radiohead vor die Gretchenfrage stellt: Bist du dabei? Bei den beflissenen, Manchesterhosen tragenden, auf den Boden schauenden Nerds? Bei Radiohead teilt sich das Feld. Es gleicht einer Religionszugehörigkeit, sich ihrer Lehre des heulenden Gesangs, der ungeraden Rhythmen und den hübschen Melodien mit noch hübscheren Verdrehern mit Mollakkorden 7, 9, 12, 13, 14, 29 zuzuwenden. Alles scheint wichtig, und doch scheint nichts danach zu schreien. Es ist sadly glamorous Pop.

Frag mal Radiohead, warum die immer so sauernst sind, hab ich zu Nigel gesagt. Das war 2005, wir arbeiteten an unserem ersten Album. Nigel war ein talentierter irischer Hochstapler, der in seinen paar Jahren in Basel einiges an Mythenbildung zu dieser Band beigetragen hat. Er erzählte davon, mit ihnen im Studio gearbeitet zu haben. Viele Musiker fielen auf ihn herein, so auch wir, oder wollten es, auch um den Alternativgöttern etwas näher zu sein, um auch nur im Schatten etwas mitzuleiden. Das wusste Nigel auszunutzen. Und untalentiert war er nicht.

Wir nahmen zusammen ein paar Songs auf. Welche von Nigels Storys stimmen, weiss niemand. Er verschwand wieder aus Basel. Aber «OK Computer» hat er mir bis heute vermiest. Das Album war die Antwort auf Nirvana, die neue Brücke zwischen Talking Heads, Pink Floyd und der Auflösung des Glam- und Future-Rock. Götzen sind sie geworden. Heute hören ihnen nur noch die wenigsten wirklich zu. Ich höre lieber «Sgt. Pepper», andere Jahrhundertplatten. Und auch «The Bends» fand ich fetter.

Elia Rediger, geboren 1985, war Sänger der mittlerweile aufgelösten Band The Bianca Story, ihr letztes Album hiess «Digger».

Nirvana mit Internet

Ich schob die «OK Computer»-CD in die Anlage und drückte auf Play. Vom Glaserker der Bibliothek des Gymnasiums aus schaute ich den MitschülerInnen im Flur zu, die mir zu diesem Soundtrack wie Fische im Aquarium erschienen. Ab Sekunde neun im Song «Subterranean Homesick Alien» war ich zum heimwehkranken Alien verkommen. Ich rutschte auf der verphotoshopten Autobahn auf dem Cover aus und glitt in ein samtenes Loch, in dem digitale Kristalle glänzten, gesichert durch ein Seil aus Gitarrensaiten. Thom Yorke zeigte mir verschwörerisch alles, was er entdeckt hatte; und das war beunruhigend. Das Album beschäftigte mich.

Es fühlte sich an wie ein Autounfall in Slow Motion, und das Auto war die Gesellschaft, und das Desaster hatte mit den Computern zu tun, die gerade klotzig und wichtig in der Bibliothek installiert wurden. Radiohead waren quasi Nirvana mit Internet.

Als ein Freund sagte, Thom Yorke würde sich als Nächster den Kopf wegblasen, schüttelte ich vehement den Kopf. Niemals. Da war mehr Distanz, weniger Heroin im Spiel. «Wake from your sleep / The drying of your tears / Today, we escape / Pack and get dressed / Before your father hears us», heisst es im Song «Exit Music (for a Film)». Mein Vater, der Pink Floyd schätzte, erwärmte sich nie für Radiohead. Und damit war ich sehr zufrieden. Ich hatte den Soundtrack meiner Pubertät gefunden.

Daniela Weinmann (33) ist Songwriterin der Band Odd Beholder, von der kürzlich die EP «Atlas» erschien.

Mäuse waren wichtiger

Radiohead? Hallo, WOZ, warum fragt ihr mich so etwas? Ich habe 1997 mit Halligalli und Punkrock vergeigt und hatte echt keine Gelegenheit, mir «OK Computer» anzuhören. Ich wusste, dass eine Band namens Radiohead existierte, doch der Name klang wie ein harmloser Achtziger-Wave-Abklatsch. Ausserdem schienen es gerade alle zu hören, deshalb tat ich es nicht. Meine wichtigsten Platten waren «Humppa-Akatemia», «The Milkshakes in Germany» und «Teen Riot Günther Strackture» von Mäuse. Ich lebte hinter dem Mond. Jetzt kriege ich die Quittung für meine Ignoranz. Oder wie es bei Mäuse im Song «Brummbär» heisst: «Teil einer Retrogesellschaft zu sein, ist das Schlagzeugsolo des Liedes, das wir Leben nennen.»

Oliver Maurmann (49) spielte zuletzt mit den Aeronauten «Heinz» und solo als Guz «Der beste Freund des Menschen» ein.

Angefixt

Ich lernte Radiohead sehr spät kennen. 2011, mit «The King of Limbs». Nie hatte ich eine so reichhaltige Musik gehört. Hier waren Leute am Werk, die das musikalische Weltgeschehen mit einbezogen. Einflüsse wurden verinnerlicht und zu etwas Neuem transformiert.

Dies deutete aus meiner Sicht auf ein enormes kulturelles Bewusstsein hin. Angefixt recherchierte ich und stolperte über «OK Computer». Die abrupten Harmoniewechsel, das elektronische Gedödel inmitten einer Weltuntergangsstimmung.

Dann die Songtitel: «Karma Police», «Subterranean Homesick Alien» – ist das nun depressiv, lustig oder beides? Irgendwo auf Youtube liess Sänger Thom Yorke verlauten, die Ausgangslage für «OK Computer» sei die Tatsache, dass sie sich für ihr Dasein als Rockband schämten. Das alles liess ganz schön viel Platz für Interpretation. Auch die Texte, die so vieles andeuteten, Assoziationen provozierten, ohne jemals zum Punkt zu kommen. Ich musste an Wassily Kandinsky denken. In seiner Farbenlehre vertritt dieser die Meinung, das konkrete Abbilden von schönen Dingen «kastriere» die kreativen Kräfte der Betrachtenden. Als ich später vom Einfluss Noam Chomskys, Miles Davis’ und der Beatles auf das Album erfuhr, schloss sich der Kreis. Sie alle kritisierten und hinterfragten die gesellschaftlichen Machtstrukturen.

In diesem Licht betrachtet, ergab alles plötzlich Sinn. Die chaotischen Interviews, die in Zeiten des Selbstvermarktungsdiktats durch die Demonstration von Selbstkritik und Verletzlichkeit verwirrten. Das Rütteln am «konventionellen Songwriting». «OK Computer» ist ein Album, das vielleicht nicht primär gefällt, sondern die ZuhörerIn aktiviert. Durch das Brechen der Strukturen in den Texten wird etwas thematisiert und nicht propagiert. Die Fragen, die das Werk aufwirft – das Individuum im Spannungsfeld zwischen persönlichen Werten und dem Leistungsdruck des Kapitalismus und des technischen Fortschritts – sind aktueller denn je.

Songwriterin Pamela Méndez, 1988 geboren, veröffentlicht im Herbst ihr Album «Time».

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