Nr. 32/2017 vom 10.08.2017

Wir sorglosen Freizeitnomaden

Von Adrian Riklin

Ende Juli stoppten in Barcelona vier vermummte AktivistInnen einen Touristenbus. Sie zerstachen einen Reifen und besprühten die Frontscheibe. «Der Tourismus tötet die Stadtviertel», lautete eine der medienwirksam platzierten Parolen, zu der sich Tage später die linke Jugendorganisation Arran bekannte.

Barcelona ist ein Beispiel unter vielen. Die katalanische Metropole wird Jahr für Jahr von noch mehr TouristInnen heimgesucht. Damit verbunden ist eine Ambivalenz, die früher oder später jede Tourismusmetropole erfasst. Zunächst profitiert sie von den Einnahmen; ab einem gewissen Mass kippt das Ganze zulasten der Bevölkerung: Immobilienpreise explodieren, Wohnungen werden unbezahlbar, Lebensräume verkommerzialisiert. Die aufkommende Share-Ökonomie heizt diesen Verdrängungsprozess zusätzlich an: So offenbart sich die als weltweites Austauschprojekt «unter Freunden» proklamierte Wohnungsvermittlungsplattform Airbnb als globales Unternehmen mit Jahresumsätzen in Milliardenhöhe. Eine soeben veröffentlichte Datenrecherche verschiedener Zeitungen hat ergeben, dass immer mehr Wohnungen in bereits über 65 000 Städten allein zu diesem Geschäftszweck unterhalten werden.

Ja, aber sicher: Tourismus an sich ist zuweilen etwas ganz Wunderbares, Fortschrittliches, Menschenverbindendes. Vor allem, wenn er auf Gegenseitigkeit beruht. Der zeitgenössische Tourismus aber funktioniert weitgehend nach den Gesetzen der Unterhaltungsindustrie: In Aussicht gestellt werden akute Erweckungserlebnisse, ultimative Horizonterweiterungen, garantierte Sehnsuchtserfüllungen – zu immer tieferen Preisen.

Nun ist es gerade in alternativen Kreisen weitverbreitet, sich verächtlich über MassentouristInnen zu äussern. Es soll gar GlobetrotterInnen geben, die auf keinen Fall als TouristIn bezeichnet werden wollen und stolz darauf sind, dabei fast ganz ohne Geld auszukommen. Dass das nur möglich ist, indem sie von der Armut der jeweiligen Bevölkerung profitieren, blenden sie aus. Vorläufiger Höhepunkt davon: europäische TouristInnen, die sich durch südostasiatische Gesellschaften betteln. Ebenso verdrängt wird, dass es mitunter gerade dieser Rucksackexistenzialismus ist, der Gebiete erst touristisch erobert.

Der «Individualtourismus», wie ihn alternativ angehauchte Reiseunternehmen forcieren, ist eben nicht das Gegenteil von Massentourismus – sondern seine Avantgarde. Sosehr wir dabei versuchen, aus unserer touristischen Rolle zu schlüpfen (durch Überidentifikation etwa, indem wir lokale Kleider tragen, oder dadurch, dass wir uns an «Entwicklungsprojekten» beteiligen): Stets profitieren wir vom Wohlstandsgefälle. Während Menschen aus ärmeren Ländern in den Norden migrieren, um Arbeit zu suchen, reisen wir südwärts, um unsere Freizeit zu gestalten.

Zygmunt Bauman, der Anfang des Jahres verstorbene Philosoph und Soziologe, hat 2007 unter dem Titel «Der Pilger und seine Nachfolger» einen schönen Aufsatz veröffentlicht. Seine These: Indem die touristischen Eskapaden bei immer mehr Menschen aus Wohlstandsgesellschaften einen immer grösseren Teil ihrer Lebenszeit ausmachen, wird das touristische Verhalten zur dominierenden Lebensform. So durchdringt uns der touristische Habitus bis ins Innerste – selbst dort, wo wir uns überhaupt nicht als TouristInnen wähnen, in der eigenen Stadt zum Beispiel. Was zuweilen dazu führen kann, dass wir uns im eigenen Quartier durchaus fremder fühlen als weit weg von zu Hause.

In Spanien zeichnet sich derweil der nächste Tourismusrekord ab. Die Arbeitslosenquote, noch immer eine der höchsten in der Eurozone, ist so tief wie noch nie seit Beginn der Finanzkrise. Doch was hilft das den Leuten, die sich trotzdem keine Wohnung leisten können? Barcelonas linke Bürgermeisterin Ada Colau hat schon mal eine erste Massnahme getroffen: Wegen illegaler Wohnungsvermittlungen büsste sie Airbnb und Home Away mit Strafen von bis zu 600 000 Euro.

Die Frage aber, wie wir kosmopolitische FreizeitnomadInnen uns aus dem grossen touristischen Dilemma befreien, ohne einer weiteren Selbsttäuschung zu erliegen: Sie wird uns auf unseren Reisen weiter begleiten.

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