Nr. 33/2017 vom 17.08.2017

1: 0 für «Breitbart»

Ein Vertreter des rechten US-Newsportals «Breitbart» darf am Swiss Media Forum auftreten. Die VeranstalterInnen sehen darin kein Problem.

Von Daniela Janser

Er verurteile «Hass, Bigotterie und Gewalt auf vielen Seiten», sagte Donald Trump, nachdem ein gewaltbereiter, rechtsextremer, rassistischer Mob im US-Städtchen Charlottesville aufmarschiert war. Aber sogar nachdem Trump zwei Tage zu spät die Schuldigen an den tödlichen Ausschreitungen von Charlottesville doch noch benannt hatte, versuchte die rechte Internetplattform «Breitbart News», den rassistischen Auflauf für ihre ideologischen Zwecke umzudeuten: Der Aufmarsch sei ein willkommener Anlass für die Antifa und die Mainstreammedien wie CNN, Präsident Trump zu attackieren. Überhaupt ist es eine der Hauptbeschäftigungen von «Breitbart», ihren ehemaligen Chefredaktor Stephen Bannon, der nun als Präsidentenberater waltet, sowie Trump selbst lauthals zu unterstützen.

Ausgerechnet ein Vertreter von «Breitbart News» darf nun am Swiss Media Forum sprechen, das Mitte September im Anschluss an die Mitgliederversammlung des Verbands Schweizer Medien in Luzern stattfinden wird. Die Veranstalter überschreiben den Auftritt des «Breitbart»-Manns Thomas Williams im Programm mit «Die andere Sicht».

Von Bannon rekrutiert

In einem Porträt der «New York Times» wird der in Rom stationierte Expriester Williams als «scheinbar sanfte Gegenstimme» im giftig-schrillen Chor von «Breitbart» beschrieben. Gleichzeitig macht der Artikel klar, dass Williams quasi als alter Kreuzritter im neuen Gewand des Netzjournalisten für «Breitbart» den konservativen Katholizismus verteidigt. Schon früher hatte er versucht, einen Fall von priesterlichem Kindesmissbrauch unter den Tisch zu kehren. Williams wurde von Bannon persönlich für die Plattform rekrutiert.

Auf die Anfrage der WOZ, wie man die Einladung von «Breitbart» rechtfertige, antwortet Patrik Müller, Chefredaktor der AZ-Zeitungen und der Programmverantwortliche des Forums, auf Lateinisch: «Audiatur et altera pars» – auch die andere Seite solle gehört werden. Was bei jeder Gerichtsverhandlung seine logische Berechtigung hat, ist im Rahmen eines Medienkongresses, bei dem sowieso nicht alle Seiten zu Wort kommen, eine magere Begründung. Weiter verweist Müller auf die geplante kritische Befragung von Williams und auf «mündige Zuhörer», denen zuzumuten sei, «einen ‹Breitbart›-Vertreter richtig einzuordnen».

Am zweitägigen Luzerner Medienevent treten neben Thomas Williams auch ein Journalist der «Washington Post» und ein Google-Vertreter auf, dazu Justizministerin Simonetta Sommaruga, der Verwaltungsratspräsident der NZZ-Gruppe Etienne Jornod und der Schriftsteller Jonas Lüscher. Wer dabei sein will, muss knapp 1000 Franken hinblättern, Verbandsmitglieder bezahlen 790 Franken.

Schrott als Vielfalt adeln

Noch während des US-Präsidentschaftswahlkampfs hat Eric Alterman in der Wochenzeitschrift «The Nation» eine gefährliche Tendenz hin zu einem journalistischen «Krieg gegen die Wirklichkeit» beobachtet: Haltlose Behauptungen und Verleumdungen würden immer öfter als scheinbar gleichwertig mit recherchierten Fakten und fundierten Argumentationen präsentiert. Der an sich wichtige journalistische Grundsatz, immer auch «die andere Seite» zu Wort kommen zu lassen, führe im Fall unlauterer Akteure dazu, dass fast jeder Schrott als «andere Sicht» oder Meinungsvielfalt geadelt werde. Auch sei es falsch, Fake-News- und Propagandaschleudern – zu denen neben dem explizit erwähnten Sender Fox News auch «Breitbart» gezählt werden darf – wie normale Medien zu behandeln, obwohl sie sich klar von zentralen journalistischen Grundsätzen verabschiedet hätten.

Durch ihre Einladung an den Kongress in Luzern wird die Plattform «Breitbart News», zum trügerischen Teil einer bunten Medienvielfalt. Indem man sie in eine Reihe mit anderen Medien und MeinungsmacherInnen stellt, wird der Anschein erweckt, «Breitbart» vertrete nichts weiter als eine Sichtweise unter vielen. Die kühle Glätte der Überschrift «Die andere Sicht» bedient sich – bewusst oder unbewusst – einer ähnlichen rhetorischen Strategie wie Trumps fortdauernde Vertuschung gewalttätiger Tatsachen und der mittlerweile routinierte Bezug auf die Meinungsfreiheit zahlreicher HasskommentatorInnen im Netz. Die Einladung an «Breitbart» steht im Dienst einer fatalen Normalisierungsstrategie.

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