Nr. 34/2017 vom 24.08.2017

Auf der Insel Traurigkeit

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Fast alle BewohnerInnen haben die Insel verlassen, nachdem der Schlachthof schliessen musste. Nur der Gemeindepräsident und der Pfarrer sind geblieben, ihre beiden Ehefrauen und zwei Töchter, von denen die eine frech ist und die andere nicht spricht. Auch zwei Alte sind noch da, Ida und ihr Gatte. An einem Morgen findet die Dorfgemeinschaft Ida aufgehängt an der Fahnenstange, eingewickelt in eine dänische Flagge. Nun nimmt das böse Spiel auf der Insel Traurigkeit seinen Lauf, und das Zürcher Theaterspektakel erlebt einen fulminanten Auftakt: «Tristesses» der belgischen Regisseurin Anne-Cécile Vandalem und ihrer Kompagnie Das Fräulein ist eine verstörende, brillante Beschäftigung mit dem Rechtspopulismus.

Formal nahe bei Dogma-Filmen wie «Dogville» von Lars von Trier, wird das Theater zum Film: Sobald die SchauspielerInnen sich in ihre Häuser oder in die Dorfkirche begeben, erscheinen sie auf einer Leinwand. Hier, in der Enge der Innenräume, brechen die Abgründe erst recht auf und die ProtagonistInnen häufig in Tränen aus über ihr Schicksal und ihre Schwächen. Die Tochter von Ida, die Anführerin der nationalen Erweckungspartei, ist auf die Insel gekommen. Sie will die ganze Insel für ein Filmstudio der Partei in Besitz nehmen.

Die Insel als Symbol für die fremdenfeindliche Abschottung, der Schlachthof als Ausdruck ruinösen Wirtschaftens, das Filmstudio als Kulisse für die künftige Wahrheit: Anne-Cécile Vandalem gelingt es mühelos, all die Metaphern zu verknüpfen. Statt sich in einer Analyse zu üben, setzt sie diese voraus und spielt sie in der letzten, faschistischen Konsequenz durch: Die DorfbewohnerInnen unterschreiben die Verträge, die Mädchen finden eine Pistole, der Selbstmord Idas entpuppt sich als Verbrechen, am Ende schiessen sich alle über den Haufen. Nur die Parteiführerin überlebt, und im ersten Propagandafilm werden die Toten auf der Insel zur nationalen Legende. Klar, haben sie sich nicht selbst umgebracht, es muss jemand von aussen gewesen sein.

Das Zürcher Theater-Spektakel dauert bis am 3. September 2017. «Tristesses» ist nicht mehr zu sehen, dafür vieles Weitere: www.theaterspektakel.ch.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch