Nr. 02/2017 vom 12.01.2017

Dürrenmatts letzter ist der beste

Die Kritik nahm Friedrich Dürrenmatts letzten Roman «Durcheinandertal» ungnädig auf. Die erstmalige Inszenierung am Theater St. Gallen legt seinen visionären Charakter offen.

Von Kaspar SurberMail an Autor:in

Wie ein melancholischer Rückblick auf die Geschichte der Schweiz in den letzten 25 Jahren: Friedrich Dürrenmatts «Durcheinandertal» am Theater St. Gallen. Foto: Sebastian Hoppe

Als Friedrich Dürrenmatts letzter Roman «Durcheinandertal» 1989 erschien, zerriss ihn das «Literarische Quartett» in der Luft: «Der Roman heisst nicht nur ‹Durcheinandertal›, er ist auch ein Durcheinander», seufzte die Schweizer Kritikerin Klara Obermüller in der Fernsehsendung. Sie halte ihn für misslungen: «Als hätte Dürrenmatt nochmals in den Fundus seiner Ideen gegriffen und ein Plagiat seiner selbst gemacht.» Kollege Hellmuth Karasek fügte als «peinigende Überlegung» hinzu: «Dürrenmatt sagte einmal, eine Geschichte sei dann zu Ende erzählt, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen habe. Wie kommt es, dass ein Autor von niemandem geschützt wird, bevor er seine schlimmstmögliche Wendung genommen hat?» Sigrid Löffler meinte, Dürrenmatt werde als Schriftsteller wohl überschätzt, «wahrscheinlich ist er immer ein guter Kabarettist gewesen», und Marcel Reich-Ranicki beendete die Diskussion: «Ich finde dieses Buch abscheulich.»

Stimmt das harte Urteil bis heute, oder ist es ebenso aus der Zeit gefallen wie die unförmigen, knallbunten Kleider der KritikerInnen (zu sehen auf Youtube, sehr amüsant)? Eine eigene Meinung lässt sich derzeit am Theater St. Gallen bilden. Dort feierte am Freitag letzter Woche «Durcheinandertal» seine Uraufführung als Stück.

Auf den Hund gekommen

Auf der Bühne steht ein riesengrosser Hund aus Spanholz: Mani, das Tier von Gemeindepräsident Pretander. Der Hund lässt sich drehen, wird mal zum Kurhaus und mal zum Gebirge. Und Mani wird, ebenso wie Elsi, Pretanders Tochter, auch noch da sein, wenn am Schluss des Stücks das Durcheinandertal in einem Weltenbrand aufgegangen ist. Mani, dessen Name fast wie Money klingt.

Seinen Anfang nimmt das Ungemach im Durcheinandertal mit dem Auftritt von Sektenprediger Moses Melker, der vom Berg herunter seine «Theologie des Reichtums» verkündet: «Selig sind, die da arm am Geiste sind, die Armen, denn der Geist des Menschen ist das Geld! Seufze, Christenheit, seufze.» Grossindustrielle, Privatbankiers und Millionärswitwen folgen Melkers Schalmeienklängen, um sich einen Sommer lang im Durcheinandertal in Armut zu üben. Im Winter dient das Kurhaus unter der Leitung des liechtensteinischen Reichsgrafen von Küksen einem Verbrechersyndikat als Versteck. Dazu zählen Marihuana-Joe und Big-Jimmy, die meistgesuchten Killer des nordamerikanischen Kontinents. Das geht so lange gut, bis sich Big-Jimmy an Elsi vergeht und sich Mani in den Hintern von Marihuana-Joe verbeisst. Pretanders Sorge gilt darauf weniger Elsi als Mani: Der Hund soll auf Befehl von Küksens erschossen werden.

In Dürrenmatts «Durcheinandertal» ist vieles auf Klamauk angelegt. Regisseur Martin Pfaff, der den Roman für die Bühne selbst adaptiert hat, lässt den Witzen durchaus ihren Raum. So in einer herrlichen Szene, als die Polizisten, angeführt vom kugelrunden Lustenwyler, Mani erschiessen wollen. Doch rasch haben auch sie es auf Elsi abgesehen. Um die Polizisten auf Distanz zu halten, fordert das Mädchen sie auf, im Liegestützenwettbewerb ihre Kraft zu beweisen, bis alle schlapp darniederliegen. Unübertroffen bleibt die Figur von Moses Melker, den Diana Dengler als bigotten, lüsternen Buchhalter im roten Pullunder gibt, wie es überhaupt zum Durcheinander beiträgt, dass hier Männer die Frauen und umgekehrt Frauen die Männer spielen. Melker schreckt nicht davor zurück, seine dritte, übergewichtigte Ehefrau Cäcilie Räuchlin mit Pralinen zu ersticken: «Und ich stopfte und stopfte und stopfte sie», ruft Melker und blickt drein wie die Unschuld in Person.

Im undurchsichtigsten Land

Das «Durcheinandertal» ist aber weit mehr als Klamauk. Die Regie inszeniert es in St. Gallen – bisweilen etwas erklärerisch – als Erzähltheater. So werden auch die Spuren sichtbar, die über die Groteske im Tal hinausführen: Gekauft hat das Kurhaus eine Anwaltskanzlei namens Raphael, Raphael & Raphael, dies wiederum im Auftrag für eine Swiss Society for Morality, die von einem Altbundesrat gegründet wurde, dies wiederum im Auftrag eines ominösen Grossen Alten. Ganz so irrwitzig um den Globus, wie es der Roman tut, führt das Stück dann aber nicht. Der unbekannte Strand fehlt, wo der Sekretär des Grossen Alten versucht, all die Briefe an den angeblichen Weltherrscher zu beantworten, ebenso das Zusammentreffen des Grossen Alten mit seinem Stellvertreter oder Gegenspieler Jeremiah Belias in der Antarktis. Die beiden drehen dort je an einer Kaffeemaschine und setzen so die Gestirne in Schwung.

Was die Zusammenhänge auch immer bedeuten könnten, auf den Grund gehen will ihnen sowieso niemand. Als Pretander im Stück die Regierungsratspräsidentin um Rat fragt – in Sorge noch immer um Mani, nicht um Elsi –, kann diese nicht weiterhelfen: «Ich sage dir, Gemeindepräsident, unser Land ist das undurchsichtigste Land der Erde. Niemand weiss, wem was gehört und wer mit wem spielt und wer die Karten gemischt hat. Wir tun so, als ob wir ein freies Land wären, dabei sind wir nicht einmal sicher, ob wir uns überhaupt noch gehören.»

War Dürrenmatts Vision für die KritikerInnen 1989 noch unverständlich, so wirkt sie heute als Stück wie ein melancholischer Rückblick auf die Geschichte der Schweiz in den letzten 25 Jahren. Oder, etwas abstrakter, auf die Geschichte der Globalisierung mit Ungleichheit und Finanzkrise als Folgen. Das vorherrschende Gefühl der Figuren im «Durcheinandertal», nicht Teil der Handlung, sondern dieser ausgeliefert zu sein, kommt einem jedenfalls bekannt vor. Ebenso der feige Schluss der meisten, nur auf das eigene Money zu schauen.

Das Gelächter bleibt

Schon in seiner grossen Dürrenmatt-Biografie «Die Ahnung vom Ganzen» (2011) hatte Peter Rüedi darauf hingewiesen, das Spätwerk von Dürrenmatt warte auf eine angemessene Wahrnehmung. Mit seiner Inszenierung, die weitgehend auf Aktualisierungen verzichtet, legt Regisseur Pfaff den visionären Charakter von «Durcheinandertal» offen. Es wird deutlich, dass sich Dürrenmatt gerade nicht selbst plagiiert hat, sondern seinen irrwitzigen Humor und seine politische Klarsicht noch einmal in Perfektion zusammenbringt: als Auslotung der Möglichkeiten bis zur schlimmstmöglichen Wendung.

Während der Weihnachtsfeier in der Dorfkirche gibt sich Marihuana-Joe als entfernter Verwandter der Pretanders zu erkennen. Und hetzt die Dorfgemeinschaft in einem nationalen Taumel gegen das Kurhaus auf: «Was wart ihr doch einmal für tolle Kerle. Ihr habt die Österreicher, die Deutschen und Karl den Kühnen vermöbelt. Zerhackt, durchstochen und deren Köpfe an eure Spiesse gesteckt und gejodelt dazu.» Oben im Kurhaus predigt Moses Melker, mittlerweile nicht mehr zu den Armen, sondern zu den Gangstern: «Ich bin einer von euch, nicht der Theologe des Reichtums, sondern der Theologe des Verbrechens, ist doch der Grosse Alte nur als Verbrecher denkbar.» Dann geht alles in Flammen auf, das Dorf, das Kurhaus und seine BewohnerInnen.

Wer der Grosse Alte im «Durcheinandertal» nun tatsächlich sein soll, ob ein Gott, ein Verbrecher oder auch einfach nur der Kapitalismus, bleibt zwar auch nach dieser Inszenierung offen. Als Möglichkeit bleibt auch, dass sich der Autor damit selbst gemeint hat. Friedrich Dürrenmatt soll oft wie der Grosse Alte in schallendes Gelächter ausgebrochen sein, und an einer Stelle im «Durcheinandertal» schreibt er: «Doch gesetzt, die Geschichte, die hier erzählt ist, stellt eine sowohl durcheinander- als auch durchgehende Geschichte dar, wo sich eines aus dem anderen und durch das andere entwickelt, und nicht ein Bündel von Geschichten ohne Zusammenhang, wird der Grund des Gelächters in einem Hintergedanken zu suchen sein, auf den der Grosse Alte gekommen war.»

«Durcheinandertal» in: St. Gallen, Theater, Dienstag, 17., Freitag, 20. und 27. Januar 2017, weitere Vorführungen bis April 2017. www.theater-sg.ch

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