Nr. 35/2017 vom 31.08.2017

Keine Opferkonkurrenz!

So, wie der Streit unter FeministInnen um die Genderstudies aktuell ausgetragen wird, spielt er den Gegnern in die Hände.

Von Ulrike Baureithel

«Rufmord», tönt es von der einen Seite, «Verleumdung», von der anderen: Die Ikonen und Widersacherinnen in Sachen Feminismus, hier Alice Schwarzer, dort Judith Butler und Sabine Hark, Leiterin des Berliner Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung, fahren schwere Geschütze auf. Seit Wochen tobt in der «Zeit» und darüber hinaus ein fulminanter Streit um die feministische Deutungshoheit und die Berechtigung der Genderstudies.

Butler und Co. verwahren sich gegen «Verfemung» und «Verleumdung» in der «Emma» und machen gar eine «neue Form des ‹Trumpism› im Feld des Feminismus» dingfest, der «kein Problem mit Rassismus» habe, wenn es um den Islamismus gehe. Schwarzer wiederum polemisiert gegen «lebensabgewandte» Gendertheorien, «abgehobene Sprache» und einen Kulturrelativismus, der das «Leiden unter dem Kopftuch» beschönige und behaupte, der Verlust der Burka sei nichts weiter als eine «Zwangsverwestlichung». Ihre Attacke gegen die «sektiererischen butlerschen Denkkonstruktionen» gipfeln im Vorwurf, Butler sei dafür verantwortlich, dass die «jungen Akademikerinnen und Akademiker für ein wissenschaftliches und politisches Denken verloren» seien.

Den politischen Biss verloren

Vorangegangen war dieser unterschwellig schon lange brodelnden Auseinandersetzung die Essaysammlung der illustren Berliner «Polittunte» Patsy l’Amour laLove mit dem sprechenden Titel «Beissreflexe». Mit Instinkt für die Bedürfnisse des Krawalljournalismus nehmen sie und ihre KoautorInnen den «queeren Aktivismus», seine «autoritären Sehnsüchte» und «Sprechverbote» (so der Untertitel) ins Visier und blasen zum Generalangriff auf «Homonormativität», «Homonationalismus» und eben auch auf die Genderstudies. Letzteres übernimmt ein Absolvent dieser Disziplin, Sascha Vukadinovic, der vorgibt, aus der feministischen Vorhölle zu berichten. Seinen Beitrag wiederum hat Alice Schwarzer in die «Emma» gehoben, um über einen Stellvertreter mit ihren feministischen Widersacherinnen abzurechnen.

Dabei skandalisiert das Buch lediglich ein Phänomen, das allen sozialen Bewegungen inhärent ist: Irgendwann kommen sie im Mainstream an, werden aufgesogen und eingemeindet. Dass weisse Schwule gleichzeitig auch Privilegieninhaber sind, weisse lesbische Akademikerinnen Deutungsansprüche reklamieren – so what? Auch ist nicht neu, dass die einst eminent politisch aufgestellte Frauen- und Geschlechterforschung bei ihrem Gang durch die Institutionen inzwischen ausdifferenzierter und «akademischer» geworden ist und dabei vielleicht auch ihren politischen Biss etwas verloren hat.

Das mag man bedauern oder auch begrüssen wie die Genderforscherin Paula-Irene Villa, die Vukadinovic Satz für Satz geduldig (und manchmal auch sarkastisch) auseinandernimmt. Die Genderstudies, ist sie überzeugt, seien eben nicht der verlängerte Arm des Feminismus. Doch die Forschung im Rahmen von Critical Whiteness und Intersektionalität oder die Kritik am Femonationalismus hätten viel dazu beigetragen, die verschiedenen Ungleichheitsparadigmen – neben Geschlecht auch Rasse, Klasse oder Religion – in den Blick zu nehmen, ohne den jeweiligen Unterdrückungsballast zu hierarchisieren.

Rhetorischer Pulverdampf

Genau das stösst den «Wir-Feministinnen» (Alice Schwarzer) auf, die sich als letzte Phalanx «universaler Menschenrechte» wähnen. Dass Ereignisse wie die – nicht zu entschuldigenden – Übergriffe in der Kölner Silvesternacht ihren Grund nicht nur in machistischen Haltungen haben, sondern auch komplizierten sozialen Gemengelagen entspringen, spielt keine Rolle mehr, wenn weisse Frauen angegriffen werden. Der nun aufgewirbelte rhetorische Pulverdampf schärft den differenzierenden Blick auch nicht gerade.

Vereint finden sich die feindlichen Schwestern kurioserweise im gegenseitigen Vorwurf wieder, sie würden den rechtsradikalen Kräften, die den «Genderwahnsinn» ohnehin erledigen wollen, in die Hände spielen: sei es mit einer Islamismuskritik à la Schwarzer, sei es, weil die KulturrelativistInnen den Islamismus nobilitierten. Eigentlich sollten wir nach jahrzehntelangen Grabenkämpfen wissen, dass Opferkonkurrenzen entsolidarisieren und dass gegenseitige Denunziationen nur dem Gegner nützen. Die Genderstudies bleiben wohl im Zentrum dieser Kampfzone. Vielleicht ist das der Beleg für das Politische dieser Disziplin.

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