Nr. 36/2017 vom 07.09.2017

Ein Kampfblatt pflügt die Politlandschaft um

Christoph Blochers Kauf der Mediengruppe Zehnder wirft die Frage auf, wie viel Einfluss regionale Gratisblätter entfalten können. Das Beispiel des Gratisanzeigers «Obersee Nachrichten» zeigt exemplarisch, dass Kampagnenjournalismus auch im Lokalen die politischen Verhältnisse umpflügen kann.

Von Sarah Schmalz (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Mit Fake News eine ganze Region verunsichern: Eine unbemannte Ausgabe des Gratisblatts «Obersee Nachrichten» überfliegt einen Platz in Rapperswil-Jona.

Schübelbach sieht aus, wie man sich eine Schwyzer Landgemeinde vorstellt: Im Dorfzentrum steht das Restaurant Rössli, schindelverkleidete Häuser reihen sich an der Kantonsstrasse aneinander. Am Ende des Dorfes folgen ins Tal gestreute Bauernhöfe. Einen davon bewohnt Josef Bruhin, der die Tür in einem weissen Unterhemd öffnet und aussieht, wie man sich einen Bauern vorstellt: mit seinem freundlichen runden Gesicht, dem gedrungenen Körper, dem grauen Haarkranz. Doch Bruhin klingt nicht hemdsärmelig, selbst wenn er sich über die «Obersee Nachrichten» («ON») aufregt. Die Zeitung betreibe populistische Stimmungsmache, sagt Bruhin, der nicht nur Bauer ist, sondern auch für die CVP im Gemeinderat von Schübelbach sitzt. «Etwa bei der Asylthematik», wo die Zeitung oft mit den hohen Ausgaben an die Neidgefühle ihrer Leser appelliere, ohne die Zahlen in ein Verhältnis zu stellen. «Es geht nur darum, Aufregung zu platzieren, man lässt auch oft nur eine Seite zu Wort kommen und recherchiert nicht in die Tiefe.»

Gratis in 60 000 Haushalte

88 000 LeserInnen haben die «ON» gemäss Erhebungen des Schweizer Werbemedienforschungsinstituts Wemf. Bruno Hug, Verleger, Geschäftsführer und Chefredaktor in Personalunion, vertreibt das Wochenblatt gratis in über 60 000 Haushalte. Die «ON» hetzen nicht nur gerne gegen die «Asylindustrie», für Aufsehen hat vor allem ihre aggressive Kampagne gegen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Linth gesorgt, die dem Blatt zwar eine rekordverdächtige Klage einbrachte, aber auch die politische Landschaft der Region umpflügte: Mit seiner Kampagne hat der Selfmade-Millionär Hug es 2016 geschafft, den bisherigen Rapperswiler Stadtpräsidenten Erich Zoller sowie den einzigen SP-Vertreter im Stadtrat aus dem Amt zu schreiben. Und er hätte fast das Ergebnis der Kesb-Abstimmung im Kanton Schwyz gekippt, die mit 51 Prozent Nein-Stimmen äusserst knapp ausging.

Vielleicht hat Christoph Blocher ja vor seinem Kauf der Zehnder Medien, einem Konglomerat aus 25 Gratiszeitungen, die verstreut in der Deutschschweiz erscheinen, nach Rapperswil-Jona geschielt: Hugs «Obersee Nachrichten» sind ein Kampfblatt. Und bestes Beispiel dafür, welche Wucht regionale Gratiszeitungen entfalten können – wenn genug in sie investiert wird. Andreas Knobel war zwölf Jahre lang Chefredaktor der «Obersee Nachrichten». «Der grosse Unterschied zu den Titeln der Zehnder Medien», sagt er, «ist, dass diese trotz grosser Auflage nur eine kleine Leserschaft haben. Vier von fünf Zeitungen landen ungelesen im Abfall. Hug hingegen hat es geschafft, dass jede ‹ON›-Ausgabe im Schnitt von 1,2 Personen gelesen wird.» Die Stossrichtung der «Obersee Nachrichten» war von Anfang an klar: Boulevard. «Der kleine Mann gegen die Eliten», sagt Knobel. «Das war schon immer das Prinzip, nach dem die Zeitung funktionierte.» Hug baute nach der Gründung 1981 eine Redaktion mit einer Handvoll Angestellten auf. Er habe immer die heissen Geschichten gewollt, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. «Damit wollte er sich von den Tagesmedien abheben.» Der ehemalige Chefredaktor Knobel stand hinter dem Blatt. Bis Hug im Frühling 2011 begonnen habe, das Zepter selbst in die Hand zu nehmen. «Plötzlich konnten wir ihm nichts mehr recht machen», sagt Knobel. «Wir mussten mehr zuspitzen, mehr werden wie ‹20 Minuten›. Kürzer, unzimperlicher.» Anwaltschaftlichen Journalismus hätten die «Obersee Nachrichten» auch unter seiner Führung betrieben. «Aber einen Grossteil der Leute, die mit Ordnern auf unserer Redaktion auftauchten, weil sie sich als Opfer irgendeiner Behörde fühlten, musste ich wegschicken, weil ihre Geschichten nicht verifizierbar waren oder die Person zu wenig glaubhaft rüberkam.»

Nachdem Knobel 2011 bei den «ON» gekündigt hatte, entledigte sich Bruno Hug – den Weggefährten als impulsiven Charakter beschreiben, der immer seinem Bauchgefühl folgt – dieser einschränkenden journalistischen Standards und berufsethischer Richtlinien. Wenn Hug sich aufregt, lässt er sich seine Geschichte nicht von unpassenden Kleinigkeiten kaputt machen. Hug verteidigt seine Kampagnen stets als engagierten Kampf gegen Missstände. Vorwürfe, er verletze dabei Persönlichkeitsrechte, weist er zurück (siehe WOZ Nr. 42/2016). Stossend sind seine Artikel nicht, weil sie meinungsstark oder kritisch wären, sondern weil die «ON» Fakten selektiv verwenden und so ein verzerrtes Bild zeichnen: etwa das einer machthungrigen Behörde, die mit der Stadt Rapperswil, die in Wahrheit keinen Einfluss auf die Fallführung der Kesb hat, unter einer Decke steckt. Und die den Menschen an den Kragen will. Fake News am Obersee.

Volle Hallen im Wahlkampf

«Steter Tropfen höhlt den Stein», sagt Josef Bruhin. Dass Hugs Anti-Kesb-Kampagne die gewünschte Wirkung entfaltete, bekam er zu spüren, als er als Gemeinderat gegen die Anti-Kesb-Initiative des SVP-Nationalrats Pirmin Schwander kämpfte, über die der Kanton Schwyz diesen Frühling abstimmte. Das Resultat war aufschlussreich: Schwander konnte vor allem in Ausserschwyz am oberen Zürichsee mobilisieren. Die beiden Bezirke Höfe und March stimmten seiner Initiative mit 53,8 beziehungsweise 58,5 Prozent der Stimmen zu. Alle übrigen Schwyzer Bezirke lehnten die Vorlage mit teilweise über 60 Prozent ab. Bemerkenswert ist, dass der Kanton Schwyz für gewöhnlich umgekehrt abstimmt: Der innere Kantonsteil gilt als SVP-treuer und konservativer, der äussere Kantonsteil als etwas offener. Doch hier liegt das Einzugsgebiet der «Obersee Nachrichten». «Das hat bei der Mobilisierung eindeutig eine wichtige Rolle gespielt», sagt Bruhin. «Bemerkenswert war ja, dass die ‹Obersee Nachrichten› immer nur auf die Kesb Linth geschossen hatten. Die Schwyzer Kesb war nie ein Thema im Blatt. Und dennoch war die Verunsicherung bei den Leuten riesig. Während des Wahlkampfs hat der Frauenverein des Dorfs Siebnen zu einer Veranstaltung mit dem Titel ‹Wie schütze ich mich vor der Kesb?› eingeladen. Die Frauen gingen danach total verängstigt nach Hause. Wenn wir während des Wahlkampfs zu einer Veranstaltung einluden, brachten wir vielleicht vierzig Zuhörer zusammen. Schwander und seine Wahlhelfer füllten ganze Hallen.»

Hug habe sich bei der Kesb in ein Thema verbissen, sagt sein ehemaliger Chefredaktor Andreas Knobel. Welche Rolle SVP-Nationalrat Pirmin Schwander bei der Geschichte spielt, bleibt nebulös. Schwander und Hug hätten sich über eine besonders «skandalöse» Kesb-Geschichte gefunden, sagt die Rapperswiler SVP-Nationalrätin Barbara Keller-Inhelder, die mit Schwander auf nationaler Bühne gegen die Behörde kämpft. Fest steht: Rund um Rapperswil hat sich ein zentrales Anti-Kesb-Netzwerk gebildet. Hug gründete den Verein «Kesb-Schutz», dem er bis vor kurzem vorstand und bei dem auch Schwander und Keller-Inhelder mitwirken. «Schwyz ist ein Testlabor für die SVP», sagt Josef Bruhin. «Und Hugs Zeitung war für Schwander während des Kesb-Abstimmungskampfs ein willkommenes Sprachrohr.»

Fehlleistungen konnte die kantonale Aufsichtsbehörde, die die «ON»-Kesb-Fälle sowie das grundlegende Funktionieren der Kesb Linth im Herbst 2015 überprüfte, nicht feststellen. Am offensichtlichsten ist die unseriöse Berichterstattung der Zeitung im Fall des Gipsermeisters «Ansgar Vontobel», den die Zeitung als unbescholtenes Opfer der Behörde darstellte, die ihn grundlos entmündigt habe. «Darf ich den Fall nochmals schildern?», fragt Erich Zoller. Der abgewählte Rapperswiler Stadtpräsident ist inzwischen Gemeindepräsident von Quarten. Die neue Aufgabe mache es leichter, die Sache zu verdauen, sagt Zoller. Aber er könne immer noch nicht richtig fassen, was passiert sei. «Der Gipsermeister stellte sich als Betrüger heraus, er hatte keine Firma, keine Angestellten und dafür einen Haufen Betreibungen.» Wegen solcher Fehlleistungen habe er Hugs Blatt lange unterschätzt, sagt Zoller. «Ich dachte, die Leute würden schon merken, welchen Mist die Zeitung verbreitet.»

Die Tochter wird hineingezogen

Während des Stadtpräsidium-Wahlkampfs geriet Zoller selbst in Hugs Schusslinie. Der Verleger zielte auch auf Zollers Privatleben. Dessen Tochter hatte sich aufgrund psychischer Probleme an die Kesb gewandt. Die Behörde eröffnete nach ersten Abklärungen kein Verfahren, sondern verwies die junge Frau an die freiwillige Sozialberatung. Während der Zeit, die Zollers Tochter freiwillig in einer Klinik verbrachte, übernahmen die Grosseltern die Betreuung ihrer Kinder. Das brachte Zoller den Vorwurf des Amtsmissbrauchs ein. «Hug hatte ja lange am Mythos des Machtkartells der Kesb und der Stadt Rapperswil gebastelt. Dass sich die Kesb in unserem Fall zurückhielt, war ein gefundenes Fressen für die Zeitung.»

Opfer der «ON»-Kampagne wurde bei den letzten Wahlen auch Pablo Blöchlinger, der einzige SP-Vertreter im Rappperswiler Stadtrat, dem Hug Mauscheleien bei der Anstellung von Kesb-Präsident Walter Grob vorwarf und der damit als Teil des «Machtkartells» abgestraft wurde. Installiert hat Hug, der im ersten Wahlkampf noch selbst antrat, dafür den FDP-Mann Martin Stöckling. Der neue Stadtpräsident hatte Hug bei einigen seiner Kesb-Geschichten als Jurist beraten. Im Rapperswiler Stadtrat sind Hugs Befürworter seit den letzten Wahlen in der Mehrheit. Das führte mutmasslich dazu, dass die Stadt eine kürzlich von Kesb-Präsident Grob eingereichte Ergänzungsklage gegen die «ON» anders als die erste Klage nicht unterstützte.

Cashcow der Somedia

Viel Gegenwehr bekommt Hug in der Region nicht. Die beiden anderen Lokalzeitungen berichten zurückhaltend bis ignorant: Wobei die «Zürichsee Zeitung» noch etwas kritischer ist als die «Südostschweiz», die wie die «ON» dem Churer Verlagshaus Somedia gehört. Eine willkommene Cashcow seien die «ON» für das Verlagshaus, so die verbreitete Einschätzung in Rapperswil. Entscheidend geschadet hätten die populistischen Kampagnen dem Blatt bislang nicht. Die Einnahmen seien im letzten Jahr um zehn Prozent eingebrochen, teilt die Inserateabteilung der «ON» auf Anfrage mit. Das sei aber weniger dem Inhalt des Blatts geschuldet als der schwierigen Marktsituation, mit der alle Zeitungen zu kämpfen hätten.

In Schübelbach hat sich die Situation nach der Abstimmung beruhigt. «Die Kesb ist kein Thema mehr», sagt Josef Bruhin. Die «ON» liest der Landwirt nicht mehr. «Ich habe mir einen Aufkleber bestellt», sagt er. «Bitte keine Gratiszeitungen».

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