Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Der Bruno vom Obersee

Rund 300 Seiten umfasst eine Klage, die gegen die «Obersee Nachrichten» in Rapperswil-Jona läuft. Gegenstand sind die Kampagnen des Verlegers Bruno Hug gegen die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb). Der Millionär vergleicht sich dabei mit Günter Wallraff.

Von Sarah Schmalz

Setzt lieber auf Emotionen als auf abstrakte Fakten: Bruno Hug, Gründer und Chefredaktor der «Obersee Nachrichten» in Rapperswil-Jona. Foto: Ralph Ribi, «St. Galler Tagblatt»

Viel wurde schon über ihn geschrieben. Bruno Hug kommt meist gut weg. Man betrachtet ihn mit der Nachsicht, die Einzelkämpfer ernten. Hug, der journalistische Querulant. Unzimperlich zwar und umstritten, aber auch gewieft und unbeirrbar. Der «Behörden-Schreck» titelte der «Tages-Anzeiger». Die NZZ bezeichnete ihn als «Aufmischer».

Doch das ist Bruno Hug, Verleger und Chefredaktor der «Obersee Nachrichten», nicht: Hug ist ein Aufwiegler. Bestes Beispiel dafür ist die Kampagne gegen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb), die der Geschäftsmann mit seinem Gratisblatt seit zwei Jahren betreibt. Hug ist nicht an Aufklärung interessiert, sondern daran, die Flamme der Empörung konstant am Lodern zu halten. Fast jede Woche füttert er seine LeserInnen mit einer vermeintlichen Schandtat der Schutzbehörde. Und erntet dafür, was er sät: Wut in Form von LeserInnenbriefen – in der die Angestachelten den regionalen Kesb-Leiter mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vergleichen oder seine Behörde mit der Pro Juventute zu Zeiten der Verdingkinder.

Hugs Methode ist immer dieselbe: Er lässt die Betroffenen empört erzählen und drückt dabei auf die Tränendrüse. Was seiner Geschichte abträglich wäre, wird ausgeblendet, die Wahrheit zurechtgebogen – notfalls greift er ein. Hug bestreitet nicht, dass er in einem Fall von Messietum die Wohnung aufräumen liess, bevor er die Frau am sauberen Tisch fotografierte. Skrupel scheint Hug nicht zu kennen, Persönlichkeitsschutz interessiert ihn kaum. Im Fall des fremdplatzierten «Samuel» etwa machte er den Aufenthaltsort des Jungen publik. Um ein Interview zu bekommen, lauerte er dem zehnjährigen Jungen zudem auf dem Schulweg auf. In einem anderen Fall verschaffte sich der Verleger unter falschen Angaben Zugang zur Klinik Pfäfers – um zu beweisen, dass eine Patientin dort gefangen gehalten werde. Auch das Prinzip der journalistischen Unabhängigkeit steht für Hug nicht gerade im Vordergrund: «Wir haben schon mehrere Betroffene unterstützt», sagt er, «insbesondere durch anwaltschaftliche Begleitung.» Zoë Jenny zum Beispiel, Schriftstellerin und bekannteste Kesb-Gegnerin der Schweiz, erhielt von Hug mehrere Tausend Franken «für den Aufbau ihrer Internetseite».

Eineinhalb Jahre lang haben die Kesb und die Stadt Rapperswil-Jona abgewartet. «Ich dachte anfangs, die Kampagne würde irgendwann schon wieder abebben», sagt Walter Grob, Präsident der Kesb Linth. Nun ist die Zivilklage, die er und die Stadt gegen Hug und seinen journalistischen Mitstreiter Mario Aldrovandi im Februar eingereicht haben, rund 300 Seiten lang. Medienanwalt Adrian Bachmann, der die Kläger vertritt, sagt: «Einen Fall dieses Ausmasses habe ich noch nie betreut.» Die Boulevardpresse lasse gemeinhin nach zwei, drei Wochen von einer Story ab, «weil den Lesern wieder etwas Neues geboten werden soll. Hug aber definiert sein Blatt über die Kesb-Gegnerschaft.» Das mag daran liegen, dass der Verleger – dessen Zeitung gratis in mehr als 60 000 Haushalte flattert – mit dem Kesb-Bashing vor zwei Jahren plötzlich national Aufsehen erregte: Seine Geschichte über den «Schiffsjungen» Marco, den Hug wegen seines Aufenthalts auf einem Therapieschiff zum «Carlos vom Obersee» stilisierte, nahm der Boulevard dankbar auf.

Fall mit einzigartigem Ausmass

Beanstandet werden mit der Klage über 300 Persönlichkeitsverletzungen aus 75 Artikeln und unzähligen LeserInnenbriefen. Man sei chirurgisch vorgegangen, sagt Bachmann. «Wir verlangen nicht die Löschung ganzer Artikel, sondern nur der Stellen, in denen der Kesb vorgeworfen wird, grundlos und eigennützig in das Leben vollkommen unbescholtener und mündiger Menschen einzugreifen.» Und das gilt bei Hug für alle skandalisierten Kesb-Fälle. Die Ausgangslage ist perfide: auf der einen Seite ein Lokalblatt, das sich, zumindest was die Kesb betrifft, an keinerlei ethische Grundsätze hält. Auf der anderen Seite eine Behörde, die an das Amtsgeheimnis gebunden ist und seine KlientInnen nicht exponieren darf. Die Motive der Kesb bleiben damit im Dunkeln und Bruno Hugs Geschichten einseitig – auch bei den Kesb-Interventionen, die durch ein Urteil gestützt sind. Hug setzt lieber auf Emotionen als auf abstrakte Fakten.

Etwa im Fall des Rentners P. Etwas knorrig sei dieser, schreibt Hug, und einsam, doch in Vollbesitz seiner geistigen Kräfte; noch immer betreue er schliesslich als Treuhänder einen kleinen Kundenstamm. Aus dem Nichts sei der arme Rentner nach einem Spitalaufenthalt in die psychiatrische Klinik eingeliefert worden, die Kesb habe ihm zudem die KundInnen weggenommen. Ganz anders die Darstellung von Walter Grob, Präsident der Kesb Linth, der in diesem Fall wegen öffentlichen Interesses vom Amtsgeheimnis entbunden wurde: Die Kesb habe bereits seit 2013 mit dem Rentner in Kontakt gestanden, dies, nachdem unter anderem von der Gemeinde mehrfach Gefährdungsmeldungen eingegangen seien. P. war als verwahrlost aufgefallen. Zudem hatten sich verschiedentlich Klienten bei der Gemeinde gemeldet, weil ihre Aufträge unbearbeitet blieben.

Die Kesb griff konservativ ein: Putzhilfe, beratender Treuhänder, Spitex. Erst nach der Einweisung in die Psychiatrie – die nicht von der Kesb, sondern von den behandelnden Ärzten ausging – stellte ihm die Behörde einen Beistand zur Seite. Vom Chefarzt der psychiatrischen Klinik erhielt Hug per Mail den Befund. Die wesentlichen Passagen daraus unterschlug er dann in der Zeitung, insbesondere die Feststellung, P.s Zustand weise nicht nur auf eine Demenz hin, er sei auch «teilweise psychotisch» und neige zu Aggressionen.

Geschätzt und gefürchtet

Bleibt die Frage: Wie kann einer wie Bruno Hug zu so viel Einfluss kommen? Man hat Respekt vor dem ungemütlichen Selfmademillionär, der 1981 mit der Gründung der «Obersee Nachrichten» («ON») einen guten Riecher hatte und mit dem Verkauf der Zeitung an die Somedia-Verlagsgruppe noch einmal Geld machte. Hug war 24 Jahre lang Präsident der Lakers, des Rapperswiler Eishockeyklubs, unter ihm schafften sie den Aufstieg in die oberste Liga. Auch an der Fusion der Gemeinden Rapperswil und Jona war Hug massgeblich beteiligt.

Eine starke Opposition zu Hug gibt es in der Region nicht. Hug wird geschätzt und gefürchtet. Auch die Konkurrenzmedien berichten zurückhaltend, und selbst die politische Linke distanziert sich nicht: Aktuell mischt Hug entscheidend im Wahlkampf um das Stadtpräsidium mit. Das linke Bündnis «UGS und Grüne Linth» unterstützte Hugs Kandidatur im ersten Wahlgang – hauptsächlich deshalb, weil er sich in den «Obersee Nachrichten» für den Uferschutz einsetzte. Hug sei der einzige Kandidat mit einem wirklichen Leistungsausweis gewesen, rechtfertigt sich Silvia Kündig-Schlumpf, Kopräsidentin des Bündnisses. «Vielleicht haben wir seine einseitige Berichterstattung in den ‹ON› aber zu wenig gewichtet.»

Hug machte im ersten Wahlgang die meisten Stimmen – und zog sich dann zurück. Sein Ziel, den bisherigen CVP-Stadtpräsidenten Erich Zoller vom Thron zu stossen, ist erreicht.

Hug hofft auf noch mehr Einfluss

Auch im Wahlkampf war die Kesb Hugs Hauptwaffe: Zoller wurde in Hugs Artikeln als Schützer der unfähigen Behörde dargestellt. Dass es mit der Kesb grosse Probleme gibt, ist in Rapperswil zur Prämisse geworden: Die Frage, was gegen die «Fehlleistungen» unternommen werden müsse, wird an Wahlpodien diskutiert, die KandidatInnen profilieren sich mit Lösungsansätzen. Erreicht hat dies Hug mit der schieren Menge an Anti-Kesb-Artikeln: Bei seinen LeserInnen hat er damit das diffuse Gefühl ausgelöst, dass bei so viel Rauch auch Feuer sein müsse. Hug selbst sieht das freilich anders. Er zieht zum Vergleich Günter Wallraff heran: «Dessen verdeckte Recherchen bei Grosskonzernen wie Burger King werden in linken Medien gefeiert, mich hingegen will dieselbe Presse an den Pranger stellen, weil ich mit ähnlich verdeckter Recherche den Staat kritisiere.» Die Klage gegen die «Obersee Nachrichten» sei haltlos, sagt Hug. Sein Blatt arbeite nach den gleichen Kriterien wie etwa die NZZ oder die WOZ.

Obwohl er im zweiten Wahlgang vom 6. November nicht mehr antritt, hofft Hug auf mehr Einfluss in Rapperswil-Jona: Er unterstützt offen den von ihm eingesetzten FDP-Kandidaten Martin Stöckling. Was er mit dem gewonnenen Einfluss tun würde, machte Hug an Wahlpodien unter wohlwollendem Gelächter klar: darauf hinarbeiten, dass die Klage gegen sein Blatt zurückgezogen werde. In seinem an die Somedia verkauften Blatt hat Hug weiterhin freie Hand. Man habe nicht vor, sich beim Gratisblatt einzumischen, sagt Andrea Masüger, CEO der Somedia-Verlagsgruppe. Hug möge zwar mit unorthodoxen Methoden arbeiten, «doch bei Gratisblättern wird halt alles etwas emotionaler angegangen».

Nachtrag vom 10. November 2016

Die Zweiseenwanderung

Auch im zweiten Wahlgang hat ers nicht geschafft, das Blatt noch zu wenden. Am 6. November wurde Erich Zoller, bisheriger CVP-Stadtpräsident von Rapperswil-Jona, definitiv abgewählt. Dieser Abwahl vorausgegangen war eine Schlammschlacht. Bruno Hug, Verleger und Chefredaktor der «Obersee Nachrichten», hatte Zoller in seiner Zeitung systematisch angegriffen, als Teil seines Feldzugs gegen die Kesb. Im ersten Wahlgang trat Hug gleich selbst gegen ihn an. Im zweiten Wahlgang setzte sich dann Hugs Wunschkandidat, der FDP-Mann Martin Stöckling, durch.

Schon ein paar Stunden nach seiner Abwahl stand Zoller im nächsten Wahlkampf. Diesmal ist er selbst der Sprengkandidat. Es geht um das Präsidium der Walenseegemeinde Quarten mit knapp 3000 EinwohnerInnen. Er trete dort «aus dem Bauch heraus» an, sagte der Berufspolitiker dem «Sarganserländer».

Auch in Quarten steht ein zweiter Wahlgang an, nachdem der amtierende parteilose Gemeindepräsident Roman Zogg im ersten Wahlgang nicht bestätigt worden war. Obwohl ihm nur 17 Stimmen zum absoluten Mehr von 568 gefehlt hatten, gab er – etwas überraschend – bekannt, dass er zum zweiten Wahlgang am 27. November nicht mehr antreten wolle. Und plötzlich waren gleich mehrere KandidatInnen im Rennen, emsig wurden Flugblätter verteilt und Komitees gegründet. Zur Wahl stehen der Herisauer (!) Rechtsdozent Hermann Reiff von der SVP, der bereits im ersten Wahlgang gegen Zogg angetreten war, und als zweiter SVP-Exponent der amtierende Gemeinderat Othmar Peter, dazu kommt das unbeschriebene Blatt Claudia Landolt, die aber keinen Wahlkampf betreiben will. Zu diesen dreien stiess kürzlich – etwas überraschend – doch wieder der bisherige Gemeindepräsident Roman Zogg, parteilos, aber der SVP nahestehend. Er will aber ebenfalls keinen Wahlkampf mehr machen. Ergänzt wird das seltsame Quartett nun durch den in Rapperswil frisch abgewählten Erich Zoller. Bleibt zu hoffen, dass der Geschlagene dem überbevölkerten und auffällig SVP-lastigen Quartner Wahlkampf auf den letzten Metern den entscheidenden Impuls gibt.

Daniela Janser

Nachtrag vom 24. August 2017

Kesb klagt erneut gegen «Obersee Nachrichten»

Der Rechtsstreit zwischen der Kinder- und Erwachsenschutzbehörde (Kesb) Linth und den «Obersee Nachrichten» («ON») geht in die nächste Runde: Walter Grob, Präsident der Kesb Linth, hat eine Ergänzungsklage gegen das Gratisblatt eingereicht. Darin geht es gemäss Grob um jene Persönlichkeitsverletzungen, die von den «ON» seit der Einreichung der Hauptklage in ihrer Printausgabe oder auf ihren Facebook-Seiten erfolgt sind. Die ersten dieser neu beanstandeten Persönlichkeitsverletzungen wären in Kürze verjährt. «ON»-Verleger Bruno Hug und sein Mitstreiter Mario Aldrovandi pflegen eine reisserische Anti-Kesb-Berichterstattung. Die Kesb Linth spricht von einer systematischen Kampagne – und reagierte im Februar 2016 mit einer Klage, die mehr als 300 Seiten umfasst. Die Verhandlung hat Hug bislang mit Anwaltswechseln und zahlreichen formellen Anträgen hinausgezögert.

Die Kampagne sei nach der Klageeinreichung nicht abgerissen, sagt Grob. «Hug bewirtschaftet immer noch die gleichen manipulierten Geschichten und instrumentalisiert die Betroffenen für seine Zwecke.» Seinen Alleingang bei der zweiten Klage begründet Grob damit, dass er Kosten sparen wolle, das Vorgehen sei mit der Stadt abgesprochen. Hug hingegen wertet die Zurückhaltung der Stadt als ein Zeichen dafür, dass sich der neue Rapperswiler Stadtrat nicht mehr für Grob verantwortlich fühle. Hug will nichts von einer Verfehlung wissen und erklärt die Klage für äusserst fragwürdig.

Sarah Schmalz

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