Nr. 40/2017 vom 05.10.2017

Frickers Totalausfall ist nicht einfach dem Zufall geschuldet

Nationalrat Jonas Fricker hat Holocaustopfer mit Schweinen verglichen. Er mag unbedarft gehandelt haben. Doch genau das ist das Problem.

Von Sarah Schmalz

Mensch gleich Tier, Tier gleich Mensch: Eine simple, aber gefährliche Gleichung, hier bei einer Aktion von Peta in Basel, 2008. Foto: Georgios Kefalas, Keystone

Er tat es bestürzend beschwingt: Als Jonas Fricker, grüner Nationalrat aus dem Kanton Aargau, vergangene Woche ans Rednerpult des Nationalrats trat und Schweinetransporte mit den Judendeportationen in die Konzentrationslager verglich, war ihm anzusehen, dass er die Tragweite seiner Aussagen nicht erfasste. Selbst dann nicht, als er sich kurz darauf lächelnd beim Parlament entschuldigte. «Verzeihen Sie meinen unangemessenen Vergleich», sagte Fricker. «Danke, dass Sie meine Entschuldigung annehmen, sie kommt von Herzen.»

Letzten Samstag ist Fricker zurückgetreten. So schnell kann das gehen. Mit zwei Sätzen ins Verderben. Man darf nun natürlich die Frage stellen, ob das verhältnismässig war: Immerhin hat sich Fricker inzwischen konsequent von seinen Äusserungen distanziert, während Leute wie der wegen Rassendiskriminierung verurteilte SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor unbehelligt im Parlament sitzen. Doch diese Debatte darf nicht vergessen machen, wofür Frickers Äusserungen stehen. Der Aargauer mag naiv sein. Dass er sich ausgerechnet beim Tierschutzthema dermassen vergriff, ist allerdings kein Zufall: Der Holocaustvergleich wird im radikalen Tierschutz systematisch eingesetzt. Das hat in vielen Köpfen moralische Schranken abgebaut. Bewusst antisemitisch sind Leute wie Fricker sicher nicht – aber beeinflusst von einer gefährlichen Bagatellisierung des Holocaust.

Tierschutz mit brauner Geschichte

Nicht alle Tierschutzorganisationen zielen mit dem Holocaustvergleich «bloss» auf eine möglichst grosse Schockwirkung ab, die ihren Anliegen Aufmerksamkeit bringen soll. Nicht selten wächst Tierschutz auf braunem Boden. Antisemitisch motivierte Kampagnen haben auch in der Schweiz Tradition. Man denke etwa an das Schächtverbot, das Ende des 19. Jahrhunderts nur vordergründig zum Schutz der Tiere eingeführt wurde – und sich in Wirklichkeit gegen die Einwanderung von JüdInnen aus Osteuropa richtete. An vorderster Front gegen das Schächten kämpft heute Erwin Kessler, Präsident des Vereins gegen Tierfabriken. Auch Kessler bedient sich regelmässig des Holocaustvergleichs. In den siebziger Jahren war der radikale Tierschützer Mitglied der «Nationalen Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat», Kessler solidarisierte sich zudem wiederholt mit Holocaustleugnern. «Viele radikale Tierschützer sind nicht nur davon angetrieben, das Tier besserzustellen», sagt Jo Lang, ehemaliger Nationalrat und Historiker. «Es geht ihnen auch darum, Menschen – oder eben eine bestimmte Menschengruppe – durch die Gleichsetzung mit Tieren zu erniedrigen.»

International sorgt die Tierrechtsorganisation Peta immer wieder mit Holocaustvergleichen für Aufsehen. Eine Plakataktion, die ausgemergelte KZ-Insassen neben Massentierhaltung zeigte, wurde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verboten. Die Plakate radierten die Unterschiede zwischen Menschen und Tieren aus, sie simplifizierten die industrielle Ermordung von sechs Millionen JüdInnen, den barbarischen Akt ihrer Entmenschlichung durch die Nazis, und konstruierten eine simple Gleichung: Wenn Menschen wie Tiere gehalten werden, ist das schrecklich. Umgekehrt gelesen, von der Legebatterie zum Barackenbild, erhalten die Käfighaltung, Ausbeutung und Schlachtung von Tieren denselben Stellenwert wie der Holocaust an den Juden. Eine perverse Verkehrung.

Das kollektive Verdrängen

Jonas Fricker ging mit seinen Aussagen noch einen Schritt weiter: Die Juden hätten immerhin eine kleine Überlebenschance gehabt, sagte er. Die Schweine hingegen würden in den sicheren Tod fahren. Das zeugt von einem erschreckenden Unwillen, sich mit den Gräueln der Schoah auseinanderzusetzen. Jo Lang spricht von einer «Abwehr gegen die Ungeheuerlichkeit des Holocausts und des Leidens der Juden». Von einem kollektiven Verdrängen. Genau darin sieht die Historikerin und Antisemitismusforscherin Christina Späti das grösste Problem. Die Juden müssten immer wieder neu um die Anerkennung des an ihnen begangenen Verbrechens kämpfen, sagt sie. «Sie werden als zu mächtig wahrgenommen, um als Opfer zu gelten – im Gegensatz etwa zu Armutsbetroffenen in Afrika.» Seit dem Zweiten Weltkrieg sei aber genau der Umgang mit der Schoah der Richtwert, an dem sich Antisemitismus messen lasse. «Wenn jemand wie Fricker einen solchen Vergleich zieht, zeugt das einerseits von der Omnipräsenz der Schoah als Sinnbild für Leid – und andererseits von einer unbewussten ‹Jetzt ist aber mal gut›-Haltung. Von der Auffassung, dass der Holocaust nicht länger als Heiliger Gral gelten sollte.» Wer so denkt, ist nicht weit davon entfernt, auch jene Verschwörungstheorien zuzulassen, die seit jeher zu Verfolgung und Diskriminierung der JüdInnen geführt haben: etwa die der jüdischen Bankenherrschaft, «weil man das doch wohl noch sagen darf».

Jonas Fricker hat Jahrgang 1977. Er ist Teil einer Generation, die Gefahr läuft zu vergessen. Seine Ahnungslosigkeit zeugt davon.

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