Nr. 41/2017 vom 12.10.2017

Alles Volk oder was? Fallstricke eines linken Nationalismus

Der katalanische Nationalismus steht nicht rechts, sondern in der Tradition des Antiimperialismus. Doch wirklich fortschrittlich ist er nicht.

Von Yves Wegelin

Vom rechten Flügel der Unabhängigkeitskoalition: Regierungschef Carles Puigdemont am Dienstag im Regionalparlament. Foto: Manu Fernandez, Keystone

Seit der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont Anfang des Monats die Bevölkerung aufgerufen hat, über die Unabhängigkeit Kataloniens zu entscheiden, liegt die Frage in der Luft: Wie progressiv kann Nationalismus sein? Hinter Puigdemont steht das Wahlbündnis Junts pel Sí, das zusammen mit der Candidatura d’Unitat Popular (CUP) über die absolute Mehrheit in Kataloniens Parlament verfügt. Das Resultat des Referendums: 92 Prozent sagten ja. Allerdings stimmten 58 Prozent der BürgerInnen nicht ab.

Grundsätzlich ist der Nationalismus, der Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, später in zwei Weltkriege führte und derzeit wieder aufflammt, eine rechte, reaktionäre Bewegung. Er ist die Antwort auf die aufklärerische Idee, die hundert Jahre zuvor in den Revolutionen der USA und Frankreichs aufgekeimt war: die Idee einer Nation als willentlicher Bund gleichberechtigter Staatsbürger (später auch Staatsbürgerinnen) – egal welcher Herkunft. Der Nationalismus sieht die Nation dagegen als ethnisch begründetes Volk, das im Kampf mit anderen steht. Einem Kampf um Identität und Reichtum. Erstens grenzt der Nationalismus damit all jene aus, die aufgrund ihrer Sprache, Hautfarbe oder Religion angeblich nicht dazugehören. Zweitens erstickt er den Kampf um Freiheit und soziale Gleichheit.

Unter nationaler Flagge

Das ist allerdings nur die halbe Geschichte: Der Nationalismus hat einen Gegennationalismus hervorgebracht. Zuallererst im Globalen Süden, der sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg unter nationaler Flagge von den westlichen Imperialmächten zu befreien suchte. Der antiimperiale Nationalismus verknüpfte die Befreiung einer ethnisch begründeten Nation mit einer sozialistischen Politik.

Der katalanische Nationalismus steht teilweise in dieser Tradition: Zwar entstand auch er Ende des 19. Jahrhunderts als vorwiegend rechte Bewegung. Unter den spanischen Diktaturen von Miguel Primo de Rivera (1923–1930) und Francisco Franco (1936–1975) verschmolz diese allerdings mit der erstarkten katalanisch-nationalistischen Linken zu einer Volksfront. Diese Front besteht im bürgerlich-linken Bündnis Junts pel Sí fort. Auch heute verstehen sich vor allem der linke Bündnisflügel und die CUP als progressive Bastion gegen den spanischen Nationalismus, in dem die Diktatur teilweise weiterlebt. Die CUP bezeichnet sich als feministisch und antirassistisch und fordert das Stimmrecht für MigrantInnen.

Wie der antiimperiale Nationalismus stehen zudem auch die linken katalanischen Unabhängigkeitsparteien in wirtschaftlichen Fragen weit links. Die CUP fordert eine «geplante Wirtschaft» mit dem Ziel, die «Bedürfnisse des Volkes» zu befriedigen. Dazu gehört die Verstaatlichung wichtiger Dienstleistungsbetriebe.

Gleichzeitig bleiben sowohl der dominierende rechte Flügel von Junts pel Sí, dem Regierungschef Puigdemont angehört, als auch die linken Unabhängigkeitsparteien in einen rechten Nationalismus verstrickt, der die Nation als ethnisch definiertes Volk sieht. Die CUP ruft zur Verteidigung des «katalanischen Volkes» und seiner «Kultur» auf – insbesondere seiner Sprache. Die Nation erstreckt sich dabei über Katalonien hinaus, etwa auf Teile Frankreichs, deren Bevölkerung zum angeblichen Volk gehört. Der Antiimperialist Frantz Fanon hatte bereits 1961 vor dem Nationalismus gewarnt: Sei der Kampf gegen die übergeordnete Macht einmal gewonnen, entlade sich der Nationalismus der Mehrheit leicht gegen neue Minderheiten.

Auch ein Kampf um Reichtum

Für den dominierenden rechten Flügel des Bündnisses Junts pel Sí ist der Kampf um Unabhängigkeit schliesslich auch ein Kampf um den eigenen Reichtum. Katalonien ist überdurchschnittlich wohlhabend, es erwirtschaftet zwanzig Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts. Und auch wenn das nicht für die CUP gilt: Faktisch ist ihr Kampf für die Abspaltung trotzdem ein Kampf um Kataloniens Reichtum, von dem das übrige ärmere Spanien nichts mehr erhalten würde. Ihre soziale Forderung beschränkt sich darauf, den Reichtum innerhalb Kataloniens besser zu verteilen.

Im Grunde ist die Kernforderung der katalanischen NationalistInnen mehr als legitim: die Forderung nach mehr lokaler Mitsprache. Diese stellt man jedoch besser im Namen der Demokratie statt im Namen eines angeblichen Volks.

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