Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

Afrikas Horn liegt jetzt im Nahen Osten

Von Raphael AlbisserMail an AutorIn

Noch immer steigen die Opferzahlen, und noch immer sind die Hintergründe verschwommen. Aber klar ist, dass der Bombenanschlag am Samstag in Mogadischu eine der weltweit schlimmsten Terrorattacken der jüngeren Geschichte war. Mindestens 320 Menschen starben, als ein sprengstoffbeladener Lastwagen auf einer Kreuzung in der Innenstadt explodierte und ein Hotel zum Einsturz brachte. Mindestens 300 weitere Personen wurden verletzt. Noch immer werden Leichen geborgen, und noch immer werden Leute vermisst.

Mit tödlicher Wucht platziert die mutmasslich verantwortliche Terrororganisation al-Schabab das Land damit wieder auf der globalen Krisenlandkarte. Dabei droht vergessen zu gehen, dass sich der Konflikt in Somalia nicht in einem isolierten Rahmen abspielt. Denn nicht nur international vernetzte Terroristen versuchen, im fragilen Nachbürgerkriegsland ihre Einflusssphäre zu erweitern, sondern auch zahlreiche Staaten. Etwa die Türkei, die sich mit Infrastrukturprojekten und wachsender Militärpräsenz als Partner Somalias positioniert. Oder auch Saudi-Arabien, das sich eine Allianz mit der somalischen Regierung zig Millionen an Unterstützungsgeldern kosten lässt.

Als geostrategisch bedeutsames Land wird Somalia damit in die nahöstlichen Konfliktlinien eingebunden. Deutlich zeigte sich das im Sommer, als Präsident Mohamed Abdullahi Mohamed den multinationalen Boykott gegen Katar nicht mittragen wollte. Seither steht er vor einer föderalistischen Krise, weil sich autonome Landesteile auf die Seite Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate schlugen. Das zeigt, wie schwach die somalische Bundesregierung ist, wenn sie mit internationalen Interessen konfrontiert ist.

In der ersten Jahreshälfte hat auch die US-Regierung Teile Somalias wieder zur Kampfzone erklärt. Die US-Armee erhielt dadurch noch mehr Freiheiten, um in Somalia eigenständig zu agieren. So nahm die Zahl der Drohnenangriffe gegen islamistische Milizen weiter zu. Erstmals seit über zwanzig Jahren sind wieder US-Bodentruppen in Somalia stationiert. Deswegen wird auch darüber spekuliert, ob der Bombenanschlag vom Samstag ein Racheakt für einen Militäreinsatz im August gewesen sein könnte, bei dem zehn somalische ZivilistInnen getötet worden waren. Auch US-Truppen waren am Einsatz beteiligt gewesen.

Der schwelende Konflikt in Somalia spielt sich nicht im luftleeren Raum ab. Vielmehr drohen sich am Horn von Afrika künftig noch mehr internationale Spannungen zu entladen.

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