Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Die Angst vor dem drohenden Afrikanistan

Religiöse Fanatiker terrorisieren die afrikanische Bevölkerung und bedrohen ihre Kultur. Militärische Reaktionen helfen nicht.

Von Ruedi Küng

Afrikas Sicherheit ist gefährdet. Das sagt General Carter Ham, Chef des Regionalkommandos der US-Streitkräfte für Afrika. Vom westafrikanischen Mauretanien bis Somalia am Horn von Afrika terrorisieren fanatische Radikale mit Waffen und Sprengstoff die Bevölkerung und versuchen, die Regierungen zu destabilisieren.

Am längsten aktiv und aus US-Sicht am gefährlichsten ist die Gruppierung al-Kaida im islamischen Maghreb (Aqmi). Sie hat sich insbesondere durch Entführungen von TouristInnen in Nordafrika und mit Anschlägen gegen algerische Regierungsmitglieder hervorgetan. Ihr Aktionsgebiet erstreckt sich von Mauretanien und Marokko bis in den Tschad.

Seit Anfang Jahr tritt in Südalgerien und im Norden Malis auch die Bewegung der Einzigartigkeit und des Dschihad in Westafrika (Mujao) in Erscheinung. Mit Geiselnahmen füllen ihre Kämpfer die Kassen der Bewegung. Zusammen mit anderen Extremisten haben sie die Militanten der separatistischen Tuaregorganisation MNLA vertrieben und kontrollieren nun den Norden Malis. In der Stadt Gao halten sie sieben algerische Diplomaten als Geiseln gefangen. Der lokalen Bevölkerung zwingen sie ihre radikale Version des Islam auf. In Timbuktu haben sie sich daran gemacht, die sechzehn Grabstätten von Religionsführern aus dem 15. und 16. Jahrhundert zu zerstören – unersetzliche Kulturgüter.

In Nord- und Zentralnigeria verüben die Anhänger der Gruppierung Boko Haram («westliche Bildung ist Sünde») Bombenattentate und bewaffnete Angriffe gegen Regierungsmitglieder, Armeeangehörige, moderate Muslime und ChristInnen (siehe WOZ Nr. 2/12).

In Somalia halten die Milizen der Bewegung der kämpferischen Jugend (al-Schabab) trotz Rückschlägen noch immer beträchtliche Teile des zerfallenen Staats unter ihrer Kontrolle und herrschen mit eiserner Faust über die Bevölkerung. Seit kenianische Soldaten gemeinsam mit Truppen der Afrikanischen Union gegen sie kämpfen (siehe WOZ Nr. 19/12), entführen ihre Anhänger in Kenia TouristInnen und HilfswerkmitarbeiterInnen und verüben dort wie auch in Mogadischu Bombenattentate. Bei Anschlägen auf zwei Kirchen in der kenianischen Stadt Garissa am vergangenen Wochenende sind fünfzehn GottesdienstbesucherInnen getötet und vierzig zum Teil schwer verletzt worden.

Was nach Einschätzung von US-General Carter Ham die Gefährlichkeit dieser Gruppen erhöht, sind ihre Verflechtungen. Es gebe Hinweise darauf, dass sich Aqmi, Boko Haram und al-Schabab gegenseitig mit Geld und Sprengstoff aushelfen und gemeinsam Kämpfer ausbilden. Jede der drei Organisationen sei schon für sich allein gefährlich und eine Bedrohung, sagte Ham. Die Koordination und Abstimmung ihrer Aktionen aber vervielfache die Probleme für die USA und Afrika.

Wie ernst ist die Bedrohung tatsächlich? Für die USA ist die Situation nicht so dramatisch, dass sie mit eigenen Truppen eingreifen werden. Militäreinsätze in Afrika sind für das Pentagon seit dem Fiasko von Mogadischu 1993 tabu. Damals wurden die GIs von den somalischen Warlordmilizen gedemütigt. Aber die Bedrohung ist für die US-Militärs dennoch ernst genug, um Truppen der Sahelstaaten für den Antiterrorkampf auszubilden und auszurüsten – und ein Überwachungssystem von West- bis Ostafrika aufrechtzuerhalten. Mit Schweizer Pilatus-Flugzeugen und Reaper-Drohnen, die mit modernster Überwachungstechnologie voll gepackt sind und von Basen in Mauretanien, Burkina Faso, Uganda, Südsudan, Kenia, Äthiopien, Dschibuti und den Seychellen aus operieren, überwachen US-Militärs die extremistischen Gruppierungen. Überdies setzen die USA von der Militärbasis Camp Lemonnier in Dschibuti aus, wo sie auch Truppen stationiert haben, Kampfdrohnen für Einsätze in Somalia und Jemen ein.

Für die afrikanische Bevölkerung ist die Bedrohung dadurch allerdings nicht vermindert worden. Sie sieht sich immer stärker der Intoleranz von fanatischen Gotteskriegern ausgesetzt, die für den kulturellen und spirituellen Reichtum der verschiedenen Volksgruppen Afrikas kein Verständnis haben. Selbstbewusste, starke Frauen in ihren farbenfrohen Kleidern, wie sie Westafrika und auch Somalia prägen, sind den dogmatischen Eiferern ebenso ein Gräuel wie Musik und Poesie. So haben Somalias al-Schabab den Frauen die schwarze Burka verordnet und den Radiostationen Musiksendungen untersagt.

Was die Fanatiker in ihrem Zerstörungswahn in Timbuktu, der Stadt der 333 Heiligen, anrichten, ist deshalb ein Fanal. Mit der Schleifung der kunstvollen Lehmbauten, in denen die religiösen Führer aus der Glanzzeit der Stadt verehrt wurden, zerstören sie die Eigenheit und Identität des westafrikanischen Islam, der sich durch Assimilierung an die Geschichte und Tradition der autochthonen Kulturen auszeichnet.

Den Fanatikern mag es darum gehen, die Identität der Menschen zu untergraben. Sie scheinen auf Eroberung und Unterwerfung aus zu sein. Für Afrika bedeutet es – wie die tunesische Autorin Fawzia Zouari schreibt – den Vormarsch «der Ästhetik der Hässlichkeit und der Kultur des Todes». Afrika droht dadurch die Seele und das Gedächtnis zu verlieren.

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