Nr. 42/2017 vom 19.10.2017

Oben und unten

Stefan Gärtner über die Logik des Wasserzinses

Von Stefan Gärtner

Von Gottfried, dem norddeutschen Aussteiger, ist an dieser Stelle ja schon die Rede gewesen, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute auf seinem Hof und verbraucht so wenig Wasser wie irgend möglich, etwa indem er wollene Unterhosen trägt, denn Wolle kann gelüftet und muss nicht gewaschen werden. Das setzt allerdings voraus, dass nicht zu viel Harn in die Hose geht, weshalb Gottfried immer ein Tuch bei sich trägt, das er Interessierten (auf Youtube) gern herzeigt.

Dass mit Wasser Geld verdient wird, würde Gottfried sicher nicht gefallen, und immerhin ist es in Deutschland so, dass es eine kommunale Wasserwirtschaft gibt, deren Gewinne da bleiben, wo sie hingehören, in den Kommunen eben. Wird Wasser zur Verstromung eingesetzt, bleiben die Gewinne freilich eher bei den Stromkonzernen, aber da der Anteil der Wasserkraft in Deutschland bei unter fünf Prozent liegt, muss darüber niemand kommunistisch werden, der es nicht sowieso vorhatte.

In der Schweiz nun stammen über fünfzig Prozent des Stroms aus Wasserkraft, und plötzlich ist Wasser gleich zweimal Ressource. Der sog. Wasserzins, den die Energiekonzerne den Eignern öffentlicher Gewässer zahlen müssen, wird da sofort zum Politikum, und wie immer im Leben ist es Ansichtssache, ob nun die Stromwirtschaft spinnt, die jetzt statt maximal 110 lieber 80 Franken pro Kilowatt Bruttoleistung an die Kantone entrichten will, oder ob hier eine «Alpen-Opec» die Preise diktiert. Den Vorstoss der Schweizer Stromwirtschaft lehnen praktisch alle ab, «von links bis rechts» («Luzerner Zeitung»), und die Bergkantone natürlich sowieso, denen die Wasserzinsen weit über eine halbe Milliarde Franken in die Haushalte «spülen» (ebd.), was diese restlos abgeschmackte Metapher rehabilitieren mag.

Wer «Alpen-Opec» googelt, stösst indes auf einen älteren Artikel aus der deutschen «Zeit», und zwar unter dem Titel «Die Wasserlobby», und plötzlich haben wir es mit dem «Kartell der Wasserkantone» zu tun: «Sie sind keine Scheichs, sitzen nicht auf Quellen schwarzen Goldes, aber auf etwas, das auch sehr kostbar ist und immer sprudelt: auf Gletscher- und Quellwasser, das immerfort in die Tiefe stürzt. Dieses weisse Gold ist eine der wenigen Geldquellen der Berggebiete. Die Regierungskonferenz der Gebirgskantone, bekannt und berüchtigt unter dem Namen ‹Alpen-Opec›, verteidigt diese Pfründe. (…) Obwohl in der Minderheit, gelingt es ihnen immer wieder, ihre Interessen in der Schweizer Politik durchzusetzen. Ihr jüngster Coup: die Erhöhung der Wasserzinsen (…) – ausgerechnet in einer Zeit, in der steigende Strompreise landauf, landab für hitzige Köpfe sorgen.»

Wahrscheinlich muss man Qualitätsjournalistin sein, um Wasser für «weisses Gold» zu halten, aber die Rede von Pfründen, Minderheit, Coup ist ein Indiz dafür, dass die gute alte «Zeit» schon 2009 nicht mehr die linksliberale Instanz war, als die sie sich so gern inszenierte. Zwar gehören die Stromkonzerne in der Schweiz fast alle den Kantonen, allerdings eher denen im Flachland, und so haben wir hier wie überall die arme Peripherie, die nur ihre Rohstoffe hat, und die reichen Metropolen, die mit den Rohstoffen verdienen bzw. sich «mit der Wasserkraft dumm und dämlich» verdienen, wie selbst die wasserlobbykritische «Zeit» einen Gewährsmann zitieren musste. Freuen wir uns für die Bergler, dass es für loses Wasser keinen Weltmarkt gibt.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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