Nr. 16/2010 vom 22.04.2010

Die Jagd nach dem letzten wilden Bach

Die Schweiz will umweltfreundlichen Strom fördern. Subventionen in der Höhe von 340 Millionen Franken stehen bereit. Doch weshalb werden mit dem Geld nun zahlreiche Wasserkraftprojekte gefördert, die vor allem Schaden anrichten?

Von Susan Boos

An diesem Morgen ist er zahm, weil der Schnee noch hart an den Hängen liegt. Aber am Nachmittag wird der Rychenbach im Berner Oberland laut. Mit ungestümer Kraft rast dann das Schmelzwasser ins Tal.

Dank Sherlock Holmes wurde der Rychenbachfall weltberühmt. Schriftsteller Arthur Conan Doyle liess seinen Romanhelden Holmes während eines heftigen Kampfes hier zu Tode stürzen.

Das Rychenbachtal ist bekannt für seinen Tourismus, der hier vor fast 300 Jahren begonnen hat. Der Wasserfall ist bis heute eine grosse Attraktion. Kurz vor Meiringen stürzt der Rychenbach über mehrere Stufen stiebend ins Haslital. Ein Spektakel, das heute nur noch im Sommer zu sehen ist. Im Winter nimmt man dem Fall das Wasser, um es zu turbinieren, wie das im Jargon der Wasserkraftingenieure heisst. Das Flussbett liegt dann fast trocken, der Bach verschwindet in einem Stollen, der zu einer Turbine führt, die Strom erzeugt.

Am Rychenbachfall tut man das schon seit hundert Jahren. Damals hatte man die Idee, von Meiringen durchs Rychenbachtal eine Zahnradbahn über die Grosse Scheidegg nach Grindelwald zu bauen. So wie man damals auch von Lauterbrunnen eine Bahn über die Kleine Scheidegg – an Eiger, Mönch und Jungfrau vorbei – nach Grindelwald gebaut hat. Die Bahn durchs Rychenbachtal wurde nie realisiert, die Turbine schon.

David gegen Goliath

Daniel Frutiger lebt in Meiringen, von seiner Stube aus sieht man den Eingang des Rychenbachtals. Er arbeitet als Kundenberater bei der Firma Black Diamond, die auf Ski- und Kletterausrüstungen spezialisiert ist; übrigens das erste Unternehmen der Kletterindustrie, das seinen MitarbeiterInnen gehört.

Als Präsident des kleinen Vereins schattenhalb4 setzt sich Frutiger dafür ein, dass der Bach nicht noch mehr von seiner Freiheit verliert. Denn die BKW-FMB Energie AG, ehemals Bernische Kraftwerke AG, will die Wasserkraft des Rychenbachs zu Geld machen. Eine ungleiche Paarung – der kleine Verein gegen den mächtigen Konzern.

Die BKW gehört zu den grossen Energieunternehmen in der Schweiz. Sie versorgt den grössten Teil des Kantons Bern mit Strom, betreibt neben zahlreichen Wasserkraftwerken das Atomkraftwerk Mühleberg und will ein neues AKW bauen. Am Rychenbach will die BKW jedoch ihre grüne Seite ausleben. Hier will sie saubere Energie produzieren – glücklichen Strom, sozusagen.

Schattenhalb liegt südlich von Meiringen, eben am schattigen Hang des Haslitals. Der Rychenbach gehört den SchattenhalberInnen. Zurzeit wird an Schattenhalb 3 gebaut, das eines der beiden alten Kraftwerke am Wasserfall ersetzen wird. «Dagegen haben wir nie opponiert», sagt Daniel Frutiger. Dieser Flussabschnitt werde schon genutzt, deshalb sei es sinnvoll, dieses Kraftwerk zu erneuern. «Wir haben uns nicht einmal dagegen gewehrt, dass sie im Winter alles Wasser vom Rychenbachfall turbinieren.» Der imposante Fall vertrocknet zur leeren Schlucht. Doch das stört niemanden, denn in den Wintermonaten kommen keine TouristInnen.

Mit Schattenhalb 4 lief es ganz ähnlich: Schon in den siebziger Jahren gab es Pläne, den oberen Rychenbach zu nutzen, doch wurden sie schon vor langer Zeit beerdigt, weil es sich nicht rechnete. Doch heute lohnt es sich: dank der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV). Das Modell ist von Deutschland abgekupfert. Dort hat die rot-grüne Regierung vor zehn Jahren beschlossen, aus der Atomenergie auszusteigen und gleichzeitig tüchtig erneuerbare Energien zu fördern. Der Staat garantiert mit der kostendeckenden Einspeisevergütung, dass Solar-, Wind- oder Biogasstrom während fünfzehn bis zwanzig Jahren einen vernünftigen Preis erhalten – und zwar unbeschränkt.

In der Schweiz ist die Förderung jedoch begrenzt. Das Stromversorgungsgesetz verlangt, dass alle StromkundInnen auf jede Kilowattstunde (kWh), die sie verbrauchen, einen Ökobeitrag entrichten. So kommen im Jahr rund 340 Millionen Franken zusammen. Dieses Geld kann dann genutzt werden, um umweltfreundliche Energien zu fördern. Das war die Idee. Doch herausgekommen ist ein Monster – eine bösartige Regelung, die es erlaubt, sich über alle noch verbliebenen unverbauten Bäche herzumachen.

Ein Goldrausch hat die Stromwirtschaft erfasst, denn jeder Bach wird zur potenziellen Goldader. Die BKW besitzt zum Beispiel ein Computerprogramm, das sämtliche Bäche des Landes erfasst hat und errechnet, wo sich noch ein Kraftwerk bauen liesse.

Am 1. Mai 2008 begann das Rennen um das grosse Geld. Grundsätzlich können alle bei Swissgrid, der Schweizer Netzgesellschaft, ein KEV-Projekt einreichen. Private, die auf dem Hausdach Sonnenkollektoren installieren, LandwirtInnen, die eine Biogasanlage bauen möchten, oder eben Konzerne wie die BKW. Wenn die Swissgrid das Projekt bewilligt hat, ist zugesichert, dass die Subventionen fliessen. Womit sich wiederum leicht Investoren finden lassen – ein Geschäft ohne Risiko.

Die Auswahlkriterien sind jedoch höchst merkwürdig. Nicht die innovativsten und klügsten Projekte werden gefördert – sondern wer zuerst kommt, sahnt ab. Am 1. Mai 2008 gingen so viele Anträge ein, dass gar nicht alle an den Topf gelassen werden konnten, vor allem nicht bei den Fotovoltaikanlagen, den Strom erzeugenden Sonnenkollektoren. Also kam das nächste Auswahlkriterium zum Zug: zuerst die grossen, dann die kleinen Projekte.

Flackernde Glühbirnen

Seit jenem 1. Mai gibt es eine gigantische Warteliste, aktuell sind 5000 Fotovoltaikanträge darauf zu finden.

Die Sonnenanlagen erhalten nur fünf Prozent der 340 Millionen. Die Wasserkraft räumt hingegen die Hälfte der Subventionen ab, was die Wasserkraftlobby im Parlament so zu richten wusste. Und das erlaubt ihr jetzt, alte Projekte aus der Schublade zu holen und zu vergolden. Wer sich am Subventionstopf gütlich tut, weiss man bis heute nicht. Die Swissgrid gibt keine detaillierten Daten heraus, das BFE sagt, es habe noch keinen Überblick (vgl. Text «Die undurchsichtige Geldverteilmaschine» am Schluss).

Der Rychenbach zwingt einen, lauter zu reden. Daniel Frutiger zeigt die Strecke, wo er verkümmern wird, wenn das Kraftwerk kommt. Eine Strasse führt den Bach entlang durchs Tal. «Es wäre besser», sagt Frutiger, «wenn es nicht mehr so viel Individualverkehr im Tal hätte.» Leute, die nur zur Schwarzwaldalp hochfahren, um kurz festzustellen, wie wunderbar es da oben ist, und dann gleich wieder runterfahren; so ein Tourismus, sagt Frutiger, bringe dem Tal wenig.

Vor vielen Jahren kamen die StädterInnen mit den Kutschen ins Hotel Rosenlaui, um zu kuren. Das prächtige alte Gebäude mit den vornehm hohen Räumen und den antiken Möbeln liegt in der Mitte des Tales und wurde vor hundert Jahren erbaut. Das Hotel ist nicht ans Stromnetz angeschlossen, Strom hat es trotzdem, vom eigenen kleinen Kraftwerk. Manchmal flackern die Glühbirnen, und den Gästen gefällts.

Ein Verein möchte das ganze Tal elektrifizieren, sagt Frutiger. Das Projekt Schattenhalb 4 komme ihnen dabei gerade recht. Aber wenn das Tal ans Stromnetz angeschlossen wird, verändere sich sein Charakter. Die Alphütten würden ausgebaut, die Ruhe verscheucht. Holdriotourismus gebe es doch schon genug im Berner Oberland.

Das Hotel Rosenlaui gehört Dres und Christine Kehrli. Beide sind auch beim Verein schattenhalb4 dabei. Vor dem Hotel rauscht der Rychenbach. Die Sonne steht über den spitzen Bergen. Einige Leute sitzen in der Sonne, es gibt nur Kaltes zum Trinken, denn offiziell öffnet das Hotel erst im Mai.

Fast alle sind grün oder gelb

«Die Baulobby steht halt hinter dem Kraftwerkprojekt», sagt Christine Kehrli, diese Lobby sei stark im Haslital und würde sich Aufträge versprechen. Dagegen komme man kaum an. Sie hingegen wünscht sich «ein Tal ohne Atom- und Kohlestrom, mit nachhaltiger Energiegewinnung (...), eine Insel für zivilisationsmüde Menschen mit hohen ökologischen Ansprüchen: ein Tal für das 21. Jahrhundert», so hat sie es im Faltblatt für den Verein schattenhalb4 formuliert.

Mitte März wandten sich die Berner Umweltorganisationen alarmiert an die Öffentlichkeit. Die Berner Kantonsregierung hatte Anfang Jahr ihre Wassernutzungsstrategie vorgelegt. Der Kanton publizierte eine Karte, in der alle Flüsse, die geschützt werden sollen, rot eingezeichnet sind. Alle, die grün oder gelb markiert sind, dürfen genutzt werden. Im Lauterbrunnental, dort, wo die Jungfraubahn zur Kleinen Scheidegg hinaufklettert, ist fast jeder Bach grün oder gelb angemalt.

Das Lauterbrunnental ist eindrücklich: unten ein flacher Boden, rechts und links senkrechte Felswände – ein gigantischer Korridor, an dessen Wänden Wasserfälle wie Perlenschnüre aufgereiht sind. 72 Fälle sollen es sein. Die Trümmelbachfälle sind die wildesten. Das Gletscherwasser von Eiger, Mönch und Jungfrau donnert hier herunter. Es hat sich tief in den Fels gegraben und pittoreske Kamine und Becken ausgeschwemmt.

Geht es nach der Wassernutzungsstrategie des Kantons Bern, dürfte diese Kraft genutzt werden. Die Umweltverbände fordern zusammen mit dem Fischereiverband, der Kanton müsse endlich alle wertvollen Bäche schützen und auch berücksichtigen, wie wichtig sie für den Tourismus seien. Den Rychenbach zählen sie dazu, doch für seinen Schutz sieht es nicht gut aus: Der Kanton Bern hat zwar im letzten Jahr ein Moratorium für alle neuen Wasserkraftwerke erlassen, der Rychenbach gilt jedoch als bereits genutztes Gewässer und fällt deshalb nicht unters Moratorium.

Daniel Heusser, Gewässerschutzexperte vom WWF Schweiz, hat in Kleinstarbeit versucht, sich einen Überblick zu verschaffen. Da der Bund nicht transparent macht, wem KEV-Gelder versprochen wurden, muss in den Regionen buchstäblich nach den Projekten gefahndet werden. Etwa 450 KEV-Projekte konnte der WWF inzwischen ausfindig machen. Rund ein Drittel davon sei problematisch, sagt Heusser, weil sie in Schutzgebieten liegen, weil sie die geltende Gesetzgebung missachten oder weil sie unberührte Bäche zerstören.

Einige typische Beispiele:

Berschnerbach bei Walenstadt SG: Ende März präsentierte das lokale Energieunternehmen WEW Walenstadt zusammen mit der Sol-E (die der BKW gehört) ein Projekt, das oberhalb von Berschis unter dem Fulfirst das Wasser fassen und im Tal turbinieren möchte. Auch dies ein altes Projekt aus dem letzten Jahrhundert. Es befindet sich aber in einem Landschaftsschutzgebiet von nationaler Bedeutung (BLN). Doch das wird in der Medienmitteilung nicht erwähnt.

Fermelbach nördlich von Zweisimmen BE: Der Bach ist noch unverbaut und natürlich. Im Konzessionsgesuch – das ebenfalls von der BKW stammt – wird nicht einmal die geltende Restwassermenge eingehalten. Der Bach ist kommunal geschützt, was aber nicht zählt. Faktisch besteht sogar ein Bauverbot in der Gegend, was die BKW mit einer Ausnahmebewilligung zu umgehen versucht.

Warme Sense, südöstlich von Freiburg FR: Die Sense ist einer der letzten grösseren Flüsse, die von der Wasserkraftnutzung verschont geblieben und noch weitgehend im natürlichen Zustand sind – was es kaum mehr gibt in der Schweiz. Zwei Energieunternehmen wollen ihn jetzt nutzen, weitere Projekte sind in der Pipeline.

«Das Problem ist, dass das Bundesamt für Energie keine Standortkriterien vorgibt. Wer frühzeitig ein Projekt eingegeben hat, kann damit rechnen, Fördergelder zu bekommen. Das kann nicht sein!», sagt Daniel Heusser. Seiner Meinung nach bräuchte es eine Handvoll einfacher Kriterien, zum Beispiel: Kein Kraftwerk darf in einem geschützten Gebiet oder an einem der wenigen verbliebenen intakten Bäche gebaut werden. Klingt logisch, schliesslich soll Ökostrom produziert werden.

Michael Kaufmann, BFE-Vizedirektor und zuständig für diese Projekte, meint dazu: Die Zusage von KEV-Geldern sei keine Garantie, dass ein Projekt auch gebaut werden dürfe. Die Antragsteller müssen nach einer bestimmen Frist – bei der Wasserkraft sind es vier Jahre – die Baubewilligung vorlegen können. «Wer diese Hürde nicht schafft, fliegt aus der KEV raus», sagt Kaufmann: «Letztlich muss also jedes Wasserkraftwerk das normale Bewilligungsprozedere durchlaufen – und dafür sind die Kantone zuständig. Da wollen wir uns nicht einmischen.»

Heusser gibt zu bedenken: Es gebe zu viele Projekte wie dasjenige am Berschnerbach, die in Schutzgebieten geplant würden. Es herrsche Goldgräberstimmung, und in den Kantonen komme es oft zu Interessenkonflikten, da der Geldsegen zu verlockend ist: «Die Natur zieht da oft den Kürzeren!»

Bis zu 13,5 Prozent Rendite

Es lohnt sich tatsächlich, sich am KEV-Topf zu bedienen. Heusser hat es ausgerechnet: Rentabler als in einem KEV-Wasserkraftwerk lässt sich Geld zurzeit kaum anlegen. Zum Beispiel beim Kraftwerk Borterbach, Oberems im Kanton Wallis: Bei einer Investition von 3,5 Millionen Franken wird das Kraftwerk im Jahr Strom für knapp 900 Haushalte produzieren. Inklusive KEV-Gelder und Wasserzinsen dürfte das investierte Geld eine jährliche Rendite von gegen 11,5 Prozent abwerfen. Beim Kraftwerk Brent in der Waadt schätzt Heusser, dass dank der Ökosubvention sogar eine Rendite von 13,5 Prozent drinliegt. Selbst bescheidene Projekte schaffen noch 5 Prozent. Eine Rendite notabene, die während 25 Jahren garantiert ist. Danach bricht der Geldsegen aber nicht ab, weil die Anlagen ja amortisiert sind und quasi gratis weiter Strom erzeugen.

«Vergessen wir nicht», sagt Heusser, «95 Prozent der nutzbaren Wasserkraft werden in der Schweiz bereits genutzt. Wir reden hier von den letzten 5 Prozent! Für ein bisschen zusätzlichen Strom opfern wir die letzten unverbauten Bäche.» Seiner Meinung nach wäre es klüger, bestehende Kraftwerke zu sanieren, da liege viel drin.

Heusser ist nicht einfach ein Berufspessimist. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat Mitte vergangenen Jahres ebenfalls einige der geplanten Kraftwerke unter die Lupe genommen. Es kam zum Schluss: «Von den 365 angemeldeten Fliessgewässeranlagen befinden sich 68 Zentralen in schützenswerten Gebieten» – in geschützten Mooren, in wichtigen Laichgebieten, in Grundwasserschutzzonen, in Biosphärenreservaten oder BNL-Gebieten. Diese Kraftwerke würden etwa 200 Millionen Kilowattstunden pro Jahr produzieren, schreibt das Bafu. Das sind weniger als 0,2 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs – viel Zerstörung für das bisschen Energie.

Der Gemeinderat ist dafür

Ende März reiste ein Vertreter der BKW nach Schattenhalb. «Der Bund» berichtete über die Veranstaltung: Hundert Personen waren gekommen, der BKW-Mann überschüttete sie mit Zahlen und versuchte klarzumachen, wie umsichtig sie das Projekt angehen würden. Daniel Frutiger meldete sich und sagte, die Opposition werde nicht zulassen, dass der Rychenbach zum Rinnsal verkomme. Und die Opposition sei breit abgestützt. Der BKW-Mann bedankte sich freundlich für das Votum. Enervierter reagierte Ernst Kohler, der ehemalige Gemeindepräsident von Schattenhalb. Er sagte: «Jene Leute, die im Rosenlauital Tourismus und Berglandwirtschaft betreiben, sollen entscheiden, ob das Werk gebaut wird oder nicht.» Stattdessen komme «einer aus dem Unterland und sagt uns, was wir tun sollen». Gemeint hat er damit Daniel Frutiger.

Frutiger schmunzelt darüber. Er ist in Schattenhalb aufgewachsen, hat dreissig Jahre im Dorf gewohnt, einige Jahre war er weg, lebt aber wieder in Meiringen, also gleich nebenan. Das Rychenbachtal ist sein Tal, dort kennt er jede Felswand, jeden Wiesenhang.

Die Kehrlis, die BesitzerInnen des Rosenlaui-Hotels, schimpft man manchmal auch Fremde und munkelt, sie hätten den Oppositionsverein gekauft. Christine Kehrli kommt aus dem Berner Unterland. Dres Kehrli ist ein gebürtiger Schattenhalber, das Hotel hat er geerbt.

Andreas Frutiger, der amtierende Gemeindepräsident, versteht die Opposition auch nicht. Das seien halt «ein bisschen Extremisten», sagt er am Telefon. Was er nicht sagt: Daniel Frutiger ist sein Cousin.

Man könne doch die Entwicklung nicht aufhalten, meint der Gemeindepräsident. Ein bisschen Strom im Tal sei doch nichts Schlechtes, und der Gemeinderat stehe voll hinter Schattenhalb 4. Die Wasserfassung müssten sie aber etwas verlegen, weil sonst das Trinkwasser gefährdet sei. Gleich dort, wo die kleine, neue Staumauer gebaut werden soll, liegt die Quelle der Gemeinde.

Wenn die BKW den Druckstollen raussprenge, könnte das die Quelle kaputt machen, fürchtet Gemeindepräsident Frutiger. Der Gemeinderat hätte gerne, dass die BKW die Wasserleitung gleich in den Stollen verlegen würde. Das würde der Gemeinde etwas bringen, und vielleicht könne man das Trinkwasser auch turbinieren. Aber sonst, sagt er, bringe das neue Kraftwerk der Gemeinde finanziell nicht viel.

Laut BKW wird das Konzessionsgesuch voraussichtlich im Juni oder Juli öffentlich aufliegen. Die Anlage dürfte – dank KEV-Subvention – der BKW einen jährlichen Zusatzgewinn von schätzungsweise zwei Millionen Franken und eine Rentabilität von etwa acht Prozent bringen. Die zentrale Frage bleibt: Würde die BKW auch ohne staatliche Subventionen bauen? «Bei unseren Berechnungen berücksichtigen wir die KEV beziehungsweise die gegenwärtigen Rahmenbedingungen», sagt BKW-Pressesprecherin Stefanie Uwer.

Und was bekommt die Gemeinde dafür? Die Antwort von Stefanie Uwer: «Von den geplanten Arbeiten mit einer Investitionssumme von zirka 35 Millionen Franken wird ein grosser Teil an lokale Unternehmen vergeben. Zudem wird die Gemeinde finanziell von den Steuern, welche der Kraftwerksbetreiber zu entrichten hat, profitieren.»

Und dagegen anzukommen, ist wahrlich schwer.

Die undurchsichtige Geldverteilmaschine

Die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) wurde 2007 mit der Revision des Energiegesetzes eingeführt. Seit 2009 wird auf jede Kilowattstunde verbrauchten Stroms ein Ökozuschlag erhoben. Aktuell beträgt er 0,45 Rappen, maximal darf er 0,6 Rappen betragen. Das ergibt bei vollem Zuschlag eine maximale Summe von etwa 340 Millionen Franken pro Jahr. KEV-Beiträge werden während zirka 25 Jahren an die Anlagenbetreiber ausbezahlt. Das eidgenössische Parlament diskutiert zurzeit, den Ökozuschlag auf maximal 0,9 Rappen zu erhöhen, der Subventionstopf würde damit um 170 Millionen Franken vergrössert.

Die KEV-Gelder werden von der Schweizer Netzgesellschaft Swissgrid verteilt. Seit Mai 2008 können dort Projekte angemeldet werden. Maximal fünfzig Prozent der Gelder kommen der Wasserkraft zugute, fünf Prozent der Fotovoltaik, der Rest verteilt sich auf Biomasseanlagen, Windturbinen und Geothermieprojekte.

Hans-Heiri Frei, bei Swissgrid zuständig für die KEV, sagt gegenüber der WOZ, bis heute seien 2860 positive KEV-Bescheide ausgesprochen worden. Davon sind 1860 Anlagen bereits in Betrieb. Mit den bewilligten KEV-Projekten komme man auf eine Jahresproduktion von etwa 4 Terawattstunden, sagt Frei, im Energiegesetz vorgesehen seien aber 5,4 Terawattstunden. Der bis jetzt maximal mögliche Ökozuschlag von 0,6 Rp./kWh wird also nicht reichen, um dieses Ziel zu erreichen. Welche Projekte einen positiven KEV-Bescheid erhielten, ist zurzeit nicht in Erfahrung zu bringen.

Michael Kaufmann, Vizedirektor des Bundesamtes für Energie, meinte gegenüber der WOZ: «Es ist angedacht – und mein fester Wille –, dass wir von den vergebenen Mitteln des ersten Jahres diesen Überblick machen können.» Im letzten Jahr seien erst etwas über fünfzig Millionen Franken an KEV-Geldern ausbezahlt worden. Die detaillierte Abrechnung liege aber noch nicht vor: «Bis Mitte Jahr sollte es möglich sein, zu sagen, an wen die Gelder konkret geflossen sind», sagt Kaufmann.

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