Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Sauber bleiben

Stefan Gärtner über Vögel und Windräder

Von Stefan Gärtner

Via «youtube zdf mann aussteiger» habe ich den Film sofort gefunden, den ich im TV mal sah und der mir immer einfällt, geht es irgend um Ökologie. Der Aussteiger Gottfried lebt autark auf einem kleinen Hof in Norddeutschland, hält Schafe, versorgt sich nach Kräften selbst und verbraucht annähernd nichts, nicht mal Seife. Er wäscht sich mit Molke und schimpft dabei auf die Heuchelei der «ICE-Kultur», den Glauben mithin, dass alles so bleiben könne, nur weil es öko sei. Wenn wir zu Hause auf Gottfried zu sprechen kommen, sind wir uns zwar einig, das mit der Molke für übertrieben zu halten – normale Seife ist erst einmal nichts Schädliches, und Wassermangel herrscht in Deutschland nicht –, aber dass etwas dran ist, das glauben wir schon.

Im Reich haben sie ja jetzt zur «digitalen Bildung» geblasen, und freilich gibt es keinen vernünftigen Grund, auf die verbrauchsgünstige, bewährte Kreidetafel zu verzichten, es gibt nur die idiotische Sorge, auf irgendwelchen Welt- und Kompetenzmärkten abgehängt zu werden, sowie die wilde Entschlossenheit, öffentliche Aufgaben ans Tablet (und Samsung) outzusourcen. Denn Erziehung wird überflüssig, wenn man Heranwachsende auch in der Schule wischen und daddeln lässt; wie das Leben ja sowieso in Gänze Entertainment sein soll. Auch das Elektroauto soll endlich gross kommen, und auch das wird Gottfried nicht gefallen, denn der Strom dafür kommt so wenig aus der Steckdose wie die Rohstoffe für die Batterien aus dem Eine-Welt-Laden, und wiewohl Aussteigerfantasien mit Vorsicht zu geniessen sind – es kann nicht jeder und jede aussteigen, so viele Höfe gibt es nicht, und der Traum vom einfachen, ehrlichen Landleben ist nicht ohne seinen Anteil Regression zu haben –, ist Gottfrieds Nullemissionsansatz durchaus widerständig, indem er quer zu den herrschenden Verhältnissen steht, die, simple Wahrheit, auf Konsum und immer wieder Konsum basieren. Und der hat seine Opfer, auf die eine oder andere Weise.

In der Schweiz hat die Vogelwarte Sempach herausgefunden, dass an jedem Windrad jedes Jahr 21 Vögel sterben. Der Branchenverband Suisse Eole hält das für okay, Vogelschützer weniger, und auch Gottfried würde nicken und sagen: «Seht ihr, das meine ich.» Enoch zu Guttenberg, der Vater des wegen Promotionsschwindeleien emigrierten deutschen Exverteidigungsministers, durfte jetzt im Kulturfernsehen schimpfen, die Windräder seien Schande und Verschandelung, und die Zahl der Bürgerinitiativen gegen Windräder oder -parks geht bereits ins Vierstellige.

Der Fortschritt, steht irgendwo in der Kritischen Theorie, sei immer gleichzeitig ein Rückschritt, was uns aber nicht aus der Patsche hilft, denn auch Kommunismus ist ja laut Lenin ohne Elektrifizierung nicht zu haben. Suisse Eole macht auf angeblich dreizehn Millionen Vögel aufmerksam, die jedes Jahr «auf Glasfassaden und Fensterscheiben prallen oder von Katzen getötet würden» («Tages-Anzeiger») oder im Strassenverkehr sterben, und trotzdem fahre ich mit dem Auto in den Baumarkt, um Holz für den Kanonenofen zu holen, der zwar Klimagift spart, aber Feinstaub produziert, an dem in Deutschland jährlich nach Schätzungen 35 000 Menschen sterben. Dafür isst Gottfried, der Selbstversorger, seine Schafe, wenn auch nur winters.

Dann vielleicht doch Kuba. Da gibt es nichts, und Sozialismus ist es auch; und auf den Ofen könnten wir verzichten.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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