Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

Wenn die Begriffe nicht mehr greifen

Der Kulturtheoretiker Mark Fisher (1968–2017) war ein scharfer Beobachter unserer neoliberal durchsetzten Gegenwart. In seinem letzten Buch schraubt er sich ins Gespenstische hinein.

Von Philipp Rhensius

Verhilft zu einem objektiven Blick auf die Menschen: Scarlett Johansson in «Under the Skin» als Alien, das Männer zum Sex verführt, um sie als Delikatesse zu konservieren. Still: Ascot Elite

Stellen Sie sich vor, Sie stünden nachts in einem Wald, und da ist nichts. Nichts ausser den Silhouetten der Bäume, ihrem leisen, beständigen Atmen und dem Knistern der Äste – dem vertrauten, ein bisschen unheimlichen Soundtrack einer sich unbeobachtet wähnenden Natur. Doch dann ist da plötzlich ein Krächzen. Es klingt wie ein Vogel, vielleicht eine Krähe, aber warum so laut? Dann kommt es näher, wird immer greller. Als hätte es Ihre Anwesenheit bemerkt.

In dem Moment, an dem hinter dem Laut eine Absicht vermutet wird, wird es gespenstisch. Mark Fisher, der in diesem Jahr verstorbene britische Kulturtheoretiker, würde die Situation wohl als «Ausfall der Absenz» bezeichnen. Plötzlich ist da etwas, das da nicht sein sollte. Ein wichtiges Merkmal dessen, was er in seinem letzten Buch, «The Weird and the Eerie», das jetzt auf Deutsch erschienen ist, als das Gespenstische definiert. Es stellt Fragen wie: Warum ist da etwas, obwohl da nichts sein sollte? Oder: Warum ist da nichts, obwohl da etwas sein sollte?

Die Präsenz vom Unbegreifbaren

In seinen Büchern profilierte sich Fisher als scharfer Beobachter unserer von Neoliberalismus und Utopieverlust perforierten Gegenwart («Kapitalistischer Realismus», 2013). In seinen letzten Essays nun mäandert er über die Grenzen hinweg durch die Film-, Literatur- und Musikgeschichte, und seine Beispiele findet er in Filmen von David Lynch, Stanley Kubrick oder Andrei Tarkowski, aber auch in literarischen Werken von Margaret Atwood oder H. P. Lovecraft, dem Paten der Horrorliteratur. Fisher, der stets nicht nur im Privaten, sondern auch im Kulturellen das Politische mitdachte, geht es dabei um mehr als nur ästhetizistische Werkbetrachtungen. Er möchte der von Sigmund Freud geprägten Idee des «Unheimlichen» zwei Begriffe entgegensetzen, die gewöhnlich mehr oder weniger stillschweigend darunter subsumiert werden, zumal Freud selbst sie als austauschbar behandelt: das Seltsame und das Gespenstische.

Beim Unheimlichen nach Freud gehe es «um das, was uns innerhalb des Vertrauten eigenartig erscheint», wie Fisher schreibt. Dagegen bestehe das Gespenstische an einem Film wie «Under the Skin» (2013) von Jonathan Glazer gerade darin, dass er das, was wir in unserer Welt als gegeben hinnähmen, aus einer unbestimmten Aussenperspektive zeige. Dem von Scarlett Johansson gespielten Alien, das Männer zum Sex verführt, um sie als Delikatesse zu konservieren, fehlt abgesehen von ihrer Erscheinung jede Ähnlichkeit zum Menschen. Ihr Gesicht verrät keine Emotionen, ihre Taten und Motive bleiben unverständlich, die Dialoge funktional. Die Kamera simuliere, so Fisher, «den Blick eines ausserirdischen Anthropologen» – und erlaubt uns einen objektiven Blick, in dem uns die Menschheit fremd wird.

Während diese Fremdwerdung vor der eigenen Spezies oder die eingangs beschriebene Situation Ausprägungen des Gespenstischen sind, geht es beim Seltsamen nicht um das, was nicht da ist, sondern um eine Präsenz von etwas Unbegreifbarem – etwas, das nicht in die hiesige Welt gehört und daher nicht mehr mit etablierten Kategorien erfasst werden kann. Fisher zieht hierfür die Romane von H. P. Lovecraft bei, dem es statt um bekannte Figuren wie Vampire, über die es längst Deutungswissen gibt, um das radikal Neue geht, für das oft noch keine Wörter existieren. Wenn uns etwas als «weird», also seltsam erscheint, ist das stets ein Signal, dass Begriffe obsolet geworden sind – eine Konfrontation mit dem Neuen, wie sie Fisher ganz ähnlich in den «Zukunftsschocks» erlebte, die er in der sich stetig wandelnden britischen Clubmusik fand.

Im Clickbait-Kapitalismus

Es könne genussvoll sein, das Bekannte veralten zu sehen, schreibt Fisher an einer Stelle – ein Genuss, der sich als zynisches Lachen, aber auch als Emanzipation deuten lässt. Dieses Potenzial zur Selbstermächtigung tröstet über die manchmal allzu detaillastigen Plotbeschreibungen im Buch hinweg. Und Fisher stellt durchaus auch zukunftsträchtige Fragen, denn gerade die Kategorie des Gespenstischen greift bei der künstlichen Intelligenz oder beim Klimawandel genauso wie im kapitalistischen System. «Das Kapital ist auf allen Ebenen ein gespenstisches Ding», schreibt Fisher. «Aus dem Nichts hervorgezaubert, übt es mehr Einfluss aus als jedes andere vermeintlich substanzielle Wesen.» Man denke nur an die unsichtbaren Ströme des Kapitals, die im Clickbait-Kapitalismus immer öfter immateriell in Form von Daten zirkulieren. Aber auch an die gespenstische Leere von verlassenen Fabriken, die im globalen Standortwettbewerb geschlossen wurden.

Die Phänomene des Seltsamen und Gespenstischen sind anschlussfähig an den «Kapitalistischen Realismus», den Fisher in seinem gleichnamigen Buch analysierte. Darin beschrieb er die Effekte des neoliberalen Denkens auf unsere Arbeit, unsere Psyche und unsere politischen Visionen, die zunehmend marktorientiert geworden sind. In seinem letzten Buch gelingt es ihm abermals, den vermeintlichen Sachzwängen der Gegenwart alles Vertraute zu nehmen. Ein guter Startpunkt, um der allerorts behaupteten Alternativlosigkeit mutiger entgegenzutreten.

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