Nr. 33/2014 vom 14.08.2014

Die Schöne ist das Biest

Scarlett Johansson spielt in «Under the Skin», dem neuen Film von Jonathan Glazer, einen Köder in Menschengestalt. Ein Film wie ein Fabelwesen, rätselhaft und überwältigend.

Von Florian Keller

Wer ihr folgt, landet in einem metaphysischen Nichts: Scarlett Johansson als ausdrucklsoses Wesen mit einer Mission.

Wie fühlt sich das an, wenn man plötzlich fremd ist unter Menschen? Dazu gibt es nun ein einfaches Experiment: Man muss nur von «Under the Skin» schwärmen, dem Film des Jahres. Schön, und worum gehts darin? Das wollen sie immer gleich wissen, alle. «Die Handlung, gib uns die Handlung.» Doch wer sich bei diesem Film darauf einlässt und die Umrisse eines Plots skizziert, bekommt nur – schiefe Blicke. Man wird angeschaut, als wäre man ein Alien.

Der britische Regisseur Jonathan Glazer, gefeiert für seine Musikvideos und Werbespots, hat ein Flair für solche Stoffe. Schon sein letzter Spielfilm hörte sich, reduziert auf den baren Plot, ziemlich bescheuert an. Das war «Birth» mit Nicole Kidman, zehn Jahre ist das her. Die Handlung: Eine schöne Witwe verfällt einem kleinen Jungen, weil dieser behauptet, er sei die Reinkarnation ihres verstorbenen Gatten. (Schiefe Blicke.)

Eine Schule des Sehens

Aber was ist schon eine Inhaltsangabe? Ein Talisman, der uns vor Unvorhergesehenem schützen soll. Eine Krücke für Kleingeister. Kino ist schliesslich alles, was wir sehen und hören, wenn wir in einem Film sitzen. Nur schlechte Filme lassen sich problemlos in Worte übersetzen. Und wer Inhalt will, kann sich ja irgendeine Packung mit irgendetwas drin kaufen.

Der total sterile, ungeheuer sinnliche Prolog in «Under the Skin» ist darum nicht bloss ein Wunderding des abstrakten Kinos. Er ist auch eine programmatische Ansage für alles, was folgen wird, eine Schule des Sehens, losgelöst von den Zwängen der Gegenständlichkeit. Lange, sehr lange bleibt die Leinwand einfach schwarz. Dann erscheint wie in weiter Ferne ein winziger Lichtpunkt. Langsam wird er grösser, und so beginnt ein Spiel mit geometrischen Elementen, das sich allmählich zu einem hypnotischen Tanz der Formen in einem klinischen Raum steigert. Dazu hören wir schabende Streicher und ganz leise eine halbwegs menschliche Stimme bei einem Sprechtest. Als würde sich jemand zaghaft mit einer fremden Sprache vertraut machen. Es dauert eine Weile, bis wir eine Ahnung bekommen, was sich da zuträgt. Hier wird, in einem komplizierten Ballett der Technologie, ein künstliches Auge zusammengesetzt.

Natürlich ist es auch unser Auge, das hier montiert wird, das Auge des Publikums. Hier wird ein Blick konstruiert, wie das, mehr oder weniger bewusst, in jedem Film geschieht. Das gehört schliesslich zum Wesen des Kinos, dass es unser Sehen formt. Aber «Under the Skin» ist vermutlich der erste Film, der das gleich zum Auftakt so ganz konkret ins Bild setzt: die allmähliche Verfertigung des Bilds beim Sehen, die Konstruktion unseres Blicks.

Im Film gehört das künstliche Auge zu Scarlett Johansson. Die ist ja neuerdings abonniert auf diese Frauen, die das menschliche Fleisch transzendieren. Sie war die körperlose Stimme des Betriebssystems, in das sich Joaquin Phoenix in «Her» verliebte. In Luc Bessons «Lucy», der parallel zu «Under the Skin» anläuft, verwandelt sie sich dank einer synthetischen Droge in eine übermenschliche Killermaschine; der Film ist ein frenetischer Schmarren, reich an visuellen Ideen, die reihenweise wirkungslos verpuffen. Und in «Under the Skin» paart sich ihre menschliche Verführungskunst mit einer Kälte, die nicht von dieser Welt ist.

Johansson verkörpert in Glazers Film eine Frau ohne Namen, ein streunendes Wesen mit einer Mission, aber vollkommen ohne Ausdruck. Zu Beginn sehen wir sie in einem leeren, weissen Raum: Nackt steht sie in diesem unwirklichen Nichts und zieht sich die Kleider einer Toten an. Dann setzt sie sich ans Steuer und kreuzt in einem weissen Lieferwagen durch die schottische Dämmerung. Sie hält Ausschau nach Männern, die niemand vermisst, wenn sie verschwinden.

Scarlett Johansson spielt einen Köder in Menschengestalt. Und steigst du diesem Lockvogel nach, landest du in einem metaphysischen Nichts. Da öffnet sich dann ein leerer Raum, dunkler als die Nacht und scheinbar ohne Wände, doch wie du der Frau folgst, verflüssigt sich der spiegelglatte Boden unter deinen Füssen zu einem schwarzen Schlick, in dem du lautlos, wehrlos versinkst. Ein Albtraum im Darkroom, so beiläufig wie rätselhaft, ein seltsames Amalgam von roher, existenzieller Angst und totaler Künstlichkeit. Es ist eine Szene, wie man sie noch nie gesehen hat, und es ist längst nicht die einzige dieser Art in «Under the Skin».

Mit ahnungslosen Laien

Warum tut die Frau das? Was genau ist ihr mörderischer Auftrag? Vor allem, wo sind wir hier überhaupt? Blöde Frage, im Kino natürlich. Also an einem Ort der Wunder und des Grauens, wo man nicht an jeder Ecke auf Erläuterungen warten sollte. Insbesondere nicht in einem Film, der von Anfang an seine eigene Logik erschafft jenseits der dramaturgischen Regeln, nach denen ein Spielfilm gewöhnlich zu funktionieren hat.

Wer unbedingt wissen will, woher diese Frau kommt und was ihre undurchsichtige Mission bezweckt, kann das übrigens im dem Film zugrunde liegenden Buch nachlesen. «Under the Skin» («Die Weltenwanderin»), der auch schon sehr merkwürdige Roman von Michel Faber, wird in diesen Dingen viel deutlicher. Was Glazer und sein Drehbuchautor Walter Campbell damit anstellen, ist schon mal unerhört. Statt den Geschehnissen aus dem Roman Eindeutigkeit zu verleihen, wie das so üblich ist, wenn Literatur verfilmt wird, tun sie das Gegenteil: Sie abstrahieren. Sie nehmen die Vorlage also nicht als Pflichtenheft, sondern nutzen sie als Sprungbrett für ihre filmische Fantasie.

Gleichzeitig verankern sie das Geschehen stärker, als der Roman das tut, in realen Milieus. Denn die Männer, die Scarlett Johansson im Film aufgreift, sind fast alle Laien: ahnungslose Passanten, die in Glasgow und Umgebung mit einer versteckten Kamera gefilmt und erst danach um ihr Einverständnis gebeten wurden. Das macht «Under the Skin» erst recht zu einem dunkel schillernden Fabelwesen von einem Film: ein Zwitter aus dokumentarischen und fantastischen Elementen, aus sozialem Realismus und Science-Fiction. Dafür, dass dieses einzigartige Geschöpf von einem Film nicht in seine Einzelteile zerfällt, sorgt nicht zuletzt der beschwörende Soundtrack von Mica Levi.

Was sich dabei vor unseren Augen entfaltet, ist eine Meditation darüber, was uns menschlich macht, gefiltert durch den Blick einer Unmenschlichen. Denn diese Frau operiert jenseits einer elementaren menschlichen Ethik. Das sieht man nicht nur daran, wie sie ihre Opfer einsammelt, sondern auch daran, wie achtlos sie liegen lässt, was nicht in ihr Beuteschema passt: ein verwaistes Kleinkind zum Beispiel, schreiend in der Dämmerung irgendwo in einer tosenden Bucht. Der Wendepunkt folgt, als sie einen Mann aufgabelt, der selber fremd ist unter Menschen – weil er unter seiner Kapuze aussieht wie ein Ungeheuer, mit einem Kopf, der entstellt ist von monströsen Wucherungen.

Da sitzen sie nun nebeneinander in ihrem Auto, die Schöne und das Biest. Und unsere Vorstellungen darüber, was wir für menschlich halten und was nicht, geraten ins Wanken, entgleiten uns. Die Frau nämlich spielt wie gewohnt ihr einstudiertes Verführungsprogramm durch, verschenkt Komplimente an ihren Fahrgast. Doch ihre Routine wirkt jetzt humaner, als es jedes gemeinmenschliche Bekenntnis des Mitgefühls sein könnte. Blind für das verformte Gesicht dieses Mannes, spricht sie so ungezwungen mit ihm, wie er das von normalen Menschen nicht kennt. Er reagiert erst befremdet und folgt ihr dann gleichwohl ins schwarze Nichts. Aber etwas passiert dabei mit der Männerjägerin. Die Begegnung macht sie verwundbar, und sie tut etwas Unvernünftiges, also Menschliches. Aber je näher sie den Menschen kommt, umso fremder wird sie sich selbst.

Der kalte, dunkle Zauber, der von diesem Film ausgeht, lässt sich so schnell nicht abschütteln. Man sieht die Welt danach durch fremde Augen. Die Ausserirdischen sind wir.

«Under the Skin» und «Lucy» starten am 14. August 2014 in den Schweizer Kinos.

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