Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

Räuber und Gendarm

Vor 25 Jahren schrieb Michael Dowd Justizgeschichte – als korruptester Polizist des New York Police Department. Jetzt hofft er, erneut gross rauszukommen.

Von Lukas Hermsmeier (Text und Foto), New York

Ex-Cop Michael Dowd im Lindenwood Diner: «Der Film ‹Good Fellas› ist nichts gegen mich!»

Den Streifenblick hat er nie abgelegt. Wenn Michael Dowd mit seinem weissen Hyundai Santa Fe durch den 75. Polizeibezirk von New York fährt, scannt er noch immer die Trottoirs: rechts, links, rechts. «Looking for perps», nennt Dowd das, nach Verdächtigen Ausschau halten. Dabei liegt sein letzter Einsatz 25 Jahre zurück, ein Arbeitstag im Mai 1992, der mit seiner eigenen Verhaftung endete. «Ich war nicht nur Bad Cop, ich war auch Good Cop», sagt Dowd.

Es ist das einzige Mal an diesem Tag, dass der Mann hinter dem Lenkrad untertreibt. Michael Dowd war der böse Bulle schlechthin. Als «dreckigster Polizist von New York» und «American Gangster» ist er in die Geschichte der Stadt eingegangen. Damals trug Dowd noch Schnauz, und Fremde wagten sich selten in seinen Bezirk. In den Strassen von Brooklyn häufte Dowd als Drogenhändler in Uniform Macht und ein kleines Vermögen an – bis alles aufflog und Dowd in einem spektakulären Prozess zu vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

«Hey, wie gehts?», ruft der Expolizist einer Frau durch das geöffnete Fenster zu, als er durch seinen einstigen Bezirk rollt. Dowd trägt ein blaues, enges T-Shirt, seine Arme sind braun gebrannt, am Handgelenk eine golden-schwarz-blaue Uhr. Er flucht gerne, immer zwei Stufen zu laut, jedes vierte Wort ist «fuck». Dowd, 56 Jahre alt, ist wieder mal am Boden. Er hat keinen Job, ist bei seinen Eltern eingezogen und muss sich zudem auch noch mit der Justiz rumschlagen. Aber wenn sich jemand für seine Vergangenheit interessiert, Benzin- und Burgerrechnung übernimmt, ist der Excop dabei. Vermisst er es, Staatsgewalt zu sein? «O ja, ich hab es geliebt. Ich hab die Strasse geliebt, den ganzen Scheiss.»

Kein schlechtes Gewissen

In East New York, ganz im Osten Brooklyns, lebt mehr als die Hälfte der überwiegend afroamerikanischen und hispanischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze, es gibt überdurchschnittlich viele Morde und Drogentote. Beim Betreten ihrer Schulen müssen die Kinder Metalldetektoren passieren. Manhattan fühlt sich weit weg an, auch wenn es nur dreissig Minuten Subwayfahrt entfernt liegt.

An dem Tag, an dem alles beginnt, erwischt Dowd, gerade zwei Jahre im Dienst, einen achtzehnjährigen Autofahrer ohne Papiere und Kennzeichen. Er stellt ihn vor die Wahl: «Du kannst mir einen Hummerlunch spendieren, oder ich schreib dir jede Menge Tickets.» Der junge Mann steckt Dowd 200 Dollar zu und darf weiterfahren. Der Cop hat nun Geld für zehn Hummer zum Lunch. Und ist auf den Geschmack gekommen.

Am Anfang sind es nur kleine Schmiergelder, die der junge Beamte kassiert, bald räumt er Wohnungen aus, in denen er eigentlich Spuren sichern soll. Später verkauft er Drogen, manchmal 35 Kilogramm Kokain pro Woche, und schützt die berüchtigten Mafiosi der Stadt. Morgens zieht Dowd im Keller der Polizeiwache Kokainlinien durch die Nase, mittags verteilt er Bussgelder, und abends transportiert er Pakete mit weissem Pulver von A nach B.

Ob er jemals ein schlechtes Gewissen hatte? «Komm mal drüber hinweg, ich habe dafür bezahlt», sagt Dowd, korrupt seien damals sowieso die meisten Beamten gewesen.

Dowd ist tief gefallen, Macht, Geld, nichts davon ist ihm geblieben – ausser dem Label «Gangster Cop». Als im Jahr 2014 die Dokumentation «The Seven Five» erscheint, die den Skandal des 75. Polizeibezirks anhand von Archivmaterial und Interviews mit Dowd und seinen ExkollegInnen rekonstruiert, steht er für einige Monate wieder im Mittelpunkt. TV-Auftritte, roter Teppich, das gefällt ihm, auch wenn er für den Film keine Gage bekommen hat. Jetzt hofft er, dass Sony aus seinem Leben einen Kinofilm macht. Die Rechte hat er sich schon vor Jahren gesichert, Mark Wahlberg soll die Hauptrolle übernehmen. Hollywood, das würde gut zu seinem Selbstverständnis passen.

Dowd setzt den Blinker. «Hier musste ich eine halbe Stunde Patrouille fahren, damit mein Kollege Chicky das Geld aus der Wohnung holen konnte», sagt er und zeigt auf ein altes Backsteinhaus. Ein paar Blocks weiter geht er vom Gas, als er an einem unscheinbaren Flachbau entlangfährt. «Das Elektrogeschäft Auto Sound City gehörte Baron Perez, von hier aus hat er seine Drogengeschäfte organisiert», sagt Dowd. Vorne wurden CD-Player verkauft, im Hinterzimmer «die Kilos gestapelt». Szenen wie aus einem Filmskript. Dowd klingt stolz.

Schmiergeld und Diebstahl

Michael Dowds Familie kommt aus Brooklyn, der Vater Feuerwehrmann, die Mutter Hausfrau, er das dritte von sieben Kindern. Nach der Schule bewirbt er sich bei Feuerwehr und Polizei. «Ich wollte meine Freundin heiraten und brauchte deshalb einen sicheren Job», sagt er. Die Zusage von der Polizei kommt zuerst. Dowd ist zwanzig, als er 1982 beim New York Police Department (NYPD) beginnt. Rund 1900 US-Dollar pro Monat habe er damals verdient – für einen Job, in dem man «ständig angeschrien und angespuckt» werde, einen «Roboterjob».

Mitte der achtziger Jahre erreicht die Crackepidemie in Brooklyn ihren Höhepunkt, Polizei und Abhängige bekriegen sich, «ein Blutbad», sagt Dowd. Er fühlt sich nicht geschätzt, ist sauer, «dass die Punks da draussen mehr Geld hatten als ich», er verspürt Neid. Warum erzählt er das? Will er Absolution?

«Du bist kein Cop, du verstehst das nicht», antwortet Dowd genervt. Wenn er böse ist, zieht er die Oberlippe über die Zähne.

Schmiergeld, Diebstahl – was als Ausnahme beginnt, wird bald zur Methode. Das Leben des Polizisten entwickelt sich zum Rausch: Die Macht wird zur Sucht. Das Geld wird zur Sucht. Und auch das Koks. «Du bist in der Mitte eines Sturms und machst einfach weiter», sagt Dowd.

Sein Ruf spricht sich im Polizeibezirk herum, weshalb Dowds Kollege Ken «Kenny» Eurell zunächst nichts davon hält, als er mit ihm auf Streife soll. Doch die beiden jungen Männer freunden sich an, werden 1987 ein festes Team, Cops und Gangster – auch wenn Eurell, im Gegensatz zu Dowd, Skrupel verspürt. In «The Seven Five» erinnert sich Eurell, wie er damals dachte: «Vor zwei Monaten war ich ein normaler Cop. Jetzt bin ich ein Krimineller.»

Dowd hingegen entwickelt ein System ohne Bedenken, ohne Hemmungen, dafür getragen von unendlicher Hybris. Die Gefahr, aufzufliegen, sei überschaubar, dachte er damals. «Polizisten verraten einander nicht», sagt er. «Denn alle wissen, dass Ratten ganz unten in der Hierarchie stehen.» Und falls einer Mist baut? «Immer die Aussage des Kollegen bestätigen.» Ganz einfach.

Dowds Fall ist einzigartig, seine Skrupellosigkeit spektakulär. Die Macht der Polizei sei aber ein grundsätzliches Problem, das sagt er selbst. «Wenn wir jemanden unbedingt verhaften wollten, haben wir schon einen Grund gefunden.»

Im Auto konzentriert sich Dowd mehr auf das Leben am Seitenrand als auf den Verkehr. Einmal muss er das Lenkrad herumreissen, um nicht in eine Mittelinsel zu knallen. «Kenny und ich haben dann irgendwann die Drogenbosse der Stadt kennengelernt», erzählt Dowd. Chelo, den Kopf der Compania, Baron Perez von Auto City Sound. Und Adam Diaz, einen dominikanischen Gangleader, der mit seiner Diaz Organization über kleine Supermärkte den Kokainverkauf steuert. Ende der achtziger Jahre kostet ein Kilogramm davon 34 000 US-Dollar; Diaz verkauft rund 300 Kilo pro Woche. Dowd verrät Diaz geplante Razzien und kassiert dafür.

Als 1986 mehrere Beamte des benachbarten Polizeibezirks wegen Korruption auffliegen, quittieren auch einige von Dowds Mittätern den Dienst. Dowd macht weiter, «weil die Polizei bestimmt nicht noch einen Skandal wollte», wie er sagt. Der Cop kauft sich eine Wohnung auf Long Island, später einen roten Chevrolet Corvette, den er trotz Warnungen seiner Frau auch vor der Wache parkt. Dass ein solches Auto nicht zum PolizistInnengehalt passt, verdrängt er.

Lässig kurbelt Dowd den SUV in eine Parklücke. Aber als er sich dann zum ersten Mal nach 25 Jahren seinem alten Dienstgebäude nähert, wird der Macho plötzlich kleinlaut. «Wollen wir da wirklich rein?», fragt Dowd, bremst seine Schritte, bleibt schliesslich am Garten vor dem Gebäude stehen. Den gab es seinerzeit noch nicht. «Das ist ja süss», spottet er, aber es wirkt, als wolle er nur von seiner Unsicherheit ablenken. Dann traut er sich. In der Tür nicken ihm zwei Polizisten zu, als würden sie ihn wiedererkennen, vielleicht aus dem Dokumentarfilm. Dowd schleicht durch den Eingangsbereich, flüstert fast, nach zwei, drei Minuten steht er wieder in der Tür. Lieber zurück zum Auto.

Mittagspause im Lindenwood Diner. «Hey Mike», sagt der Kellner, Dowd grinst. Er hat sich wieder gefangen. Während er einen Burger verschlingt, spricht er über seine Pläne, erzählt von Reden, die er an Universitäten gehalten habe, berichtet, wie er das NYPD zum Thema Korruption beriet. Auf seiner Website präsentiert sich Dowd in rosafarbenem Ralph-Lauren-Hemd oder mit Zigarre im Mund. Seine Autobiografie soll irgendwann erscheinen, er will eine Zigarrenfirma gründen, eine Polizeiradioshow, das wäre doch auch schön …

Wenig Konkretes, viel «soll» und «kann» und «will». «Ich bin eine Marke, das sollte Geld bringen», sagt er. Für ihn sei es nur logisch, dass zwei Produzenten an einem Spielfilm über sein Leben arbeiteten. Dowd brüllt jetzt fast: «Der Film ‹Good Fellas› ist nichts gegen mich!» Alle sollen wissen, wie wild sein Leben war.

Einen «Ganoven, der zufällig in einer Polizeiuniform gelandet ist», nennt ihn Mike Troster, einer der führenden Ermittler der US-Drogenvollzugsbehörde. Vor ihrer Verhaftung tragen Dowd und Eurell das erbeutete Bargeld nach Atlantic City, ins Casinodorf von New Jersey, wechseln es dort in Spielchips und dann zurück in saubere Scheine. «Ich habe mich in dieser Zeit wie Gott gefühlt», sagt Dowd. Manchmal vergisst er, die mickrigen Gehaltschecks des NYPD einzulösen.

Anfang der neunziger Jahre häufen sich die Beschwerden. Die Polizei hört Telefonate ab. Im Juli 1991 werden Dowd und Eurell festgenommen, kommen aber gegen Kaution frei. Der Plan, den sie dann schmieden, offenbart die ganze Manie. Sie wollen die Frau eines kolumbianischen Drogenbarons kidnappen, Geld erpressen und dann nach Nicaragua flüchten. Am Ende verrät Eurell das Vorhaben der Polizei, um seine eigene Haut zu retten.

Das Gerichtsverfahren wird zum Spektakel. Wie viele Straftaten er in seiner Dienstzeit begangen habe, fragt der Richter. Dowd, zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt, seufzt, blickt zur Seite, spielt mit der Zunge. «Hunderte.» Ob er sich als Drogendealer oder als Polizist betrachte? Wieder sekundenlanges Schweigen, im Saal sitzt auch sein weinender Vater Jack, die Kameras laufen, dann neigt sich Dowd zu seinem Anwalt und murmelt schliesslich: «Beides.»

Dowd wird zu vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt, Kollege Kenny bleibt nach seinem Deal mit den Ermittlern verschont. «In gewisser Weise war es auch befreiend. Ich konnte endlich mal die Wahrheit sagen», sagt Dowd heute. Er verbringt zwölfeinhalb Jahre in verschiedenen Gefängnissen. Treibt Sport, liest, ist Einzelgänger. Seine Frau lässt sich scheiden, zu ihr und seinen zwei Söhnen hat er heute sporadischen Kontakt.

Ein Maskottchen vor dem Supermarkt

Auf seiner Website schreibt Dowd, dass er auf dem «Weg zur Erlösung» sei, und es scheint, als müsste er vor allem sich selbst davon überzeugen. Im vergangenen Jahr lernte Dowd über Twitter eine Frau kennen. Am 30. Dezember 2016 wurde die Polizei nach Long Island gerufen, es hiess, er habe seine Bekanntschaft gewürgt. Dowd verbrachte eine Woche im Gefängnis. Im April und Mai soll er das gerichtliche Kontaktverbot gebrochen haben, im Juli steht er vor Gericht. «Ich werde nicht fair behandelt, aufgrund meiner Vergangenheit.» Er gefällt sich in der Rolle des Opfers.

Eine Station auf dieser Fahrt ist ihm besonders wichtig: der Supermarkt, der damals als zentraler Drogenumschlagplatz fungierte. Dowd parkt sein Auto, geht zum Kofferraum und steht plötzlich mit nacktem Oberkörper auf dem Trottoir. Er kramt ein T-Shirt mit der Aufschrift «The Seven Five» hervor und zieht es über. Michael Dowd sieht jetzt aus wie sein eigenes Maskottchen.

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