Nr. 44/2017 vom 02.11.2017

Gegen den medialen Müll

Unterhaltsame Polemik, starke Analysen: Die 1957 in Hamburg gegründete Zeitschrift «konkret» bezieht bis heute kontroverse Positionen.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

«Die Wahrheit ist immer konkret», heisst es bei Lenin. Und weil das ein schlauer Satz ist, hat sich die in Hamburg erscheinende Zeitschrift «konkret» das philosophische Bonmot des russischen Revolutionärs für Marketingzwecke zu eigen gemacht. Im Onlineshop des linken Monatsmagazins, das dieser Tage sein 60. Jubiläum feiert, wird ein rot-schwarzer Schal, den das Lenin-Zitat ziert, für vierzig Euro feilgeboten – nicht gerade ein Schnäppchen, aber vermutlich verkaufen sich Modeaccessoires mit Lenin-Sprüchen drauf sowieso immer prächtig.

Keine True-Crime-Storys

Das Bekenntnis zum Konkreten, das die Zeitschrift im Namen trägt, könnte auf ein Faible fürs Augenfällige schliessen lassen, was allerdings ein Irrtum wäre: Pulsierende Reportagen oder gar schrille True-Crime-Storys sucht man vergebens. Stattdessen besteht eine typische «konkret»-Ausgabe überwiegend aus Analysen des politischen und kulturellen Betriebs. Das mag nach einer eher trockenen Angelegenheit klingen – was es auch wäre, wenn die ätzende Polemik der AutorInnen nicht so wunderbar unterhaltsam wäre. Vor allem aber gilt, dass man nach der Lektüre eines neuen «konkret»-Hefts immer ein bisschen klüger ist als zuvor.

So dürften LeserInnen, die die Zeitschrift in den vergangenen Jahren verfolgt haben, kaum vom derzeit allseits bestaunten Rechtsruck in der Bundesrepublik überrascht sein. Seit Jahren schon dokumentiert «konkret» penibel, wie grosse Teile der deutschen Gesellschaft – darunter die politische und mediale «Elite» – dumpf-nationalistische Ressentiments kultivieren; wie irrwitzig deswegen das in Deutschland verbreitete Selbstbild ist, nicht nur im Fussball und beim Automobilexport Weltmeisterliches zu leisten, sondern auch in Sachen «Geschichtsbewältigung»; und wie lange schon Intellektuelle (von Ernst Nolte über Martin Walser bis Peter Sloterdijk) und massenmediale Erzeugnisse (etwa das öffentlich-rechtliche «Geschichtsfernsehen») einer Entwicklung den Weg bahnen, die ihren bisherigen Tiefpunkt vor ein paar Wochen mit dem Einzug der AfD ins Parlament erreicht hat. «Nazis im Bundestag» lautet denn auch der Titel der eben erschienenen Jubiläumsausgabe.

«konkret» ging im Herbst 1957 aus dem von Klaus Rainer Röhl gegründeten «Studentenkurier» hervor. In den Anfangsjahren bezuschusste die DDR das Magazin, während der Studentenrevolte wurde es dann zu einem wichtigen Organ der ausserparlamentarischen Linken. Damals arbeitete auch die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, die mit Röhl verheiratet war, für «konkret».

Pfiffig und kritisch

Um 1970 herum geriet das Magazin in finanzielle Schwierigkeiten, denen Röhl mit dem pfiffigen Einfall begegnete, die Auflage mit Nacktfotos sowie investigativen Geschichten über ausgefallene Sexpraktiken in deutschen Schlafzimmern zu steigern. Damit war Schluss, als Hermann L. Gremliza, der zuvor beim «Spiegel» gearbeitet und das ebenfalls in Hamburg ansässige Nachrichtenmagazin nach einem Streit mit dessen Herausgeber Rudolf Augstein verlassen hatte, 1974 die Leitung des Blattes übernahm. Gremliza zählt zu den herausragendsten PolemikerInnen des deutschen Sprachraums, bis heute eröffnet sein politischer Kommentar jede «konkret»-Ausgabe. Dazu kommt die Kolumne «Gremlizas Express», in der sich der Herausgeber dem sprachlichen und gedanklichen Müll widmet, den der mediale Diskurs hervorbringt.

Die Liste der AutorInnen, die in all den Jahren für «konkret» geschrieben haben, ist beeindruckend – zu ihnen zählen etwa Jean Améry, Simone de Beauvoir, Heinrich Böll, Elfriede Jelinek und Peter Hacks. Dabei blieb «konkret» stets auf Kriegsfuss mit den schon von Karl Marx und Friedrich Engels angeprangerten «deutschen Zuständen», was erst recht gilt für die Zeit nach dem Fall der Mauer und dem Aufstieg der «Berliner Republik» zur europäischen Hegemonialmacht.

Oft bezog die Zeitschrift Positionen, die auch innerhalb der Linken kontrovers waren, etwa hinsichtlich des Nahostkonflikts oder der US-Kriege gegen den Irak. Nie aber versumpfte sie im Sektierertum. Ein Glück. Denn jetzt, da alle Welt plötzlich unbedingt mit Rechtsradikalen reden will, kann man sich so immerhin noch mit dem Lesen von «konkret» trösten, wo man auf derart komische Ideen gewiss so schnell nicht kommen wird.

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