Nr. 09/2006 vom 02.03.2006

Sauber, Tod und Teufel

Werner Sauber Der Bruder des ehemaligen Formel-1-Rennstallbesitzers Peter Sauber agierte im Umfeld einer bewaffneten politischen Bewegung und wurde 1975 in Köln von der Polizei erschossen. Die Geschichte eines Mannes, der loszog für die Revolution.

Von Daniel Ryser

An einem schönen Donnerstag

Es hatte grad getaut

Da wurde Peter Lorenz

Aus Zehlendorf geklaut

Und er kam gleich in die Kiste

Und allmählich wurd ihm klar

Dass er nun ein Gefangener

Des 2. Juni war

Hey hey hey

«Lorenz-Lied», anonym

Peter Sauber ist «Schweizer des Jahres». Sein Bruder wäre es nicht geworden. «Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ist unser aller Geschichte politisch austauschbar», heisst es in einem zeitgenössischen Nachruf auf Werner Sauber. «Geboren 1947 in Zürich, Elternhaus Schweizer Kapitalisten, Schule, erste Arbeiten als Fotograf und Filmemacher. Werner kam 1967 mit 20 Jahren nach Berlin. Das war kurz nach dem 2. Juni und dem Tod von Benno Ohnesorg. Für viele war dieses Datum ein Wendepunkt in der eigenen Geschichte.»

Die Erschiessung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 durch

Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras am Rande der Demonstration gegen den Schah von Persien gab der Bewegung 2. Juni ihren Namen. Sie verstand sich als «bewaffneter Arm der Linken». Mitgründer Ralf Reindes sagt 25 Jahre später: «Der Name der Bewegung 2. Juni wird immer darauf hinweisen, dass sie zuerst geschossen haben. Das ist bis heute so. Jedes Mal, wenn jemand etwas zur Bewegung 2. Juni sagt, wird auch erwähnt, dass am 2. Juni Benno Ohnesorg von den Bullen erschossen wurde.»

Mit der Reise nach Berlin ändert sich für Werner Sauber alles. Eigentlich ist er von Zollikon hierher gekommen, um an der 1966 gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Film zu studieren. Bereits in der Schweiz hatte er an Filmprojekten gearbeitet. Sein Experimentalkurzfilm «Innen ist aussen» wurde 1967 an den zweiten Solothurner Filmtagen gezeigt.

1968 brodelt Berlin. Nach dem Massaker von My Lai in Südvietnam, bei dem 500 ZivilistInnen von der US-Armee ermordet werden, fliegen am 3. April 1968 zwei Brandsätze in ein Kaufhaus in der Frankfurter Innenstadt. Es ist die Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion (RAF). Eine Woche später schiesst der Rechtsextremist Josef Bachmann Studentenführer Rudi Dutschke in den Kopf. In Westberlin kommt es zu den bisher grössten und militantesten Demonstrationen. Unter dem Motto «Bild hat mitgeschossen!» wird die Auslieferung der «Bild-Zeitung» verhindert. In Frankreich kommt es zu den schweren Unruhen des Mai 1968 mit mehreren Toten.

Sauber studiert ein Jahr unter Wolfgang Petersen und Harun Farocki und gemeinsam mit dem späteren RAF-Mitglied Holger Meins. Petersen dreht später «Die unendliche Geschichte» und «Das Boot» und in Hollywood Filme mit Clint Eastwood, Dustin Hoffmann, George Clooney. Farocki wird Dozent an der Filmakademie und Dokumentarfilmer von internationalem Ruf. 1969 hatten Farocki und die Regisseurin Helke Sander mit dem Film «Brecht die Macht der Manipulateure» auf sich aufmerksam gemacht. Der Höhepunkt des Films: Mit einem Kameramann schleichen sie sich in Schlips und Anzug beim Presseball ein, attackieren Axel Springer und werden aus dem Saal gejagt. Axel Springer, der «Manipulateur», ist Verleger der «Bild-Zeitung», die Hetzkampagnen gegen die Studentenszene führt.

Als Schriftsteller Heinrich Böll eine sachliche Berichterstattung gegenüber der RAF fordert, wird auch er Opfer einer Springer-Kampagne. «Bild» titelt: «Die Bölls sind gefährlicher als Baader-Meinhof.» Böll schreibt darauf das Buch «Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann». Das Buch prangert den Machtmissbrauch der Boulevardpresse an. In einem Interview sagt Böll: «Die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen.»

«Der einsame Wanderer»

Als Student bewundert Harun Farocki den jüngeren Werner Sauber für seine Produktionen. «Sein Film ‹Der einsame Wanderer› ist einer der schönsten, die damals an der Akademie entstanden sind. Die stilistischen Einfälle, die Stilsicherheit sind erstaunlich für einen damals 22-Jährigen», sagt Farocki heute. Auch der Schweizer Architekt und Informatiker Daniel De Roulet hat in seinem Buch «Double», in dem er seine Freundschaft zu Werner Sauber thematisiert, den Film beschrieben: «‹Der einsame Wanderer› ist die Geschichte eines jungen Mannes, der zunächst in einem Kloster um Aufnahme bittet, dann in einem Schloss, das von einem grossen Park umgeben ist. In wunderschönen Bildern wird eine Stimmung von tödlichem Schwermut heraufbeschworen. Der Schlossherr peitscht einen Porzellanhund aus, der Wanderer spielt alleine Domino, bis die Steine sich zu einem Kreuz zusammenfügen. Langsam rollt ein Rennwagen vorbei (einer, wie ihn Werners Bruder fährt). Die Szenen gehen ohne konkrete Handlung ineinander über, begleitet von der klagenden Geige aus ‹Der Tod und das Mädchen›.»

«Langsam rollt ein Rennwagen vorbei (einer, wie ihn Werners Bruder fährt).» Nur ein Nebensatz: Werner Sauber ist der jüngere Bruder von Peter Sauber, der später als Formel-1-Rennstallbesitzer berühmt wird. Auch für diesen ist das Jahr 1967 wegweisend: Er kauft seinen ersten Rennwagen, einen getunten VW Käfer. 1970 wird er in einem selbst gebauten Rennauto Schweizer Meister. 1993 steigt er in die Formel 1 ein. 2006 wird Peter Sauber zum «Schweizer des Jahres» gewählt, nachdem er sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat. Die «Schweizer Illustrierte» präsentiert am 16. Januar 2006 den Schweizer des Jahres: «Seine Familie, seine Karriere». Kein Wort von Werner. Peter Sauber wurde in der Vergangenheit von StudentInnen der Deutschen Filmakademie sowie von einem Magazin angefragt, ob er sich zu seinem Bruder äussern möge. Er lehnte ab. Aus persönlichen und geschäftlichen Gründen wolle er sich auch heute noch nicht zu diesem Thema äussern, sagt er gegenüber der WOZ.

Daniel De Roulet hat Werner Sauber seinen Roman «Double» gewidmet. Auch Saubers damalige Freundin Ulrike Edschmid widmet ihm ihr Buch «Frau mit Waffe», das die Lebenswege von Katharina de Fries und Astrid Proll nachzeichnet. Beide wurden, wie Werner Sauber, in der Öffentlichkeit als «Terroristen» gebrandmarkt. «Begriffe aber vernichten die Geschichte des einzelnen Menschen», schreibt Edschmid im Vorwort. Und dann: «Das Buch entstand in Erinnerung an Philipp W. Sauber, den Gefährten jener Jahre, der die Zeit nicht überlebt hat.»

In De Roulets Buch heisst Werner Leo. Bei Edschmid heisst er Philipp. Das waren Werners Decknamen. Leo und Philipp. Daniel De Roulet hat erst von Fahndungsplakaten erfahren, wie sein Freund mit richtigem Namen hiess.

Saubers Studentenkarriere an der Filmakademie endet im November 1968, als er zusammen mit Holger Meins, Harun Farocki und fünfzehn MitstudentInnen das Büro des Geschäftsführers besetzt. Der Kampf um Ausbildungsziele war eskaliert. Sie fliegen raus. Später spricht ihnen ein Gericht finanzielle Entschädigung zu. Sauber wohnt mit Ulrike Edschmid und Holger Meins an der Grunewaldstrasse 88, der Kommune 88, einem Zentrum der Berliner Studentenbewegung. Später beziehen auch Rio Reiser und seine Band Ton Steine Scherben dort Quartier.

Hier entsteht einer der beiden ersten Kinderläden Berlins. Sauber ist massgeblich an diesem alternativen, selbstverwalteten Kinderhort beteiligt. «Es war damals fast unmöglich, in den wenigen staatlichen Kindergärten einen Platz zu kriegen», sagt Ulrike Edschmid. «Die Frauen sollten zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen.» Das ändert sich nun. In den siebziger Jahren wird es in Berlin rund 270 solcher nun vom Senat geförderter Kinderläden geben. Saubers Interesse an Kindern kommt nicht von ungefähr: Er kümmert sich oft um den Sohn seiner Freundin Ulrike Edschmid.

Das Klima in Berlin wird härter. Eine Chronik des ID-Verlags zeigt die Dimension der Aktivitäten des militanten Untergrunds auf: «Vom 31.12.67 bis 6.2.71 kommt es allein in West-Berlin zu zirka siebzig Brand-, Sprengstoff- und Knallkörperanschlägen von kleinen militanten Gruppen (Tupamaros Westberlin, Haschrebellen, Schwarze Ratten, Schwarze Front) auf US-amerikanische Einrichtungen, die sich gegen den Vernichtungskrieg in Vietnam richten.» Teile der oben genannten Gruppen werden sich im Januar 1972 zur Bewegung 2. Juni zusammenschliessen. Im August 1970 wird aus einem vorbeifahrenden Mercedes, der Holger Meins gehört, eine Rohrbombe unter einen Polizeiwagen geworfen. Die Bombe explodiert, der Polizeiwagen wird beschädigt. Holger Meins hat ein Alibi. Er stellt sich der Polizei. Der Schlüssel seines Wagens hing an einem Schlüsselbrett in der Kommune 88. «Werner und ich wussten, dass er unschuldig war, da wir an jenem Abend mit ihm zusammen waren», sagt Ulrike Edschmid. «Nachdem wir als Zeugen für Holger Meins ausgesagt hatten, wurden wir ebenfalls verhaftet.» Obwohl sie ein Alibi haben, sitzen sie vier Wochen in Isolationshaft. Dann wird der richtige Täter verhaftet. Meins, Sauber und Edschmid erhalten Haftentschädigung. Die Presse interessiert sich nicht für solche Details. «Bild» schreibt über die Freigelassenen: «Bombenbauer!» Seit dieser Verhaftung gilt Sauber als «Bombenspezialist der Baader-Meinhof-Bande». «Die Lügen vom Bombenbauer-Sauber basieren auf dieser Verhaftungsgeschichte», sagt Edschmid. «Ich sage nicht, dass Werner Sauber nichts getan hat. Ein Bombenbauer war er aber erwiesenermassen nicht. Die Presse hat sich für die Wahrheit nicht interessiert.» Edschmid versucht mit dem Rechtsanwalt und heutigen grünen Politiker Christian Ströbele gegen «Bild» einen Musterprozess anzustreben wegen Verleumdung. Aber: «Uns fehlte das Geld.»

Nach seiner Haftentlassung dreht Sauber den Film «Reisst die Mauern ein - holt die Menschen raus». Es ist ein Film gegen Gefängnisse und gegen die Isolationshaft. Er wird 1971, anlässlich der Verhaftung des Rechtsanwaltes und RAF-Mitgründers Horst Mahler, im Audimax der Technischen Universität Berlin gezeigt. Der «Tagesspiegel» nennt ihn einen «Terrorfilm». Horst Mahler ist heute Anwalt der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) und gilt als Vordenker der rechtsextremen Szene Deutschlands. In den siebziger Jahren aber ist Mahler ein radikaler Linker und verteidigt mutmassliche TerroristInnen, die später in Stammheim ihr eigenes Gefängnis bekommen und darin sterben. 1971 sitzt Mahler selbst im Gefängnis, weil ihm vorgeworfen wird, er habe die gewaltsame Befreiung des RAF-Gründers Andreas Baader geplant und durchgeführt. 1972 wird er - vor Gericht vertreten von Otto Schily, dem späteren Bundesinnenminister unter Gerhard Schröder - aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Der Tote an der Bändlistrasse

«Wir sollten ein solidarisierendes Lied schreiben», sagt Gert Möbius, damaliger Manager von Ton Steine Scherben und Bruder des 1996 verstorbenen Sängers Rio Reiser. Die Scherben schreiben für Werner Saubers Film ihr Gefangenenlied «Der Kampf geht weiter». Darin heisst es:

Wie viel sind hinter Gittern, die die Freiheit wollen? Wie viel sind hinter Gittern, die wir draussen brauchen? Wie viel sind hinter Gittern nach dem Gesetz? Wie viel liegen in der Sonne und betrügen die Welt? Fahren dicke Autos von unserem Geld? Und ihr hinter Gittern, gebt die Hoffnung nicht auf! Eure Richter sind feige, eure Wächter sind gekauft! Ihr seid die Gefangenen im Klassenkampf, dem Kampf um unsere Zukunft und für unser Land.

Am 25. April 1972 springt ein 19-jähriger Mann im LSD-Rausch aus dem dritten Stock eines Hauses an der Bändlistrasse in Zürich. Die Polizei findet in der Wohnung ein Labor zur Herstellung von Sprengstoff und anarchistische Schriften. 41 Personen werden verhaftet. 91 Straftaten mit einem Deliktbetrag von rund 122 000 Franken werden ihnen zur Last gelegt, die Vorwürfe reichen von Sprengstoffdelikten über Brandstiftung bis zur illegalen Ausfuhr von Waffen. Die «Gruppe Bändlistrasse» sei ein Pendant zur RAF in Deutschland. Später wird ein damals dreissigjähriger Betriebsleiter, der in Zusammenhang mit der «Bändlistrasse» verhaftet wurde, Werner Sauber beschuldigen, Waffen in die Schweiz geschmuggelt zu haben. Die NZZ schreibt nach Prozessbeginn gegen die Schweizer AnarchistInnen von Verbindungen der «Gruppe Bändlistrasse» zur «Baader-Meinhof-Bande». Sie erfindet in einer Ausgabe von 1974 die «Sauber-Edschmid-Gruppe», eine «Berliner Anarchistengruppe, die man für zahlreiche Bombenanschläge verantwortlich hielt».

Hat Sauber Waffen geschmuggelt? Beweise gibt es nicht. Vermutlich hat er aber einmal ein Waffendepot angelegt. Das geht aus einem im ID-Verlag erschienenen Interviewband hervor, in dem die 2.-Juni-Mitgründer Ralf Reinders, Roland Fritzsch und Fritz Teufel über Aktionen der Bewegung sprechen. Auffallend ist, dass der Name Sauber auf 180 Seiten nur ein einziges Mal Erwähnung findet. Reinders/Fritzsch: «Im Knast haben wir mal eine Anfrage gekriegt, wo wir was verbuddelt haben. Das erklär mal, wenn das irgendwo im Wald ist. Wir hatten früher selbst schon mal nach einem alten Depot gesucht, das unser Schweizer Kollege, der Säuberli, angelegt hatte. Da haben wir gebuddelt und waren so tief, dass wir schon aufgeben wollten. Aber wir sagten uns, das ist ein Schweizer, lasst uns weiter buddeln. Und tatsächlich, wir dachten schon, jetzt kommt das Grundwasser, da kam das Zeug endlich zum Vorschein. Der war halt sehr ordentlich, der Säuberli.»

«Während des Studiums hat Sauber die Filmerei ästhetisch verstanden und nicht politisch», sagt Harun Farocki. Sauber habe ‹Herr der Ringe› von Tolkien verfilmen wollen. «Der Schritt in die Militanz hat mich überrascht. Aber damals passierte so vieles. Leute radikalisierten sich plötzlich, zum Beispiel durch Isolationshaft. Oder den Krieg in Vietnam. Plötzlich verschwanden Freunde nach Indien.» Gert Möbius ist überzeugt, dass es für Werner Sauber nach der Isolationshaft kein Zurück mehr gab. «Die Haftbedingungen haben viele agitiert», sagt er. «Sauber zog den fatalen Schluss: Da geh ich nie wieder rein.» Die Hoffnung auf einen fairen Prozess habe es nicht gegeben, sagt Daniel De Roulet. «Damals sassen ja in Berlin Menschen unschuldig ein Jahr lang in Untersuchungshaft. Es war unmöglich geworden, sich zu stellen.»

«Diese Person ist bewaffnet»

Sauber sei ein ruhiger, freundlicher und sensibler Typ gewesen, sagt Möbius. «Einen Bart hat er gehabt, und gross war er. Dann konnte er plötzlich laut lachen.» Er habe ihn vor allem vom Kinderladen gekannt. «Meine Freundin arbeitete dort als Kindergärtnerin. Sauber war hier sehr engagiert. Das war für ihn der gelebte Gegenentwurf zum autoritären Staat. Das alles passte gar nicht zum Bild, das dann von ihm auf den Fahndungsplakaten gezeichnet wurde.» Dort steht unter «Werner Sauber, Schweizer Staatsbürger»: «Achtung. Gefahr. Diese Person ist bewaffnet und wird nicht zögern, das Feuer gegen Sie zu eröffnen.»

Ein anderer, der bis zum bitteren Ende einen ähnlichen Weg gegangen ist wie Werner Sauber, war Peter-Paul Zahl, der mit dem Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff Mitglied der Autorenvereinigung Gruppe 61 war und Ende der sechziger Jahre in Berlin eine Literaturzeitschrift veröffentlicht. Er druckt später auch die Zeitschrift «883», die Holger Meins, Ulrike Edschmid und Werner Sauber zu jener Zeit herausgeben. «Er war der Einzige, bei dem ich noch überraschter war als bei Sauber, sein Gesicht auf Fahndungsplakaten wiederzusehen», sagt Möbius. «Zahl war ein bürgerlicher Schriftsteller mit Frau und Kind, der bürgerliche Gedichte schrieb. Dann kam der Bruch, und plötzlich wurde er als Terrorist gesucht.» Zahl, ein Freund Saubers, wird Mitglied einer Gruppe namens «Up against the wall, motherfuckers», die sich darauf spezialisiert, schwarzen GIs die Flucht aus Berliner Kasernen nach Schweden zu ermöglichen. 1972 schiesst Zahl bei einer Polizeikontrolle auf Polizisten und verletzt einen davon schwer. Er sitzt bis 1982 im Gefängnis. Zahl lebt heute als Schriftsteller in Jamaika. 1995 erhielt er den Glauser-Autorenpreis. Seit kurzem vermietet er «Ferienhäuschen in Longbay, Portland, Jamaika. Hier sagen sich die Mungos und Kolibris gute Nacht, hier stört sie nichts.»

«Sauber kam zum Schluss, dass mit Kunst keine Revolution zu machen ist», sagt Daniel De Roulet. «Die Idee einer Gegenkultur existierte nicht. Es setzte sich die Meinung durch, dass Kunst immer nur ein Herrschaftsinstrument ist.» Sauber gibt die Filmerei auf. Wenn es Filme noch brauche, dann solche wie «Reisst die Mauern ein - holt die Menschen raus». Oder den von Holger Meins, der am 1. Februar 1969 beim «Springertribunal» gezeigt wurde: «Wie baue ich einen Molotow-Cocktail?» Harun Farocki konstatiert, Sauber sei hin- und hergerissen gewesen zwischen «ästhetischer Bestimmung und politischem Anspruch».

Inzwischen wird Sauber auch durch den 2.-Juni-Aussteiger Heinz Brockmann belastet. De Roulet schreibt in «Double»: «Den Aussagen zufolge soll er die Angestellten einer Bank in Schach gehalten haben, während andere das Geld erbeuteten. Einen Monat später soll er Tür und Schalterraum einer Sparkasse gesichert haben. Während Ralf 85 200 Deutsche Mark aus der Kasse holte und seine Freundin vergeblich die Öffnung der Tresore verlangte, soll Werner Bonbons an die Bankkunden verteilt haben, um ihnen klar zu machen, dass man es nur auf die Reichen abgesehen habe. Aufgrund dieser Geständnisse wird in einer grossangelegten steckbrieflichen Fahndung nach ihm gesucht.»

1978 erscheint im Rotbuch-Verlag das Buch «Ein ganz gewöhnlicher Mordprozess? Das politische Umfeld des Prozesses gegen Roland Otto, Karl Heinz Roth und Werner Sauber». Darin heisst es: «1971 verlässt Werner Sauber die Grunewaldstrasse und unterrichtet noch einige Zeit an der Hochschule für Bildende Künste im Bereich visueller Kommunikation. Dann folgt der sukzessive Rückzug. Es geschieht das, was man mit so vielen ehemals vertrauten Genossen erlebt hat: Man lebt zusammen, man trennt sich, man sieht sich noch manchmal, dann immer seltener und schliesslich gar nicht mehr. Und eines Morgens schlägt man die Zeitung auf, sieht die Fahndungsbilder und begreift und hofft nur noch aufs Überleben.» 1973 taucht Sauber ab.

Er nennt sich nun Klaus Dieter Tangermann. 1974 kommt er nach Köln, um in der Fabrik des Motorenherstellers Klöckner-Humboldt-Deutz zu arbeiten. «Wir wollten damals alle agitieren», sagt Daniel De Roulet. «Wir waren überzeugt, dass die Revolution kurz bevorstand.» Was er mit freundlichem Lächeln sagt, klingt militärisch: «Das Subjekt der Revolution war der Massenarbeiter aus dem Süden.» Sauber arbeitet Nachtschicht, tippt tagsüber auf einer Schreibmaschine revolutionäre Schriften. Er lernt den Kölner Arzt Karl Heinz Roth kennen. «Ich hatte soeben ein Buch über die ‹andere Arbeiterbewegung› veröffentlicht und unterstützte die Bestrebungen der militanten Arbeiterlinken», sagt Roth im Gespräch mit der WOZ. Roth ist heute Historiker und Mitarbeiter der Stiftung für Sozialgeschichte für historische Analysen des

20. und 21. Jahrhunderts in Bremen. Das Motto der Stiftung ist: «Die Kenntnis der Vergangenheit ist unverzichtbar für die Analyse der Gegenwart.» Es ist ein abgeändertes Zitat des US-amerikanischen Philosophen George Santayana. Santayana schrieb 1905 den Satz: «Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.» Wer die Geschichte nicht kennt, ist verurteilt, sie zu wiederholen.

Während Sauber in Köln bei Klöckner-Humboldt-Deutz nachts an der Stanze arbeitet und versucht, «Massenarbeiter» zu agitieren, stirbt sein vor längerem in Frankfurt verhafteter Freund Holger Meins am 9. November 1974 im Hungerstreik. Er protestierte gegen seine Haftbedingungen. Die Bilder vom ausgehungerten, auf die Knochen abgemagerten Meins gehen durch die Presse. «Wir waren alle zutiefst schockiert», sagt Harun Farocki. «Auch für Sauber müssen die Bilder ein Schock gewesen sein.» Einen Tag nach Meins Tod wird der Präsident des Berliner Kammergerichts, Günter von Drenkmann, bei einer missglückten Entführungsaktion von einem Kommando der Bewegung 2. Juni erschossen. Das Bekennerschreiben bezieht sich auf den Tod von Meins: «Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten.» Im April 1975 besetzt ein «Kommando Holger Meins» der RAF die deutsche Botschaft in Stockholm. Vier Menschen sterben.

Fünf Monate vor seinem Tod, im Januar 1975, veröffentlicht Sauber eine mehrseitige Analyse «zur Lage in den Betrieben und in den Ballungsräumen». Er fürchtet, dass «eine gegenwärtige Endstufe kapitalistischer Herrschaft erreicht ist», dass Verschärfungen in Betriebssituationen unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeiterviertel hätten mit nicht absehbaren gesellschaftlichen Folgen. «Die Familienzusammenführung, eine entscheidende Überlebensfrage der Emigranten, um nicht nur als Industriesklaven in Wohnbaracken zu vegetieren, wird durch Kindergeldkürzungen und Aufenthaltsbeschränkungen erschwert.» Auch jungen deutschen Arbeitern und Frauen werde zu verstehen gegeben, dass sie zum Ausschuss zählten. «Gegen die ausgebeuteten Schichten der Arbeiterklasse ist der Belagerungszustand verhängt, während sich die Lage der gesamten Arbeiterklasse zunehmend verschlechtert.» Die Regierung unter SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt lasse «den Knüppel aus dem Sack springen für eine neue imperialistische Grossmachtpolitik».

Es folgt die spektakulärste Aktion der Bewegung 2. Juni. Mitten im Wahlkampf wird am Morgen des 27. Februar 1975 der CDU-Spitzenkandidat für das Berliner Bürgermeisteramt, Peter Lorenz, auf dem Weg zur Arbeit entführt. Er verbringt fünf Tage im «Volksgefängnis der Bewegung 2. Juni». Im Austausch mit Lorenz kommen fünf politische Gefangene frei. Sie werden in den Jemen ausgeflogen. Es ist die einzige Entführung in Deutschland, die eine Befreiung von Gefangenen zur Folge hatte. Die Polizei vermutet, dass Werner Sauber daran beteiligt ist. Es bleibt bei Vermutungen. «Die Polizei verdächtigte Sauber, weil sie nicht wusste, wo er sich aufhielt», sagt Ulrike Edschmid. «Er lebte damals seit über zwei Jahren im Untergrund.» Gegen eine Beteiligung Saubers an der Entführung spricht der Umstand, dass er zur fraglichen Zeit in Köln arbeitet - fünf Stunden von Berlin entfernt. Die Stempelkarte entlastete ihn. Im Buch «Ein ganz gewöhnlicher Mordprozess?» heisst es später: «Niemand kann sich erklären, wie man in Berlin jemanden entführen kann, wenn man bei Klöckner-Humboldt-Deutz in Köln an der Stanze steht.»

Schüsse in Köln

Bis heute ist unklar, welche Rolle Werner Sauber in der Bewegung 2. Juni spielte. Klar hingegen ist, dass er nie Mitglied der RAF war, der «Baader-Meinhof-Bande», wie Medien berichteten.

Um 1.12 Uhr am 9. Mai 1975 geht bei der Kölner Polizei ein Anruf ein: Eine Anwohnerin will auf einem Parkplatz eines Supermarktes in Köln-Gremberg drei Männer beobachtet haben, die sich verdächtig benehmen. Sie hält die Männer für Autodiebe. Die «Autodiebe» sind Werner Sauber, Roland Otto und Karl Heinz Roth. «Wir trafen uns, weil ich einen Illegalen medizinisch untersuchen und behandeln sollte», sagt Roth. Kurz darauf treffen drei Streifenwagen auf dem Parkplatz ein. Die drei «Verdächtigen» sitzen inzwischen in Roths NSU-Prinz. Sauber und Otto, ein verurteilter Bankräuber, haben falsche Pässe, doch der Computer merkt nichts. Beim APO-Aktivisten Karl Heinz Roth meldet der Computer «Anarchist!». Die Polizisten ziehen ihre Waffen. Im Polizeibericht wird es später heissen: «Obwohl zwei Polizeibeamte mit gezogener und entsicherter Schusswaffe die Situation sicherten, riss der Beifahrer des NSU, Werner Sauber, plötzlich die Tür auf, sprang aus dem Wagen und feuerte zwei Schuss aus seiner Schusswaffe auf den Polizeibeamten Walter Pauli ab, der zu diesem Zeitpunkt bereits in unmittelbarer Nähe zum Pkw stand. Dieser erwiderte noch das Feuer, wobei er zusammenbrechend seine Waffe leer schoss.» Die Überlebenden widersprechen dieser Version vor Gericht und auch heute noch: Sauber sei losgerannt. Ein Polizist habe ihm in den Rücken geschossen. Sauber habe sich umgedreht und zurückgeschossen. «Auf ihn wurde das Feuer eröffnet, und er schoss zurück, bis er zusammenbrach und regelrecht hingerichtet wurde», sagt Karl Heinz Roth. «Dabei traf ein Querschläger Saubers auch mich, als ich aussteigen wollte, und zusätzlich schoss der hinter mir stehende Polizist auf mich. Werner war kein Polizistenmörder, er schoss erst, nachdem der Polizist auf ihn geschossen hatte.» Roth überlebt schwer verletzt. Otto, der auf dem Rücksitz sitzt, wird unverletzt verhaftet.

Polizist Pauli wollte nur kurz in Köln bleiben, um sich danach aufs Land versetzen zu lassen. Walter Pauli wird 22 Jahre alt. Werner Sauber wird 28 Jahre alt. Weil die Revolution nicht gekommen ist, wird nach Walter Pauli eine Strasse benannt und nach Werner Sauber gar nichts (ausser ein Grabstein auf dem Zürcher Friedhof Rehalp). Die Kölner Rundschau schreibt am Tag nach der Schiesserei: «Terroristen ermorden Kölner Beamten!» Und: «Mutmasslicher Lorenz-Entführer erschossen!» Roth wird diffamiert. Die Unschuldsvermutung kümmert die Presse nicht: «Tagsüber Arzt, nachts Terrorist!» («Kölner Rundschau»). «Bild»: «Unter der perfekten Maske des Samariters und Menschenfreundes zeigte sich die Fratze eines Extremisten, der über Leichen geht.» Und: «Der Terrorist aus der Nonnenklinik.» Der «Züri-Leu» schreibt eine Woche nach Saubers Tod: «In der geteilten Stadt kam Werner Sauber in Kontakt mit Terroristen und Anarchisten. Dies wurde ihm zum Verhängnis, insbesondere als er in die Kommune von Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel aufgenommen wurde. Der Millionärssohn aus Zürich wurde in Berlin endgültig zum Untergrundkämpfer gegen das herrschende kapitalistische System. Erst gründete er einen antiautoritären Kindergarten, sprengte dann aber schon bald einen Polizeiwagen in die Luft und beteiligte sich an Banküberfällen.»

Obwohl die Presse ihr Urteil bereits gefällt hat, werden Karl Heinz Roth und Roland Otto 1977 nach zwei Jahren Untersuchungshaft von der Anklage des vollendeten und versuchten Mordes freigesprochen. Ihre Anwälte beweisen, dass sie zu keinem Zeitpunkt zu schiessen versucht hatten. Die Bewegung 2. Juni veröffentlicht kurz nach Saubers Tod eine Erklärung: «Wir rufen euch zur praktischen Solidarität mit dem Internationalisten und antifaschistischen Kämpfer Werner Sauber auf, der in Köln von der Polizei erschossen worden ist. Der Genosse Werner Sauber hat in jahrelanger legaler und illegaler Arbeit unermüdlich den militanten und bewaffneten Kampf mitorganisiert. Wir und die ganze revolutionäre Bewegung in Europa haben einen starken Kämpfer verloren. Sein Tod trifft uns tief!»

Opfer der Hysterie

Werner Sauber stehe für viele, die im grossen Aufbruch der sechziger und siebziger Jahre untergegangen seien, sagt Karl Heinz Roth. «Ich hoffe, dass es eines Tages möglich sein wird, seine Geschichte und die Geschichte seiner Genossinnen und Genossen umfassend zu rekonstruieren.» Er wisse nicht, warum Sauber trotz der ausweglosen Situation zu fliehen versuchte, sagt Roth heute. «Nach jahrelangem Nachdenken kam ich zu der Auffassung, dass für ihn eine Gefangenschaft nicht in Frage kam. 1975 als Terrorist inhaftiert zu werden, war furchtbar. Ich habe diese Erfahrung dann in den folgenden zwei Jahren bis zu meinem Freispruch selbst gemacht.» Feinfühlig, sensibel, aber zugleich fest entschlossen sei Werner Sauber gewesen, sagt Roth. «Das Miterleben von konkreten Unterdrückungssituationen nach seiner Emigration nach Berlin machte aus ihm einen politischen Rebellen.»

Am 2. Juni 1980 erklärt die Bewegung 2. Juni ihre Auflösung. Kurz darauf werden im so genannten Lorenz-Drenkmann-Prozess mehrere Mitglieder der Bewegung zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, darunter Ralf Reinders (fünfzehn Jahre), Roland Fritzsch (dreizehn Jahre) und Fritz Teufel (fünf Jahre). Der Lorenz-Drenkmann-Prozess hätte auch der Prozess gegen Werner Sauber werden können.

Die Akte Werner Sauber liegt heute im Bundesarchiv in Bern. In Deutschland verweist das Bundeskriminalamt in Wiesbaden in der Sache Sauber an die Staatsanwaltschaft Berlin, und die Staatsanwaltschaft Berlin verweist an das Bundeskriminalamt in Wiesbaden oder das Landesarchiv Berlin.

Im Schreiben, mit dem die Rote Armee Fraktion 1998 ihre Auflösung bekannt gab, hat Werner Sauber einen Platz gefunden als einer von 26 Frauen und Männern, «an die wir heute besonders erinnern wollen, die sich dafür entschieden haben, im bewaffneten Kampf alles zu geben und in ihm gestorben sind.»

Rolf Gössner, Präsident der Internationalen Liga für Menschenrechte, kam 1990 in einer Studie der Universität Hamburg zum Thema «Terroristen und Richter» zum Schluss, «dass im Rahmen der Terroristenfahndung der siebziger Jahre viele der Todesopfer auf beiden Seiten, ohne die damit verbundenen spezifischen Fahndungsmethoden und -hysterien, mit grosser Wahrscheinlichkeit hätten vermieden werden können.»

Werner Sauber ist heute kaum noch fassbar. Die Familie schweigt. Im Unterschied zu Andreas Baader und Ulrike Meinhof wurde er durch seinen Tod nicht zu einer Identifikationsfigur des bewaffneten Kampfes in Deutschland. Er starb und verschwand. Die Meldungen von seinem Tod waren voller Fehler, die die Zeitungen voneinander abschrieben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Sauber, Tod und Teufel aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr