Nr. 44/2017 vom 02.11.2017

«Es ist eine riesige Wut entstanden»

Die grüne Politikerin Elena Marti hat im Zürcher Stadtparlament eine Solidaritätsnote für die katalanische Unabhängigkeitsbewegung verlesen. Ein Gespräch über die Heimat ihres Vaters und ein Land, das am Erbe der Franco-Diktatur zu zerbrechen droht.

Interview: Daniel Ryser

Elena Marti

WOZ: Frau Marti, Sie haben im Gemeinderat eine Rede gehalten zur Situation in Katalonien. Kein klassisches Stadtzürcher Thema. Wie kamen Sie dazu?
Elena Marti: Ich bin Katalanin. Und Schweizerin. Aber wenn ich das sage, fangen die Probleme schon an …

Wie meinen Sie das?
Ich will meine Herkunft nicht verleugnen, gleichzeitig habe ich keine Lust, ständig zu diskutieren. Wenn ich in einer Runde mit anderen Spaniern bin, die ich noch nicht kenne, bin ich anfangs immer leicht angespannt und dann froh, wenn man schliesslich einfach Schweizerdeutsch redet und die Herkunft ausklammert. Schauen Sie: Mein Vater stammt aus Barcelona, hat mit uns drei Kindern nur Katalanisch gesprochen, seine Muttersprache. Meine Mutter kommt aus Rümlang. Sie sprach Schweizerdeutsch mit uns. Spanisch spreche ich ziemlich schlecht. Es ist ein riesiger Affront, wenn ich einem Spanier sage: Ich bin Spanierin, spreche aber nur Katalanisch. Wenn ich in Barcelona auf der Strasse angesprochen werde und sage, ich spräche nur Katalanisch, denken die Leute, ich sei radikal. So wie meine Cousins.

Radikal wie Ihre Cousins?
Meine Cousins und Cousinen in Barcelona sprechen so wenig wie möglich Spanisch. Sie reden auch nicht gerne andere Sprachen. Sie finden es mega wichtig, dass man Katalanisch spricht – noch wichtiger als die Generation meines Vaters, die einen erheblichen Teil ihres Lebens unter Franco lebte. Damals sprach man in der Öffentlichkeit besser nicht Katalanisch, das war zu gefährlich. In meiner Generation ist eine riesige Wut auf Spanien entstanden. Meine Cousins würden nie sagen: Ich bin Spanier.

Was sagen Sie dann?
Dass sie Katalanen sind.

Woher kommt die Wut?
Während der Finanzkrise verkündete der spanische Bildungsminister, in der katalanischen Volksschule werde zu viel auf Katalanisch unterrichtet. Es müssten dringend und für viel Geld ganze Fächer umgekrempelt und auf Spanisch unterrichtet werden, hiess es. Das ist nur eines von vielen Beispielen: Man hat das Gefühl, Spanien drückt den Finger dauernd in die Wunde der im Bürgerkrieg verlorenen Unabhängigkeit. Nach dem Referendum vom Oktober marschierte die Guardia Civil, die spanische Militärpolizei, durch katalanische Dörfer und fotografierte alle Häuser, in denen Flaggen der Unabhängigkeit gehisst waren. In einem Land, in dem dieselbe Guardia Civil während der Franco-Diktatur Menschen verschwinden und ermorden liess, ist das eine Drohung: Wir wissen, wer ihr seid.

Wie sehr spielt in Ihren Augen die nie aufgearbeitete Diktatur eine Rolle in diesem Konflikt?
Mein Urgrossonkel hatte nur noch einen Arm, und ich erfuhr schon als Kind, dass er den im Bürgerkrieg verloren hatte, im Kampf gegen die Franquisten. Meine Onkel waren zwar spanisch getauft, hatten aber katalanische Rufnamen. Niemand rief sie bei ihren spanischen Taufnamen. Die katalanische Kultur und die Sprache waren unter Franco unterdrückt, verboten. «Anpassen, aufpassen», das war die Devise, und später, als alles vorbei war, sprach man nicht darüber, was typisch ist bei Leuten, die im Krieg waren. Doch meine katalanische Grossmutter, eine streng katholische und konservative Frau, meine Grosstanten, mein Onkel und seine Familie, die Familie eines verstorbenen Onkels, sie alle waren, seit ich denken kann, für die Unabhängigkeit. Es hat mich als Kind bei meinen Besuchen in Katalonien immer erstaunt – ich konnte den Begriff ja nicht einordnen –, wie häufig nicht von der spanischen Regierung die Rede war, sondern von «Faschisten».

Wie hat die Familie unter Franco überlebt?
In meiner Familie wird erzählt, meine Ururgrossmutter sei eine machtvolle Frau gewesen. Sie war katholisch, konservativ und machte ein Vermögen mit einem Fischgeschäft. Später baute sie auf dem Land Oliven und Gemüse an, mein Urgrossvater schmuggelte die Ware nach Barcelona, wo er sie teuer verkaufte. Das waren keine revolutionären, widerständischen Akte. Es ging ums Überleben, ums Geldverdienen.

Sie sagen, Ihre ganze Verwandtschaft wolle die Unabhängigkeit.
Ohne Ausnahme.

Aber wie soll diese Unabhängigkeit aussehen?
Neue Grenzen will eigentlich niemand in der Familie. Das ist Konsens.

Was will man dann?
Selbstbestimmt sein. Eine autonome Republik sein, ohne ein Verfassungsgericht im weit entfernten Madrid, das alles abwürgt. Es geht dabei nicht nur um Unabhängigkeit. Sie ist quasi der letzte Schritt, weil alle kleineren Schritte abgewürgt wurden. Katalonien will politisch viele Dinge anders und progressiver machen, den Atomstrom etwa oder die Gleichstellung betreffend. Aber das spanische Verfassungsgericht behindert die regionale Politik, was dazu geführt hat, dass sich immer weniger Leute Spanien zugehörig fühlen. Das Gummischrot, das die Guardia Civil bei ihren Angriffen auf die Wahllokale verschossen hat, ist symbolhaft: Gummischrot ist in Katalonien verboten.

Wenn man die deutsche Presse liest, fällt auf: Es wird scharf angeschrieben gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen.
Das macht mich mega hässig. Der «Spiegel» – eine Katastrophe. Die Deutschen mögen es in Bezug auf die fragile EU ordentlich. Unordnung macht ihnen Angst, und Katalonien könnte zum Präzedenzfall werden. Deshalb schreiben sie dagegen an.

Der Historiker Gustav Seibt hat in der «Süddeutschen Zeitung» geschrieben: Je kleiner und homogener eine Einheit sei, desto geringer werde ihre Verschiedenheitstoleranz. Selbstbestimmung führe in die Diktatur.
Hab ich gelesen. Schauen Sie, ich lese im Moment sowieso fast alles. Dazu schaue ich dauernd Livestreams aus Katalonien. Und dazwischen telefoniere ich mit meinen Verwandten. Die Stimmung ist derzeit von Hilflosigkeit geprägt, meine Familie glaubt nicht mehr an eine Lösung. Und seit dem 1. Oktober, als die Guardia Civil Wahllokale stürmte und Menschen, die wählen wollten, übel zusammengeschlagen hat, haben die Leute auch wirklich Angst. Sie haben diese Gewalt nicht erwartet.

Wurden Ihre Verwandten auch angegriffen?
Nein. Aber sie weinten trotzdem den ganzen Abend. Aus kompletter Überforderung. Man weiss, was man will. Und kurz vor dem Ziel scheint das endlos weit entfernt. Ich halte es für möglich, dass die Wucht des spanischen Staats und der EU, die jetzt die Unabhängigkeitsbewegung trifft, dazu führt, dass der Wille bricht. Wenn es plötzlich quasi ums nackte Überleben geht, werden andere Dinge wichtiger. Katalonien geht es wirtschaftlich gut: Warum das alles aufs Spiel setzen? Im Moment scheint niemand mehr eine genaue Vorstellung zu haben, wie es weitergehen soll. Gestern rief ich meinen Onkel an. Er fuhr gerade Auto, musste rechts ranfahren. Ich fragte ihn: «Onkel, kannst du mir die Situation zusammenfassen?» Alle, die im Auto sassen, lachten. Es war kein schönes Lachen.

Und dann?
Dann brach die Verbindung ab. Sie ist sowieso schlecht, die ganze Zeit. Als ich die Auszählung der Unabhängigkeitsabstimmung im Parlament verfolgte, brach der Stream total überlastet zusammen.

Wir waren bei Gustav Seibts Zitat: Je kleiner und homogener eine Einheit sei, desto geringer werde ihre Verschiedenheitstoleranz.
Die Mehrheit der Katalanen will unabhängig sein, aber die wenigsten sind für neue Grenzen. Wir wollen eine solidarische Republik, die sich nicht abschottet, die aber selbst über ihr Schicksal bestimmen kann. Ich verstehe die katalanische Flagge als Symbol von linken Werten. Heimat muss doch nicht automatisch Ausschluss bedeuten.

Gegner des Referendums werfen der Bewegung vor, sie sei eben nicht solidarisch, sondern asozial. Man sei vor allem auch aus finanziellen Gründen für eine Sezession.
Ich finde einen Finanzausgleich zwischen den Regionen wichtig. Doch hier geht es um etwas ganz anderes. Noch im Sommer musste Präsident Mariano Rajoy in einem Prozess zu einem der unzähligen Korruptionsskandale aussagen, die seine Volkspartei betreffen. Es ging um Couverts voller Schwarzgeld, die rumgeschoben wurden. Um Hochgeschwindigkeitsstrecken für Schnellzüge ins Nirgendwo, Flughäfen, die zwar gebaut, aber nie in Betrieb genommen werden. Diese Aufträge gehen an Leute aus der Volkspartei. Die Regionen zahlen Geld nach Madrid, wo es intransparent verschleudert wird. Die Korruption ist in Spanien seit Jahrzehnten ein derart grosses Thema, dass die Regionen zur Überzeugung gelangt sind, dass Selbstverwaltung klüger ist. Ich halte das nicht für asozial, sondern für vernünftig.

Spanien wie auch die EU erklärten das Referendum zur Unabhängigkeit mit Verweis auf die Verfassung für illegal. Das ist die nicht zu kittende Bruchlinie in diesem Konflikt.
Madrid ist nicht nur ein Sinnbild für Korruption, es ist auch ein Sinnbild für die Monarchie und die Kontinuität des Franco-Regimes. Als die Diktatur am Ende war, fand keine Aufarbeitung der Verbrechen statt. Stattdessen schrieben Francos Leute unter den Augen des Militärs 1978 ebendiese Verfassung, die es ermöglicht, die Regionen zu entmachten, so wie das am vergangenen Freitag passiert ist. Die Verfassung sorgte auch dafür, dass die Leute aus der Diktatur an der Macht blieben. Sie atmet denselben Geist, der 1939 herrschte, als Franco die katalanische Autonomie aufhob: «Die Verfassung gründet auf der unauflöslichen Einheit der spanischen Nation, gemeinsames und unteilbares Vaterland aller Spanier.» Eine Verfassung mit einem solchen Fundament blockiert jede Reform, blockiert den Föderalismus und zwingt den Leuten eine zentralistische Einheit auf, die in Spanien immer nur mit Gewalt zu halten war.

Der katalanische Schriftsteller Albert Sánchez Piñol schrieb kürzlich relativ dramatisch: «Der Bruch zwischen Spanien und Katalonien ist nicht mehr zu kitten. Spanien ist tot.» Wie sehen Sie das? Wie sieht Ihre Familie das?
Ich würde diesen Worten zustimmen. Und ehrlich gesagt entspricht das dem Eindruck, den meine ganze Verwandtschaft hat. Die Katalanen haben zwanzig Jahre lang am Verhandlungstisch versucht, mehr Autonomie zu erringen. Nichts hat sich bewegt. Was sich stattdessen bewegt hat, ist die Zahl der Menschen, die mehr Unabhängigkeit fordern. An der jährlichen Unabhängigkeitsdemonstration am 11. September nehmen jeweils eine Million Menschen teil. Der Zentralstaat kann das schon ignorieren. Aber ein Staat, der seine Leute mit Gewalt von den Urnen fernhalten muss, ist ein gescheiterter Staat, da können die Bürokraten noch so sehr auf Paragrafen verweisen.

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