Nr. 46/2017 vom 16.11.2017

Dekameron der Unterwelt

Von Sonja Galler

Vier Männer – ein Doktor, ein Student, ein Barbier und ein alter Mann – werden zu Schicksalsgenossen in einer unterirdischen, eisigen Gefängniszelle irgendwo in Istanbul. Wie Hundewelpen liegen sie eng beisammen, offenbaren sich aus Angst vor Verrat nur selten. Bruchstückhaft erfahren wir ihre Vorgeschichten: politische Aktivität, aber auch Zufall und Verwechslung brachten sie hinter Gitter. Ohne Hoffnung auf Freiheit und durch Folter geschwächt, haben sie von Zeit nur noch eine vage Vorstellung: «Der Schmerz hält die Zeit an und löscht das Gefühl für die Zukunft aus», heisst es einmal.

Um der Enge zu entfliehen, erzählen die Männer einander Geschichten. Wichtigster Schauplatz: Istanbul, die Metropole am Bosporus, in deren Kreislauf von Leben und Tod sich die Männer hineinerzählen: «Städte siedelten sich auf den Ruinen früherer Städte an, Tote bettete man in die Erde früherer Toter. Istanbul atmete mit den unterirdischen Zellen, in denen wir hockten, uns haftete der Geruch davongegangener Menschen an. In unserem Geist lagerten die Ruinen früherer Städte und früherer Menschen.»

Gleich einer düsteren Variante des «Decamerone», der italienischen Novellensammlung aus dem 14. Jahrhundert, sind die Erzählungen der Gefangenen mal zotig, mal traurig oder rätselhaft. Sie erzählen alte und neue Geschichten von gewitzten Nonnen, tragisch Verliebten und falschen Propheten. Wie dadurch ein Gewebe aus miteinander verflochtenen Geschichten entsteht, in das die Männer zum Schluss verschwinden, ist ebenso virtuos wie berührend geschrieben.

«Istanbul, Istanbul» ist der dritte Roman von Burhan Sönmez (Jahrgang 1965), der als junger Mann selbst Opfer von Polizeigewalt wurde und inzwischen einer der wichtigsten zeitgenössischen AutorInnen der Türkei ist. Die Kunstfertigkeit, mit der Sönmez eine Geschichte über Unrecht und Gewalt mit einer Hymne auf die Kraft des Erzählens verbindet, lässt auf weitere Übersetzungen seiner Bücher hoffen.

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