Klimaaktivismus in Deutschland : Showdown im Hambacher Forst

Nr.  48 –

In der Nähe von Köln ist seit Jahren ein Waldstück besetzt. Die KlimaaktivistInnen wollen den Energiekonzern RWE stoppen, der in unmittelbarer Nähe Braunkohle abbaut. Doch die Besetzung könnte bald Geschichte sein.

Im Visier der Bereitschaftspolizei: Anti-Kohle-AktivistInnen im rheinländischen Wald am Dienstag dieser Woche.

Westlich von Köln, im Rheinland, liegen die drei grossen deutschen Braunkohletagebaugebiete Garzweiler, Hambach und Inden. Die Landschaft ist hier geprägt von den bis zu 450 Meter tiefen Gruben, in denen die Kohle abgebaut wird. Etwa 100 Millionen Tonnen fördert der Energiekonzern RWE jährlich. In den Gruben arbeiten riesige Schaufelradbagger. Die grössten sind fast 300 Meter lang und 100 Meter hoch. In der Nähe des Abbaugebiets stehen wie an einer Perlenschnur aufgereiht mehrere Kohlekraftwerke.

Das Kraftwerk Neurath hat im Jahr 2015 32,1 Millionen Tonnen CO2 ausgestossen. Mehr vom schädlichen Treibhausgas hat in Europa nur ein polnisches Braunkohlekraftwerk produziert. Insgesamt wird im Rheinland ein Drittel der deutschen CO2-Emissionen aus der Stromproduktion ausgestossen. Dass RWE bei vielen Umwelt- und KlimaaktivistInnen als «Klimakiller» gilt, ist also nicht verwunderlich.

Dreistöckige Baumhäuser

Schon seit Jahrzehnten gibt es im rheinischen Braunkohlerevier Widerstand gegen RWE und den Braunkohleabbau. In früheren Jahren war dieser Widerstand geprägt von Menschen, deren Dörfer den Tagebaugebieten weichen mussten und die gegen ihre Umsiedlung protestierten. Aber auch Umweltschutzorganisationen wie der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V.) protestieren seit Jahren gegen die Landschaftszerstörung im Rheinland. Neu ist allerdings, was sich in den letzten Jahren rund um den Hambacher Forst entwickelt hat.

Der jahrtausendealte Wald in der Nähe der Ortschaft Kerpen ist zum Kristallisationspunkt im Widerstand gegen RWE geworden. 2012 wurden dort erstmals Bäume besetzt, um Rodungsarbeiten zu verhindern. Damals waren es allerdings nur wenige AktivistInnen, die sich in provisorischen Baumhäusern festketteten, um so die weitere Zerstörung des Waldes zu verhindern. Das hat sich in den letzten Jahren verändert. Im Rest des Hambacher Forstes gibt es mittlerweile zahlreiche Baumhaussiedlungen mit ganz unterschiedlichen Häusern. Teilweise haben die Baumhäuser drei Stockwerke, bis zu zwanzig Menschen können in ihnen schlafen. Auch die Innenausstattung der Häuser unterscheidet sich: Manche haben Holzöfen und grosse Fenster aus Plexiglas, andere sind klein und eher provisorisch.

Leben jenseits des Kapitalismus

Eine Aktivistin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, erzählt vom Zusammenleben im Hambacher Forst. Täglich gebe es Treffen, bei denen das Miteinander organisiert werde. Die Themen reichen von der gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit bis zur Frage, wer in welchem Baumhaus schlafen möchte. «Private» Baumhäuser gibt es nicht, aber natürlich sei man mit einem Haus, das man selbst gebaut habe, stärker verbunden als mit anderen.

Im Wald könne man viel lernen. «Als ich hergekommen bin, konnte ich nicht klettern, jetzt aber geht das ziemlich gut», sagt die Aktivistin und zeigt auf eine hohe Buche, in deren Krone sich ein Häuschen befindet. «Da komme ich sogar ohne Seil hoch.» Auch andere Dinge habe sie im Wald gelernt, etwa die Wartung eines Windrads, das die BesetzerInnen zur Stromversorgung gebaut haben. «Wir können hier unser Leben abseits vom Kapitalismus organisieren», sagt sie.

Doch nun wird es ernst. Freitag vergangener Woche wurde eine Klage des BUND gegen RWE abgewiesen. Die Umweltorganisation war der Auffassung, dass der Hambacher Forst, unter anderem wegen der dort lebenden seltenen Bechsteinfledermaus, besonders schutzwürdig sei. Das Gericht sah das anders, es gebe andere Schutzgebiete für die Fledermaus.

Steine gegen Pfefferspray

Und so begannen am Montag dieser Woche die Rodungsarbeiten im Hambacher Forst, flankiert von schwer gepanzerten PolizistInnen. Gut hundert KlimaaktivistInnen leisteten dagegen Widerstand und versuchten immer wieder, in das Gebiet zu gelangen, in dem Bäume gefällt wurden. Dabei sollen nach Polizeiangaben auch einzelne Steine in Richtung der PolizistInnen geflogen sein. Die Polizei setzte wiederum Pfefferspray gegen die Protestierenden ein. In den kommenden Tagen und Wochen ist mit einer Eskalation der Auseinandersetzung zu rechnen.

Atempause für die AktivistInnen

Bisher werden nur Bäume im Randgebiet des Waldes abgeholzt, doch je näher die Baumaschinen den besetzten Bäumen kommen, desto schwieriger wird es für den Energiekonzern und die Polizei werden. Am späten Dienstagnachmittag gab es allerdings eine neuerliche Wende in der Auseinandersetzung um den Wald. Eine höhere Gerichtsinstanz nahm eine Beschwerde des BUND an und verpflichtete RWE, bis zum endgültigen Gerichtsentscheid die Rodungsarbeiten auszusetzen.

Dass das Gericht im Sinne der Umweltorganisation entscheidet, gilt zwar als unwahrscheinlich, allerdings kann es Wochen oder sogar Monate dauern, bis die Entscheidung gefällt wird. Für die AktivistInnen im Hambacher Forst bedeutet das, dass sie nun erst mal eine Atempause haben.