Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Saleh ist tot, sein Clan ist es nicht

Der Krieg im Jemen hat seit dem Wochenende eine neue Intensität erreicht. Der Mord an Expräsident Ali Abdullah Saleh legt eine explosive Dynamik frei.

Von Elham Manea

«Jetzt wird der richtige Bürgerkrieg ausbrechen», sagte mir eine altgediente Beauftragte für humanitäre Angelegenheiten, die lange im Jemen gearbeitet hat und sich dort gut auskennt. «Und das hier war kein richtiger?», fragte ich. «Nein, ich glaube nicht», antwortete sie.

Es mag grausam klingen, aber die neusten Opferzahlen scheinen meiner Freundin recht zu geben. Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im März 2015 zählte die Uno mehr als 13 000 tote ZivilistInnen – darunter mehr als 1500 Kinder – und Zehntausende Verletzte. Seit letzte Woche die gewalttätigen Zusammenstösse zwischen der Saidi-Huthi-Miliz und den Anhängern des früheren Präsidenten Ali Abdullah Saleh ausbrachen, wurden mehrere hundert Menschen getötet und noch weit mehr verwundet. Und die Zahlen steigen weiter mit den Berichten von standrechtlichen Hinrichtungen und andauernden Kämpfen.

Ein Meister des Überlebens

Der Mord an Saleh am Montag schockierte AnhängerInnen und GegnerInnen gleichermassen. Einige feierten. In manchen Gegenden im Süden, wo Saleh während des Bürgerkriegs von 1994 eine Abspaltung unterdrückt hatte, wurde freudig Feuerwerk gezündet. Angesichts dessen, was er dort getan hatte, wäre alles andere merkwürdig gewesen.

Aber viele konnten es gar nicht glauben. Es war, als ob er niemals hätte sterben können. Ganze Generationen sind aufgewachsen mit seinem Gesicht, das in Schulbüchern, am Fernsehen und auf Plakaten in den Strassen prangte. Wie konnte er sterben? Er war ein Meister des Überlebens. Er genoss es, auf den Köpfen der Schlangen zu tanzen. Das heisse es, im Jemen zu regieren, sagte er einst zu einem Journalisten. Kam es überraschend, dass er von einer der von ihm aufgezogenen Lieblingsschlangen – den Huthi – ermordet wurde?

Zwischen 1974 und 1978 hatte die Jemenitische Arabische Republik (Nordjemen) drei Präsidenten in schneller Folge. Die ersten zwei wurden ermordet, der dritte gab die Macht ab, weil er um sein Leben fürchtete. Saleh war der vierte Präsident. Er war weder charismatisch noch besonders bekannt, als er 1978 die Macht übernahm. Als militärischer Befehlshaber und Mitglied des mächtigen Stammes der Haschid ohne gute Bildung war er nicht besonders respektiert. Manche nahmen an, dass er 1977 am Mord des früheren Präsidenten Ibrahim al-Hamdi beteiligt gewesen war und bloss als Fassade für die Interessen der Stämme und der Saudis diente. So glaubten nur wenige, dass er lange überleben würde. Doch er überlebte sie alle, wurde 1994 Präsident des vereinten Jemen, und er blieb es, bis er 2012 zum Rücktritt gezwungen wurde. Als alle dachten, dass seine politische Karriere vorbei sei, stieg er 2014 wie der Phönix aus der Asche. Er sicherte seine politische Bedeutung, indem er die Revolte der Huthi unterstützte.

Wandelbare Allianzen

Mit seiner Politik des Überlebens um jeden Preis legte sein Regime das Land in Trümmer. Es lebte von der treuen Unterstützung eines engen Netzwerks und wusste es auszunutzen, dass die Gesellschaft entlang von Sekten, Stämmen und Regionen geteilt war. In einem permanenten Wechselspiel wurden zu einem bestimmten Zeitpunkt einzelne politische und ethnische Gruppierungen einbezogen, um zu einem anderen Zeitpunkt wieder ausgeschlossen zu werden. Der Aufstieg islamistischer Bewegungen – sunnitischer wie saidistischer – ist ein Ergebnis dieser Politik.

Dass Salehs Regime so widerstandsfähig war, wurde der Tatsache zugeschrieben, dass er sich auf die militärische Machtbasis seines Stammes verlassen konnte. Aber diese Widerstandsfähigkeit endete wegen eines Machtkampfs innerhalb des Führungszirkels. Die unzufriedenen Mitglieder seines Clans, die 2011 den Aufstand der Jugend unterstützten, ebneten den Weg für die offene Feindseligkeit, die folgen sollte.

Wer die Ereignisse im Jemen verfolgt, hütet sich vor Prognosen. Wie kann man die Zukunft voraussagen, wenn die Allianzen wechseln wie Ebbe und Flut? Die Beobachtung meiner Freundin sollte jedoch nicht abgetan werden. Sie sagt uns, dass der Krieg heftiger werde, bevor er enden könne.

Zuvor waren Salehs Clan und die Konföderation der Haschidstämme gespalten. Manche kämpften an Salehs Seite, andere mit der Koalition unter saudischer Führung, wieder andere mit der Huthimiliz, die vom Iran unterstützt wird. Der Mord an Saleh wird dessen Clan wieder einen. Seine AnhängerInnen, die jetzt von seinem Sohn Ahmed angeführt werden, schliessen sich jenen Clanmitgliedern an, die an der Seite der von den Saudis geführten Koalition kämpfen. Zusammen werden sie den Krieg in jene Regionen bringen, die heute von der Huthi-Miliz und ihren Verbündeten kontrolliert werden.

Der eigentliche Bürgerkrieg wird jetzt beginnen. Wenn der Bürgerkrieg, der seit zwei Jahren wütet, kein richtiger war, dann fürchte ich mich vor der Zerstörung, die uns bevorsteht.

Elham Manea ist schweizerisch-jemenitische Doppelbürgerin. Die Politologin mit Spezialgebiet Jemen arbeitet als Autorin und Menschenrechtsanwältin.

Aus dem Englischen von Florian Keller.