Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

Ein Alarmsignal im Chaos

Der Bürgerkrieg im Jemen droht eine ganze Grossregion zu destabilisieren, die dann dem radikalen Islam anheimfallen könnte. Fragt sich, wann die Alarmsignale endlich auch im Westen gehört werden.

Von Elham Manea

Der Titel der Meldung lautete schlicht: «Vier Morde an homosexuellen Männern im Jemen». Eine britische LGBT-Gruppe (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) hatte sie am 16. September veröffentlicht, und sie blieb in den internationalen Medien ohne Resonanz. Seit dem 23. August seien in der jemenitischen Hafenstadt Aden vier Schwule gezielt umgebracht worden – also seit dort die im Jemen ansässige Dschihadgruppierung «Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel» Teile der Stadt kontrolliert.

Das mag angesichts der über 2300 toten ZivilistInnen, die der Krieg im Jemen bisher gefordert hat, wie ein Detail wirken. In Wahrheit ist es aber ein entscheidendes Alarmsignal, das deutlich macht, was noch auf den Jemen und die Region zukommen wird, falls sich das Land weiter zersetzt.

Der Konflikt im Jemen ist eine komplexe Angelegenheit: Es ist ein Bürgerkrieg, der von den Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran befeuert wird. Der Iran unterstützt die schiitisch-zaiditischen Rebellen auf der Seite des Expräsidenten Ali Abdullah Saleh, die als Huthi-Milizen bekannt sind. Saudi-Arabien hilft dem anderen Lager, den Truppen des Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi und den sunnitischen Milizen im Süden.

Allen in diesen Konflikt involvierten Parteien wird vorgeworfen, das humanitäre Völkerrecht und die Menschenrechte verletzt zu haben. Manche ihrer Vergehen sind gar als mutmassliche Kriegsverbrechen zu werten. Alle Parteien nutzten auch schwere Waffen, oftmals in stark bewohnten Gebieten. Gemäss einem Uno-Bericht sind 93 bis 97 Prozent aller Getöteten ZivilistInnen. Die von Saudi-Arabien angeführte arabische Militärallianz verhindert mit einer Luft- und Meeresblockade den Handel des Landes. Bei einem Land, das rund neunzig Prozent seiner Lebensmittel importiert, bedeutet dies, dass damit die Bevölkerung ausgehungert wird.

Ein machiavellistischer Machtkampf

Währenddessen kämpfen al-Kaida und der Islamische Staat (IS) um Einfluss in den südlichen Regionen und manifestieren ihre Präsenz in Aden. Beide Gruppierungen profitieren vom Machtvakuum, aber auch von der machiavellistischen Taktik, die die Konfliktparteien verfolgen.

Obwohl die Huthi Gegner dieser Gruppierungen sind und obwohl Expräsident Saleh die Huthi unterstützt, unterhält dieser auch starke Beziehungen zu den Dschihadisten. So ordnete er beispielsweise an, Truppen aus einigen Regionen im Süden abzuziehen – die dann von al-Kaida übernommen wurden. Die Vermutung liegt nahe, dass Saleh damit zeigen will, dass er für die Stabilität im Jemen unentbehrlich ist.

Saudi-Arabien und seine lokalen Verbündeten wiederum kämpfen Seite an Seite mit al-Kaida – weil sie das gemeinsame Ziel haben, die Huthi zu zerschlagen. Die umfangreiche Finanzierung des IS durch private Geldgeber aus Saudi-Arabien und Katar spielte bereits eine zentrale Rolle für dessen Aufschwung in den sunnitischen Gebieten im Irak. Die beiden Staaten finanzieren auch in Syrien dschihadistische Salafisten. Dabei verstricken sich auch die USA in Widersprüche: Sie führen im Jemen ihren Drohnenkrieg gegen al-Kaida weiter, während sie den saudischen Luftkrieg unterstützen.

Saudi-Arabien hat seine Ziele in Syrien, im Irak und im Jemen nicht erreicht. Assad ist weiterhin an der Macht. Die Allianz zwischen dem Iran, Syrien und Russland hat die sunnitische Hegemonie Saudi-Arabiens und von dessen dschihadistischen Verbündeten in der Region untergraben.

Was stattdessen geschah, war die Destabilisierung der Arabischen Halbinsel und ihrer Nachbarstaaten. Hinzu kommen die menschlichen Katastrophen: die Millionen von vertriebenen Syrern, Irakerinnen und Jemeniten, die verfolgten Minderheiten, die Versklavung von Frauen und Kindern im Irak und in Syrien.

Grenzenloser Islamismus

Die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien, die geschätzte zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung ausmacht, wächst – und sie äussert ihre Opposition zur saudischen Rolle im Jemen lautstark. Dies besonders deshalb, weil die saudischen Medien den Krieg in sektiererischen Farben malen. Dies zeigt, dass auch das Königreich – entgegen der weitverbreiteten Meinung und der Hoffnung seiner westlichen Partnerstaaten – längst nicht so stabil ist, wie es scheint.

Negative Konsequenzen der Entwicklungen im Jemen spürt insbesondere das östliche Nachbarland Oman. Der Sultan, Kabus ibn Said, hatte sich geweigert, der arabischen Militärallianz beizutreten. Stattdessen öffnete er die Grenzen für jemenitische Flüchtlinge und versucht, eine Vermittlerrolle einzunehmen, um den Krieg zu beenden. Auch die Region im Süden des Oman ist überwiegend sunnitisch; der wachsende Einfluss von al-Kaida und des IS wird auch vor den Grenzen Omans nicht haltmachen. Die Mehrheit der OmanerInnen zählt sich zu den IbaditInnen, einer muslimischen Konfession, die weder sunnitisch noch schiitisch ist. Aus Sicht dieser beiden Gruppen gelten die IbaditInnen als ketzerisch.

So droht die Region sich weiter zu destabilisieren. Bereits jetzt besteht eine vernetzte, islamistisch kontrollierte Grossregion aus Syrien, dem Irak, dem Jemen und dem Horn von Afrika Die gezielte Ermordung der vier homosexuellen Männer in Aden sollte in diesem Kontext gesehen werden. Sie signalisiert im Kleinen, was die zerfallende Grossregion im Grossen aufzeigt: die gefährliche Expansion und den wachsenden Einfluss menschenverachtender islamistischer Strömungen. Beides sollte als ein schrilles Alarmsignal wahrgenommen werden.

Elham Manea ist Politikwissenschaftlerin 
an der Universität Zürich und jemenitisch-
schweizerische Doppelbürgerin.

Aus dem Englischen von Merièm Strupler.

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