Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Bitcoin, das goldene Nichts

Von Daniel Stern

Credit-Suisse-Boss Tidjane Thiam hält den Bitcoin für «nutzlos», JP-Morgan-Chef Jamie Dimon spricht von «Betrug», und der superreiche konservative Spekulant Thomas Peterffy warnt gar vor einer Gefahr für das globale Finanzsystem. Die digitale Währung Bitcoin ist einem gewichtigen Teil des Finanzestablishments zu Recht nicht geheuer. Zu offensichtlich handelt es sich dabei um Spielgeld.

Doch auch gewichtige Stimmen spielen keine Rolle, wenn die Aussicht auf gigantische Profite lockt. Noch 2010 musste man für eine Pizza 10 000 Bitcoins überweisen. Hätte ein Pizzabäcker damals diese Bitcoins behalten, so bekäme er heute rund 117 Millionen US-Dollar dafür (Stand 5. Dezember, 14 Uhr). Allein in diesem Jahr hat sich der Wert eines Bitcoin verzwölffacht.

Der Bitcoin ist im Vergleich mit anderen Spekulationsobjekten noch eine kleine Nummer. Aber während bei staatlichen Währungen eine Zentralbank im Hintergrund darüber wacht, dass die Währung nicht ins Bodenlose stürzt oder masslos an Wert gewinnt, gibt es beim Bitcoin nichts von alledem. Die Zahl der Bitcoins ist zudem begrenzt, es werden immer weniger neue kreiert. Bei 21 Millionen ist Schluss. Alle Bitcoins zusammen haben derzeit einen Wert von rund 187  Milliarden Dollar. Alles Gold zusammen kostet dagegen rund 8200 Milliarden. Ein Bitcoin-Crash hätte kaum Auswirkungen auf die reale Wirtschaft.

Doch TeilnehmerInnen des «freien Marktes» wären nicht so frei, wenn sie nicht Mittel und Wege fänden, aus einer profitablen Wette eine noch viel profitablere Wette zu basteln. Da können sich Thiam, Dimon und Peterffy auf den Kopf stellen. Und so kann ab kommendem Sonntagabend an der Chicago Board Options Exchange (CBOE) auf den Kursverlauf des Bitcoin gewettet werden. Nur eine Woche später zieht dann die Chicago Mercantile Exchange (CME) nach, die grösste Terminbörse der Welt. Damit ist der Bitcoin geadelt. Denn nun wird der Markt erst richtig gross und ist von ehrbaren Finanzinstitutionen kontrolliert. Und dadurch wird er auch erst richtig zugänglich für Hedgefonds und grosse institutionelle Anleger wie Stiftungen und Pensionskassen. Sie können nun spekulieren, wie die Spekulation mit dem Bitcoin weitergeht. Während etwa bei der Spekulation auf Landeswährungen die wirtschaftliche Verfassung eines Staates in Erwägung gezogen wird, bei der Spekulation auf Weizen Ernteaussichten und Wettervorhersagen eine Rolle spielen, steht hinter dem Bitcoin letztlich die Frage, wie viele Menschen bereit sind, für «es goldigs Nüteli» – eigentlich etwas Wertloses – zu zahlen. Dieser Sekundärmarkt, die Wette auf die Kursentwicklung des «Nüteli», könnte noch viel grösser werden als der eigentliche Bitcoin-Markt. Damit könnte ein Bitcoin-Crash durchaus eine Finanzkrise auslösen – wenn nicht, was wohl wahrscheinlicher ist, die ganze Blase schon viel früher platzt.

Das ist gerade die Tragik am Bitcoin. Würde er seinen eigentlichen Zweck erfüllen, hätte er eine gesellschaftlich nützliche Funktion. Weil man ihn einfach, sicher und günstig rund um den Globus per Internet überweisen kann, könnte der Bitcoin ein praktisches Zahlungsmittel sein, ohne staatliche Kontrolle und ohne Einbezug von Banken, die hohe Transaktionsgebühren verlangen. Es werden sich wohl aus der Vielzahl von Kryptowährungen andere durchsetzen, die die Funktion als globales Zahlungsmittel schliesslich einnehmen. Allerdings darf dabei ihr Handicap, dass sie etwa auch Geldwäscherei erleichtern, nicht ignoriert werden.

Mit Bitcoins jedenfalls will heute niemand mehr zahlen. Ihr Wert ist viel zu volatil. Für die Finanzwirtschaft ist das jedoch der Clou. Dass überhaupt so wild auf ein «Nüteli» spekuliert wird, ist symptomatisch für den derzeitigen Zustand der Finanzwirtschaft. Zur Bekämpfung der Finanzkrise, die ja wegen der Spekulation im US-Häusermarkt ausbrach, haben die Zentralbanken im grossen Stil Geld gedruckt, um mit diesem «billigen» Geld die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Doch damit haben sie nur erneut die Spekulation befeuert; auf Aktien, auf Immobilien und eben auch auf den Bitcoin. Dass Gewinner des Spekulationsbooms wie Thiam, Dimon und Peterffy jetzt vor den Auswüchsen warnen, zeigt eigentlich nur, wie verzweifelt die Situation bereits ist.

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