Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Im Schlachthaus träumen sie vom Schnee

Ist das noch geschmackvoll filigran oder schon aseptisch? Für ihren verträumten Liebesfilm «On Body and Soul» wurde die Ungarin Ildiko Enyedi in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Von Lukas Foerster

Grosse, keusche Gefühle im Winterwald: Was haben die Hirschkuh und der Hirsch überhaupt mit den ProtagonistInnen zu tun? Still: Filmcoopi

Immer wieder sind die Bilder so gestaltet, dass sich das Gesicht von Maria (Alexandra Borbely) kaum von seiner Umgebung unterscheiden lässt. Mehrmals verschwindet ihr Antlitz ganz oder teilweise hinter verspiegelten Oberflächen, und auch sonst hebt es sich mit seiner blassen Hautfarbe und den hellgelb-matten Haaren kaum von den lichten Weiss-, Grau- und Hellblautönen ab, die die Farbpalette bestimmen. Dazwischen als Kontrast: rote Farbtupfer oder auch -spritzer, denn Maria arbeitet in einem Schlachthaus, als Qualitätskontrolleurin.

Wenn das Blut der Tiere rückstandslos in ein detailliert ausgearbeitetes Dekorationskonzept eingearbeitet wird, kann man das als ein Beispiel für die filigrane Gestaltung des Films bewundern. Oder aber als Indiz dafür lesen, dass «On Body and Soul» ein Film ist, der eher von einem Konzept her gedacht ist als von der Welt, die er darstellt, und von den Figuren, von denen er erzählt.

Ein Mosaik mit Lücken

Die ungarische Regisseurin Ildiko Enyedi hat mit ihrem ersten Langfilm seit achtzehn Jahren auf der Berlinale gleich den Goldenen Bären gewonnen – vor allem angesichts von Aki Kaurismäkis meisterlichem «The Other Side of Hope» ein eher schwer nachvollziehbarer Entscheid der Jury. Wobei man «On Body and Soul» eine gewisse ästhetische Geschlossenheit nicht absprechen kann, und insbesondere der Anfang ist stark: disparate Bilder, die sich weniger zu einer Erzählung fügen als zu einem Mosaik, das in sich rund wirkt und doch mysteriöse Lücken lässt.

Da sind zum einen Momentaufnahmen vom Arbeitsalltag im Schlachthaus. Neben Maria steht dabei der Finanzdirektor Endre (Geza Morcsanyi) im Fokus, ein Mann im mittleren Alter. Weil er meistens am Schreibtisch sitzt, dauert es eine Weile, bis man bemerkt, dass einer seiner Arme gelähmt ist und, wenn Endre aufsteht, schlaff herabhängt. Zwischendurch eingefügt sind kurze Feierabendszenen: Sowohl Maria als auch Endre leben allein, die entsprechenden Passagen sind aber bereits so geschnitten, als würden sie einen Raum teilen. Und als ein zunächst komplett unverbundenes Drittes sehen wir zwei Hirsche durch einen verschneiten Wald spazieren.

Nach einem Einbruch im Schlachthaus sortieren sich die Dinge. Eine Psychologin befragt die Angestellten auf Anordnung der Polizei getrennt voneinander, und dabei stellt sich heraus, dass die Waldszenen Traumbilder sind. Unabhängig voneinander haben Maria und Endre nachts nämlich dieselben Träume. Diese magisch-realistische Wendung bleibt etwas verloren in der Luft hängen, aber die Szenen mit der Psychiaterin bringen doch einen neuen, zunächst durchaus spannenden Tonfall in den Film – schon deshalb, weil Reka Tenki als Psychologin die prägnanteste Darstellerin im Ensemble ist, aber auch, weil gerade der vorher fast eigenschaftslos anmutende Endre plötzlich an Kontur gewinnt. In der passiv-aggressiven Art, wie er auf die Fragen reagiert, aber auch an einem langen, leicht übergriffigen Blick, den er auf Klaras Brüste richtet, merkt man: Das Verhärmte, fast Mönchische in ihm ist Ausdruck einer Selbstkontrolle, die jederzeit versagen kann. Bei Maria verhält es sich fast umgekehrt: Die ist vor dem Interview die interessantere, weil mysteriösere Figur; aber ihre Spleens und ihre scheue Zurückhaltung, so stellt sich heraus, sind Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung, die man vermutlich im Autismusspektrum zu verorten hat.

Als die Sache mit den Träumen geklärt ist, verengt sich der Film doch ziemlich: Es geht dann eigentlich nur noch darum, die beiden nicht nur im Imaginären, sondern auch in der fleischlichen Wirklichkeit zu vereinen. Das dauert seine Zeit: Damit Maria und Endre endlich zusammen im Bett landen können, muss sie desensibilisiert und er resensibilisiert werden; sie muss ihre Angst vor den chaotischen Oberflächen der Welt verlieren und er wieder lernen, die Nähe anderer Menschen zuzulassen.

«Twilight» für Erwachsene

Die allzu selbstgenügsam durchgestylten Bilder, in die Ildiko Enyedi diese Geschichte giesst, arbeiten derweil zunehmend gegen den Film. Angesichts der geschmackvoll entfärbten, klinisch reinen Ton-in-Ton-Kompositionen, durch die sich Maria und Endre bewegen, bleibt ihre Annäherung eine Behauptung, gerade was das Körperliche, Sexuelle betrifft. Stattdessen reiht der Film eher karge Pointen aneinander: Maria beginnt, Pornos zu schauen, und einmal hört sie ein Death-Metal-Stück, das wie mit dem Vorschlaghammer in die fein ziselierte Stimmungsmalerei des Soundtracks hineinplatzt.

Boshaft ausgedrückt, verwandelt sich der Film in der zweiten Hälfte in eine altersverschobene Arthouse-Version jener Young-Adult-Romanzen, die im Gefolge von «Twilight» einige Jahre lang in die Multiplexe gespült wurden: grosse Gefühle, keusch verpackt in etwas zu glatt und sauber anmutende Bildwelten.

Ab 7. Dezember 2017 im Kino.