Nr. 49/2017 vom 07.12.2017

Frechheit gegenüber den Elefanten

Ruedi Widmer besucht einen neuen Verein

Von Ruedi Widmer

Ein unauffälliges Haus in Bätterkinden am Ortsausgang: Gertrud Huber ist Präsidentin des Vereins gegen Verniedlichung von Tieren (VGVT). Fünf Mitglieder. «Aber bald viel mehr!»

«Schauen Sie mal Elefanten in Kinderbüchern an.» Viel zu grosse Augen, zu kleine Rüssel. Oder geometrische Elefanten aus einem Kreis mit einem Strich als Rüssel und einem dünnen Strichli als Schwanz. Ein Elefant sei keine Architektur. «Wir vom Verein finden das überhaupt nicht herzig, sondern eine Frechheit gegenüber den Elefanten, die sich nicht dagegen wehren können.»

Huber kommt jetzt richtig in Fahrt. Die Figur Dagobert Duck entspreche in keinster Weise dem Leben der Enten. Enten seien von Natur aus nicht reich.

Hat niemand im Verein selber Kinder? Als Eltern kommt man automatisch mit kindergerecht dargestellten Tieren in Berührung. «Warum kindergerecht?», ruft Huber und wird feuerrot. «Kinder haben ein Anrecht, die Tiere so kennenzulernen, wie sie wirklich sind! Die Raupe Nimmersatt zum Beispiel. Eine Raupe ist nicht rot und so schlecht gezeichnet. Eine Raupe ist ganz klein und mit feinster Zeichnung. Ein Kind, das mit der Raupe Nimmersatt aufwächst, ist als Erwachsener nicht in der Lage, eine Raupe zu erkennen.»

Beginnt denn das «lustige» Zeichnen von Tieren nicht schon bei den Kindern selber? Wenn eine Dreijährige einen Löwen zeichnet? Gertrud Huber ist überzeugt, die Kinder seien halt bereits geschädigt von den Tierdarstellungen auf der Schoppenflasche und dem Breiteller. Ich würde Ursache und Folge verwechseln. «Das sind ihre ersten Tierbegegnungen, also gehen sie davon aus, ein Tier müsse ‹lustig› aussehen.»

Ist Gertrud Huber selber ein gebranntes Kind? «Ich hatte nie einen Teddybären, und ich hätte mir eigentlich einen gewünscht.»

Sie reist regelmässig in Tierreservate und zeigt den Tieren Abbildungen von verniedlichten oder vermenschlichten Tieren. Man müsse sie mit der Realität konfrontieren. Sie hätten ein Anrecht, zu sehen, was ihnen angetan werde. Einmal habe sie ein Hund gebissen. Er habe geglaubt, sie hätte das Bild gezeichnet, das sie ihm vors Gesicht hielt. Auch Bienen hätten sie gestochen, als sie völlig ausser sich mit einem Poster von Biene Maja vor dem Bienenhaus aufgekreuzt sei. Sie seien halt wütend gewesen, «und ich habe mich für die fehlbare Menschheit geopfert».

Eine Schande, dass der Zoo Stofftiere für Kinder verkaufe. Eine Verhöhnung der eigenen Tiere im Zoo. «Ich sage Ihnen, wenn das die Löwen wüssten, sie würden sofort die Mitgliedschaft im Zoo aufkündigen.» Hat Gertrud Huber doch ein bisschen Humor?

Der Hoffnungsschimmer verschwindet schnell. Was sie denn von verniedlicht gezeichneten Kindern halte oder von Karikaturen von Donald Trump. Die Darstellung von Menschen habe in Einklang mit der Schöpfung zu stehen. Wenn man Trump verballhorne, mache man sich auch über Gott lustig, denn Trumps Aussehen sei ein Werk Gottes. Gertrud Huber erweist sich im weiteren Gespräch als sehr gläubig.

Sie sitzt regungslos auf dem Stuhl. Nur ihre Augen bewegen sich. Ob sie nie lache? Nein, das täten nur gottverlassene Menschen. Und Tiere lachten nicht.

In der Bibel ist die Schlange bei Adam und Eva Symbol des Teufels. Ob sie das den Schlangen im Zoo erzähle, wenn sie sich bei ihnen wegen Kaa aus dem Dschungelbuch entschuldige?

Gertrud Huber winkt ab. Man solle nicht Sachen vermischen, die nichts miteinander zu tun hätten. Ich suchte verzweifelt nach einem Grund, sie in die Pfanne zu hauen. Ich sei von den Medien, und da erwarte sie eigentlich nicht, dass ich die Wahrheit schreibe. Eigentlich wäre die Welt besser ohne Leute wie mich, die völlig unkritisch seien.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht gesagt, dass sie lieber nicht mit den Medien reden wolle, sondern zwischen den Antworten erwartungsvoll auf meine Notizen geblinzelt.

Ruedi Widmer ist Personenerfinder in Winterthur.

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