Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Aktivist wider Willen

Der Schweizer Aussteiger Bruno Manser hinterliess Hunderte von illustrierten Tagebuchseiten. Der hochaktuelle, wieder aufgelegte Bericht ist in weiten Teilen ein Zeugnis einer nüchternen Forschernatur.

Von Andreas FagettiMail an AutorIn

König des Dschungels: Der Nashornvogel Belengang soll seine laute Stimme einst in einem Tauschhandel mit dem heute stummen Ameisenbären erhalten haben. Illustration: Bruno Manser

Das letzte schriftliche Lebenszeichen Bruno Mansers erreicht die Schweiz im Juni 2000, ein Brief in Französisch an seine Freundin Charlotte Bélet in Porrentruy. Dann verlieren sich die Spuren des Schweizers im Regenwald des malaysischen Bundesstaats Sarawak. 2005 wird er für verschollen erklärt. Ob er lebt, ob der in Malaysia als Staatsfeind geltende Regenwaldschützer ermordet wurde, ob der Risikofreudige verunfallte, bleibt ungeklärt. Doch wer er war, wie er tickte, was ihn antrieb – es ist gut dokumentiert. Der von einem unersättlichen Erkenntnishunger getriebene, der Natur zugewandte Basler hat Hunderte von sorgfältig illustrierten und akkurat beschriebenen Tagebuchseiten hinterlassen.

Auch sein grösstes Abenteuer, sein jahrelanger Aufenthalt im akut bedrohten Regenwald von Sarawak beim kleinen Volk der Penan, hat er aufgezeichnet. Die 2003 erstmals publizierten und eben wieder aufgelegten «Tagebücher aus dem Regenwald» sind Dokumente eines Forschungsreisenden, in der Machart durchaus vergleichbar mit Dokumentationen von Naturforschern aus dem 19. Jahrhundert. Etwa Alfred Russel Wallace, der zwischen 1854 und 1862 den indonesischen Archipel erforschte und unabhängig von Charles Darwin eine Evolutionstheorie entwickelte. Natürlich ist Bruno Manser kein Wallace. Aber er ist auch kein platter Nachahmer, kein romantischer Naturanbeter, keiner, der die Indigenen idealisierend entstellt.

Bruno Manser eignet sich zwar die Sprache der Penan (und anderer Waldvölker) an, er lernt Malaysisch und Indonesisch, er verwandelt sich äusserlich im Lauf der Zeit in einen Penan. Aber er bleibt in vielem doch ein Deutschschweizer. Die Zivilisation, die er hinter sich lassen will, holt ihn ein in Gestalt der Abholzungsindustrie und verwandelt Bruno Manser in einen Widerstandskämpfer wider Willen. Denn er geht nicht als kampfbereiter Aktivist in den Regenwald, er spielt sich schon gar nicht als Anführer auf. Aber er tut alles für die Sache. Und der in lebenspraktischen Dingen geschickte Manser erweist sich dabei auch als gewiefter PR-Stratege. Damit lenkt er die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Zerstörung der Lebenswelt der Penan und des Regenwalds.

«Zuvielisation»

Der erste der vier Tagebuchbände setzt im Januar 1984 ein: «Flug–Zürich–Bangkok: Mit 1000 Stundenkilometern Geschwindigkeit flitzt der Donnervogel 10 km über dem Erdboden durch Wolkenfelder. Kein Lufthauch ist davon zu spüren. Passagiere geben sich selbstverständlich – gelangweilt über Menue im Plastik-Wegwerfgeschirr.» Selbst das Flugzeuginnere illustriert Manser. Nichts entgeht seinen wachen Sinnen. Darin klingt an, was die aktuelle Klimadebatte ausmacht: Fliegen, Plastikmüll, überbordender Konsum.

Bruno Manser lässt die Millionenstadt Bangkok rasch hinter sich, weg von der «Zuvielisation» Richtung Südthailand. Dort taucht er sogleich ein ins Leben der muslimischen Landbevölkerung: «Gegenseitig freuen wir uns am Zusammensein, lernen voneinander Englisch und Thai-Put und haben am neu Gelernten Spass wie Erstklässler. Die Bauern pflanzen Reis und halten Wasserbüffel und Rinder. An einem Tag helfe ich ein abgeerntetes Reisfeld für Süsskartoffelanbau umzustechen, an einem anderen nehmen wir Abschied als Freunde.» Wo auch immer er hinkommt, packt er mit an – und verschafft sich so Zugang zu den Menschen.

Manser schaut überall genau hin, so wie er es seit jungen Jahren getan hat, in den Schweizer Alpen, wo er mehr als ein Jahrzehnt arbeitete, kletterte, die Natur erforschte und in seinen Tagebüchern festhielt. Er will alles selber können, was es zum Leben braucht – selbst Kleider und Schuhe herstellen, fischen, Milch verarbeiten, Brot backen, gar Höhlen erforschen. In den Regenwald-Tagebüchern notiert er später: «Sich möglichst viele Lebensnotwendigkeiten selbst herzustellen, schafft Kommunikation, Auseinandersetzung mit der Materie und daraus Wissen und Freiheit.» Diese zivilisationskritische Haltung legt der eigenwillige Arbeitersohn schon in seiner Jugend an den Tag.

Manser, so beschreibt ihn sein Biograf Ruedi Suter, packt überall, wo er hinkommt, mit an, bindet sich aber an nichts und niemanden wirklich. Die Fertigkeiten, die mentale und körperliche Härte, die er sich in den Alpjahren angeeignet hat, helfen ihm, als er vom malaysischen Festland nach Sarawak übersetzt und sich – ein hochriskantes Unterfangen – allein in den Regenwald begibt. «In diesen Tagen war das peinvoll erfüllte Pensum wohl nie mehr als ein paar hundert Meter. So hart hatte ich mir den Weg zu den Eingeborenen nicht vorgestellt. Mutterseelenallein in dieser gottverlassenen Gegend. Ein Beinbruch wäre wohl der Tod.» Als Leser fragt man sich: Wie kann er unter diesen Umständen dieses Tagebuch führen und illustrieren, was er sieht? Schliesslich stösst er auf das friedliche Waldvolk, das ihn, zunächst skeptisch, dann doch in seinen Reihen aufnimmt.

Der Forscher

Im Lauf der Zeit verliert sich das Tagebuchartige, weicht einem nüchternen Bericht und mündet in die Beschreibung des Widerstands gegen die Abholzung des Regenwalds, der Zerstörung der Lebenswelt der Penan und benachbarter indigener Völker. Manser zeichnet und beschreibt die Tiere und Pflanzen des Waldes, notiert den Schöpfungsmythos der Penan: «Der Urvater der Menschen war der Riese Pabo. Mit dem Palu hat er den Himmel nach oben gestossen. Er wurde von dem Zwergenvolk Apolia bekämpft. Einst schlugen sie mit ihren Buschmessern auf die Unterschenkel des Riesen ein, bis er tot ins Wasser umfiel. Seine Haare verwandelten sich in Menschen. Sein Penis in das Sago der Uwut- und Jaka-Palme.»

Diese Tagebücher dokumentieren mit grossem Respekt das Leben einer untergehenden Welt. Man kann sich darin stundenlang verlieren, sich ausmalen, wie es sein könnte, mit weniger auszukommen – und dabei ein reiches Leben zu führen.

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